Von der Türkei nach Deutschland
Serife Seyitler ist eine von 14 Millionen ausländischen Arbeitskräften und ihren Angehörigen, die von Anfang der 1950er Jahre bis zum Anwerbestopp 1973 nach Deutschland gekommen sind. Ihre Enkelin Zübeyde geht mit uns auf Spurensuche quer durch Bremerhaven.
Zübeyde East fiebert dem Tag der Eröffnung der neuen Migrations-Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven entgegen. Die junge Frau, die aus einer türkischen Familie stammt, aber in Bremerhaven geboren und aufgewachsen und mit einem Amerikaner verheiratet ist, arbeitet im Deutschen Auswandererhaus. Schon oft, so sagt sie, habe sie sich beim Gang durch die Ausstellung zur Auswanderung gedacht, dass es doch ganz schön wäre, wenn auch die Geschichte derjenigen erzählt würde, die nach Deutschland eingewandert sind. Deshalb freut sie sich umso mehr, dass dieser Wunsch nun in Erfüllung geht. Und sie ist stolz, dass ihre Familie dabei eine Rolle spielt. Denn ihre inzwischen 83-jährige Großmutter, Serife Seyitler, ist einer der Menschen, deren Geschichte in dem neuen Migrationsmuseum erzählt werden, stellvertretend für eine der großen Gruppen, die in den vergangenen 300 Jahren nach Deutschland eingewandert sind.
Wie viele ihrer Landsleute kam Serife Seyitler aus der Türkei nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Unter dem Vorwand, ihr Vater sei krank, verabschiedete sie sich 1969 im Alter von 40 Jahren von ihrem Mann und der Familie zuhause in der Millionenstadt Adana und machte sich zunächst auf den Weg nach Istanbul, reiste dann aber heimlich weiter nach Deutschland. Über München ging es nach Bremerhaven. Die Stadt an der Wesermündung war das Ziel. Hier gab es Arbeit in der Fischindustrie. Es lockten das Geld und der Traum von einem besseren Leben in der Türkei, wenn sie später wieder zurückkehren würde. Die Türkin folgte zwei ihrer Töchter, die bereits seit Anfang der 60er Jahre in Deutschland arbeiteten. Die Auswanderung ihrer Großmutter sei ein mutiger Schritt gewesen, sagt die Enkelin, denn für sie war es damals eine Reise ins Ungewisse. Viel wusste die Großmutter nicht von Deutschland. So hatte sie zum Beispiel gehört, dass es hier kein Wasser, sondern nur Bier gibt. Die Flüsse und Seen während der Zugfahrt durch Deutschland räumten dieses Vorurteil aber schnell beiseite. Inzwischen ist die Dame 83 Jahre und lebt als eine der wenigen Familiemitglieder immer noch in Bremerhaven. Anders als die meisten Kinder und Enkelkinder ist sie nicht wieder in die Türkei zurückgekehrt.
Serife Seyitler ist eine von 14 Millionen ausländischen Arbeitskräften und ihren Angehörigen, die von Anfang der 1950er Jahre bis zum Anwerbestopp 1973 nach Deutschland gekommen sind. Doch auch in Jahrzehnten und Jahrhunderten davor kamen immer wieder Migranten nach Deutschland. Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven blickt in seinem neuen Ausstellungsteil auf 300 Jahre Einwanderung zurück. Angefangen mit den Hugenotten, die ab 1685 vor der Verfolgung in Frankreich nach Brandenburg-Preußen flohen, über die deutsch-holländischen Wanderarbeiter im Münsterland, den polnischen Bergarbeitern im Ruhrgebiet und den Kriegsflüchtlingen bis hin zu den italienischen oder türkischen Gastarbeitern. Die Ausstellungsmacher wählten vor allem solche Biographien aus, die typisch für eine große Gruppe von Einwandern sind, und die unser Land stark geprägt haben.
Der neue Ausstellungsteil beginnt in einer Ladenpassage der 70er Jahre. In den Auslagen der Schaufenster liegen verschiedene Objekte, darunter auch persönliche Erinnerungsstücke der 15 Menschen, deren Spuren verfolgt werden. Auch ein besticktes Kissen von Serife Seyitler ist dabei. Die Türkin hatte es mit 14 Jahren zur Aussteuer bekommen. Man entdeckt diese Sachen erst auf den zweiten Blick, sagt DAH-Direktorin Simone Blaschka-Eick, wie man auch erst auf dem zweiten Blick erkennt, wie sehr Deutschland von den Einwanderern geprägt wurde. Und auch das ist den Machern des Deutschen Auswandererhauses wichtig: der neue Perspektivwechsel geht einher mit Veränderungen in der bestehenden Ausstellung. Unmittelbar vor dem Übergang über die Brücke in das Migrationsgebäude wird jetzt in dafür umgebauten Räumen des ersten Gebäudes erläutert, wie es den deutschen Einwanderern damals nach ihrer Ankunft in den USA ergangen ist, wohin sie nach ihrer Ankunft in der Neuen Welt weitergereist sind, welche Jobs sie hatten und wie sie sich dort eingelebt haben.
Migration in Deutschland
Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven ist seit 2005 das Museum zum Thema Auswanderung. Seit dem 22. April zeigt es auch die Einwanderung nach Deutschland. Anhand von Biografien und persönlichen Erinnerungsstücken können Besucher nachempfinden, wie sich die Veränderung für die Familien anfühlt haben muss. Hintergründe und Berichte finden Sie hier in unserem Online-Dossier. Mehr...
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