Die Böttcherstraße
An der eingewölbten Ziegelmauer des Paula Becker-Modersohn-Hauses blickt ein massiger kahler Schädel mürrisch in den Handwerkerhof: Ludwig Roselius, wie Bernd Hoetger ihn sah. Im realen Leben war Ludwig Roselius (1874-1943) ein ausgesprochener Tatmensch und ein Mann mit vielseitigen Interessen.
Ludwig-Roselius-Büste in der Böttcherstraße, Plastik von Bernhard Hoetger
Geboren wurde er 1874 in Bremen als Sohn des Kaufmanns Diedrich Roselius, dessen kleine Kaffee-Importfirma der Sohn in ein blühendes Großunternehmen verwandelte. Grundlage des Geschäftserfolgs war die Erfindung des koffeinfreien Kaffees. 1906 gründete Ludwig Roselius die Kaffee-Handels-AG (Kaffee HAG), die rasch expandierte und Niederlassungen in Hamburg, Amsterdam, Wien und London hatte.
Kaffee, Kunst, Kommerz - Das Leben des Ludwig Roselius, [44:00]
Ludwig Roselius (1874 -1943) um 1924, Kaffeehändler, Gründer der Firma Kaffee Hag, Kunst-Mäzen
Bereits als junger Mann interessierte sich Ludwig Roselius für die Geschichte Bremens und Norddeutschlands. Mit Begeisterung – und dem nötigen Kleingeld – sammelte er Archäologisches, Antiquitäten und Kunstschätze. Sein besonderes Augenmerk richtete er auf die Böttcherstraße, eine ehemalige Handwerkergasse in der Bremer Innenstadt, die sich um 1900 in einem ruinösen Zustand befand. 1902 kaufte er das ehemalige Kontorhaus Nr. 6 und ließ es behutsam renovieren und erst zum Firmensitz, dann zum Museum ausbauen – dem heutigen Ludwig-Roselius-Haus.
Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg entwarf Roselius der Plan, einen persönlichen Beitrag zur "deutschen Sache" zu leisten. Ihm schwebte eine Art Geschichtslehrpfad vor, ein begehbares volkspädagogisches Gesamtkunstwerk: "Die Wiedererrichtung der Böttcherstraße ist ein Versuch, deutsch zu denken. Das, was nach dem Kriege bei uns an starken Heimatgedanken in der Luft lag, sollte dort festgehalten werden."
Ludwig Roselius über die Kunstsammlungen der Böttcherstraße 1932, [2:07]
Roselius war ein moderner Werbefachmann. Er wusste, warum er keine papiernen Festschriften herausgab, sondern gleich eine ganze Straße errichten ließ: "Bauten haben ihre eigene Sprache. Ihr Einfluss auf die Beschauer ist nachhaltig, da sie das Selbsterleben anregen und das in uns wertvoll machen, was nur durch Selbsterleben wachsen kann." Er beauftragte die Architekten Alfred Runge und Eduard Scotland sowie den Bildhauer Bernhard Hoetger mit dem Umbau der Straße nach seinen Intentionen. Von 1922 bis 1931 entstanden hier Museen, Kunstwerkstätten und Verlage.
Trotz des völkisch-nationalen Programms, das Roselius seinem Kunstprojekt verordnete, war die Böttcherstraße im Dritten Reich Zielscheibe eifernder nationalsozialistischer Kulturkritker und wurde von Hitler höchstpersönlich auf dem Nürnberger Parteitag 1936 scharf abqualifiziert: "Wir haben nichts zu tun mit jenen Elementen, die den Nationalsozialismus nur vom Hören und Sagen her kennen und ihn daher nur zu leicht verwechseln mit undefinierbaren nordischen Phrasen und die nun in irgendeinem sagenhaften atlantischen Kulturkreis ihre Motivforschungen beginnen. Der Nationalsozialismus lehnt diese Art von Böttcherstraßen-Kultur schärfstens ab."
Adolf Hitler über die Bremer Böttcherstraße 1936, [0:31]
Dennoch blieb die Bremer Böttcherstraße unangetastet. Endgültig beigelegt wurde der Streit mit einer kurzen Bekanntmachung im "Gesetzblatt der Freien Hansestadt Bremen" vom 7. Mai 1937: "Die an der Böttcherstraße gelegenen Bauten sind in die Anlage A der Bekanntmachung, betreffend den Schutz von Baudenkmälern und Straßen – und Landschaftsbildern vom 30. November 1934 aufgenommen worden."
Damit wurde das erst wenige Jahre alte Ensemble faktisch unter Denkmalschutz gestellt. Die Entscheidung ging vermutlich auf Hitlers Intimus Albert Speer zurück, der eine Art Gutachterrolle spielte. Jedenfalls war die Böttcherstraße fortan gefeit gegen Eingriffe – ein glatter Sieg für Ludwig Roselius.
Die Böttcherstraße wurde also ohne Begründung unter Schutz gestellt. Das widerlegt die bis heute gepflegte Legende, sie habe als Beispiel für entartete Kunst Denkmalsrang erhalten. Ludwig Roselius starb 1943. Er erlebte nicht mehr, wie sein Lebenswerk bei einem Bombenangriff im Oktober 1944 weitgehend in Schutt und Asche gelegt wurde.
Der Bombenangriff vom 6. Oktober Zerstörung 1944, Eingang Martinistraße
Die Böttcherstraße
![Böttcherstraße um 1926 [Quelle: Böttcherstrassen-Archiv, Stickelmann] Böttcherstraße um 1926 [Quelle: Böttcherstrassen-Archiv, Stickelmann]](/wissen/dossiers/boettcherstrasse/boettcherstrasse120_v-mediateaser.jpg)
Die Bremer "Böttcherstraße" ist eine ehemalige Handwerkerstraße von gerade mal 110 Metern Länge, die der Bremer Unternehmer und Mäzen Ludwig Roselius in den Jahren 1922 bis 1931 in ein einzigartiges Architekturensemble aus expressionistischen Bauformen und mythologischen Versatzstücken umwandeln ließ.
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