Fernsehen
NDR Fernsehen in Zusammenarbeit mit Radio Bremen
Sonnabend, 3. Mai 2003, 23.25 - 3.50 Uhr
Die lange Moor-Nacht II
Radio Bremen und der NDR laden ein zu einem weiteren nächtlichen Ausflug in eine sagenumwobene Landschaft. Das Interesse an der ersten langen Nacht über das Moor war überwältigend. Bis in die frühen Morgenstunden harrten die Zuschauer aus, um das Schicksal der Familie Kehding zu verfolgen und die Raritäten zum Thema Teufelsmoor aus dem Radio Bremen-Archiv zu sehen. Im zweiten Teil wird die Familiensaga, die sich über zwei Jahrhunderte erstreckt, zu Ende erzählt. Außerdem ist ein außergewöhnlicher Naturfilm und eine liebevolle Schilderung Worpswedes, des Künstlerdorfs im Moor, zu sehen. Den Abschluss bildet ein Archivfundstück aus den frühen 60er Jahren mit dem Jazzmusiker Knut Kiesewetter.
In der Serie "Teufelsmoor" wird am Beispiel der fiktiven Familie Kehding die Geschichte der Kolonisierung des Teufelsmoors erzählt. Der Grundton wird von der Landschaft vorgegeben und der Zugang zu den Bildern des Teufelsmoores weniger rational als vielmehr über Gefühle geschaffen: unmittelbarer als gewohnt, zumindest für den, der bereit ist, sich ihnen zu öffnen.
Um 1900 (Folge 4) ist Georg Kehding der Besitzer des Moorhofes. Er hat die Zeichen der Zeit erkannt und arbeitet als erster mit Kunstdünger. Um jeden Preis will er seinen Hof in einen Betrieb verwandeln, der so ertragreich wie ein Geesthof ist. Seine Frau Metta fährt auf Einladung des nach Amerika ausgewanderten Onkels in die Vereinigten Staaten. Georg, äußerlich erfolgreich, vereinsamt, hofft auf die Rückkehr seiner Frau.
In der Folge 5 steht Heinrich Kehding im Mittelpunkt. Er glaubt an das neue goldene Zeitalter, seit er bei einer Exkursion des Landvolks eine jener gigantischen Torfkuhlmaschinen gesehen hat, mit denen man versuchte, den Moorboden in eine Sandmischkultur umzupflügen, die reiche Erträge versprach. Der Krieg zerstört seine Illusionen. Sein einziger Sohn Hans Heinrich muss als Soldat nach Russland. Auf einem Heimaturlaub erkennt der Vater ihn kaum wieder. Die große Zeit endet in Zerstörung.
In der letzten Folge ist Hans Heinrich Kehding bereits ein alter Mann. 1982 bewirtschaftet er seinen Hof nicht mehr, sondern arbeitet für eine Torfbaugesellschaft. Als sein Arbeitgeber ihn entlässt und der Staat beginnt, Grund und Boden im Moor aufzukaufen, verharrt er auf seinem Hof, lebt von eigenem Anbau und wird vergessen. Das Moor wird in militärisches Übungsgelände umgewandelt. Nach zehn Jahren - die ersten Schüsse fallen - verlässt Hans Heinrich zum ersten Mal wieder seinen Hof. Er findet eine völlig veränderte Landschaft vor: das Moor fällt in seinen Urzustand zurück, ein Kreis beginnt sich zu schließen.
Die Geschichte der Kehdings von Elke Loewe ist übrigens unter dem Titel "Teufelsmoor" im vergangenen Jahr als Roman im Rowohlt-Taschenbuch-Verlag erschienen.
In der Reihe "Lebensraum in Gefahr" hat sich der Naturfilmer Theo Kubiak mit dem Moor beschäftigt. Neben dem Watt und dem Hochgebir-ge gehören die Moore zu den letzten Urlandschaften, die heute noch bestehen. Werden die deutschen Moore, die bis auf das letzte Zehntel bereits trockengelegt und längst unter Acker- und Weideland verschwunden sind, für immer zerstört? Theo Kubiak drehte seinen Film 1977. Inzwischen haben Naturschützer ihre Forderung, lebensfähige Moore vor jeglicher Nutzung zu schützen, durchsetzen können. Viele vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen haben wieder eine Überlebenschance. Dennoch hat Theo Kubiaks Film nicht an Aktualität verloren.
"Ein grausiges Land, in dem ihr da lebt", fand der Dichter Rainer Maria Rilke 1900 bei einem seiner ersten Besuche in Worpswede. Doch er kam wieder, und seine Malerfreunde und Gründer der Künstlerkolonie öffneten ihm die Sinne für die Schönheiten des absolut flachen Ackerlandes und der trostlosen sumpfigen Weite des Teufelsmoores - in Bildern voller Farbenrausch und Melancholie, mal märchenhaft-heiter, mal mystisch-düster. Diesen Bildern spürt Britta Lübke in ihrem Film "Worpswede" aus der Reihe "Bilderbuch Deutschland" nach. Der Tourismus ist inzwischen die wichtigste Einnahmequelle des Ortes. Und an manchen Sommertagen sind die kleinen Straßen so überfüllt, dass die Besucher - auf der Suche nach dem inspirierenden Geist des abgeschiedenen Künstlerdorfs - am Ende bestenfalls Gleichgesinnte gefunden haben. Doch bunte Blumenwiesen, goldgelbe Felder, dunkle Kanäle, weiße Birkenalleen und wunderschöne Fachwerkhäuser, all das gibt es auch heute noch zu entdecken.
Eng verbunden mit dem Teufelsmoor ist die Stadt Osterholz-Scharmbeck; eine Ortschaft führt den Teufel sogar im Wappen. Dabei beruht der Name auf einem Übersetzungsfehler. Taubes, unfruchtbares Moor wurde anfangs Plattdeutsch "duves Moor" genannt. Später ist "Düwelsmoor" daraus geworden und bei der Rückübersetzung ins Hochdeutsche dann schließlich "Teufelsmoor". In der Mühle von Osterholz-Scharmbeck wurden in den 60er Jahren Jazzkonzerte veranstaltet. Der letzte Film der langen Moor-Nacht berichtet darüber. Der Musikjournalist Siegfried Schmidt-Joos stellt den Jazzclub Jazzmühle vor und präsentiert die Preisträger des ersten internationalen Amateur-Jazz-Festivals in Düsseldorf mit Knut Kiesewetter und dem Harald Eckstein Sextett.
Mehr Informationen zum Moor im Internet: http://www.radiobremen.de/online/natur/teufelsmoor/index.html
Die Serie "Teufelsmoor" ist auf Videokassetten bei Radio Bremen zu beziehen (Tel. 0421/246-2218).
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