Birgitta Tunkel, Frauenbeauftragte von Radio Bremen [Quelle: Radio Bremen, Martin von Minden]
Grußrede der Frauenbeauftragten

Birgitta Tunkel, Frauenbeauftragte von Radio Bremen, begrüßt die aus ganz Deutschland und Österreich angereisten Medien-Frauen.

Groß-nicht-artig ist unser Motto

Grußrede der Frauenbeauftragten von Radio Bremen, Birgitta Tunkel

Ich begrüße

-alle Teilnehmerinnen aus Deutschland und Österreich
-die Bremer Bürgermeisterin Karoline Linnert,
-die Bremer Landesfrauenbeauftragte Ulrike Hauffe
-den Radio Bremen Intendanten Jan Metzger
- die Radio Bremen Direktorin für Unternehmensentwicklung und Betrieb, Brigitta Nickelsen
und  eröffne das 38. Herbsttreffen der Frauen in den Medien.

Herzlich Willkommen bei Radio Bremen!

                                   

                         Großnichtartig  ist unser Motto -

was  macht Menschen groß und nicht artig? Wir alle hätten wahrscheinlich unterschiedliche Beispiele, aber auch Schnittmengen. Welche Frauen bewerten wir als großartig? Welche Art von weiblicher Macht stimmt uns positiv? Welche befremdet uns? Sind wir Frauen gleichzeitig frei von Konkurrenz und von der überfordernden Erwartung, wenn schon machtvoll, dann bitte doch elegant, charmant, sozial?

Mögen wir Mutter Theresa? Katharina die Große? Elisabeth Selbert ? Marie Curie oder Lise Meitner? Virginia Satir oder Margarete Mitscherlich? Olympe de Gouges oder Rosa Luxemburg? Oder immer noch Alice Schwarzer, die trotz aller unbegreiflichen Irrungen so wichtig war? Kommt drauf an, wie wissenschaftlich, künstlerisch oder politisch wir uns selbst verstehen. Jede von uns würde wohl eine andere Wahl treffen.

Darstellung, die mit Reduzierung einhergeht

Eines haben unsere Beispiele aber gemeinsam – sie mussten sichtbar werden und sichtbar gemacht werden. Unzählige Frauen, die Großes geleistet haben, wurden lange nicht angemessen sichtbar, erfuhren zu geringe Wertschätzung oder verschwanden hinter Männern. Oder sie wurden respektlos dargestellt. Und das werden sie heute immer noch, viel zu oft.

Dies enthält zentrale Themen auch unseres diesjährigen Herbsttreffens:

Erstens -    Frauen als gruppenübergreifendes Metathema
Zweitens -  Bewertung und Wertschätzung
Drittens -     Sichtbarmachung und ihre Qualität

Wir beobachten Fortschritte, aber auch immer noch zu viele und zu gravierende Defizite. Ob Beine oder Ausschnitte in den Fokus gelegt werden oder Anliegen von Frauen lächerlich gemacht werden, Angela Merkels Anzüge endlos kommentiert werden, oder Frauen in Unterhaltungsfilmen und –serien  blöd, intrigant, oder  östrogengesteuert dargestellt werden. Dabei halte ich, mit Verlaub, zu viel Testosteron nach wie vor für das gefährlichere Hormon. Wir müssen uns nur auf die Autobahn wagen. Testosteron könnte übrigens auch spannendes Thema in den neuen Jugendformaten sein – auf den Umgang mit neuer Machokultur und Rapperszene sind wir sehr gespannt!  Hohe mediale Verantwortung, wir werden hinsehen und –hören!

Problem ist nicht, dass Frauen und Männer unterschiedlich sind und auch  unterschiedlich dargestellt werden. Problematisch ist die klein haltende, einschränkende, lächerlich machende, oder sexualisierte Darstellung von Frauen, die immer mit Reduzierung einhergeht.

Hauptsache Aufmerksamkeit

Kritik daran wird immer schwieriger, weil das Prinzip "Hauptsache Aufmerksamkeit" gilt. Das Motto "Regen Sie sich doch bitte gern auf, wir freuen uns!"  macht auch Kritik an sexistischer Darstellung schwer, sie ist kalkulierte Reaktion.

Zur Diskriminierung von Frauen und Frauenthemen gibt es auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Beispiele in allen Medien. Leider. Die unsäglichen Prototypen bei den Privaten, von Frauentausch über die Geissens und Katzenbergers verbieten denkenden Menschen Kommentare. Die Tendenz der Spaßgesellschaft, sich grenzenlos über alles lustig zu machen, geht heftig auch zu Lasten von Frauen. Sex and Crime bleiben die Adrenalinpuscher. Authentisch und schmutzig wird zurzeit gern gewünscht.

Hingegen sind  Gender oder geschlechtergerechte Sprache – schon immer und auch durch diese Entwicklungen umso größere Reizthemen. Wir werden sie sehr gern lebendig halten!

Recht auf Beteiligung an Macht und Einfluss

Wir Frauen wollen keine Einschränkungen per Darstellung, Rolle oder Struktur, wir fordern unser Recht ein auf Beteiligung an Macht und Einfluss. Die betrieblichen Strukturen bilden Benachteiligungen aber nach wie vor deutlich ab.

Arbeitsratenveränderungen und Teilzeit sind weiblich; wenige Mütter, aber sehr viele Väter in Leitungspositionen, Einkommen ab der mittleren Hierarchie für Männer nach oben, für Frauen nach unten zeigen die traditionellen Schieflagen. Ich möchte keine männlichen Sekretäre und Assistenten, solange wir keine 6 Intendantinnen haben. Mindestens, wir bleiben bescheiden. Bescheidener als die Männer mit 70/80 % über Jahrzehnte.  Wenn wir oben angekommen sind, machen wir gern etwas Platz.

RBB-Intendantin Dagmar Reim sagte auf die Frage, wie das denn so als Intendantinist: "Tja, da dreht frau sich gerade mal 2000 Jahre um und schon ist sie Intendantin."

Wir wollen in diesen gemeinsamen Tagen in Bremen gemeinsam auch daran arbeiten, dass wir nicht irgendwann von 3000 Jahren sprechen müssen. Wir erwarten insbesondere vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk Vielfalt, Abbildung der Realität und zukunftsweisende Darstellung von Frauenleben, und in der betrieblich gerechten Teilhabe auf allen Ebenen Vorbild zu sein.

Ich wünsche uns allen eine engagierte gemeinsame Zeit in diesem liebenswerten Sender, der großundnichtartig kreativ und innovativ mit einer tollen Belegschaft arbeitet und in dem betriebliche Frauenförderung auch von der obersten Leitung konkret unterstützt wird. Es wird sich weiter viel ändern – und ändern müssen!

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