Biogas-Branche
Biogasanlangen schießen wie Pilze aus dem Boden. Allein im vergangenen Jahr sind deutschlandweit 1.200 neue Anlagen entstanden. Im Gegensatz zu Wind- und Sonnenenergie ist die Biogasmethode nicht wetterabhängig – ein großer Vorteil. Doch auch diese Methode der Energiegewinnung hat Nachteile: Gegner kritisieren die "Vermaisung" der Landschaft und den Gestank.
Die Anzahl der Biogasanlagen hat sich seit 1999 versiebenfacht.
Biogas entsteht durch die Vergärung von Biomasse. Das Gas ist brennbar und somit ein wichtiger Energielieferant. Die hierfür benötigen Rohstoffe werden entweder aus Gülle oder sogenannten Energiepflanzen wie Mais und Raps gewonnen.
Energie aus nachwachsenden Rohstoffen – das klingt nach einer guten Alternative zu umweltgefährdender Atomenergie und schmutzigen Kohlekraftwerken. Immerhin stammen die Rohstoffe aus der Natur, oder es sind Abfälle, die in der Landwirtschaft ohnehin entstehen. Rückstände aus der Produktion sind organisch und deswegen umweltverträglich. Soweit die Theorie.
In der Praxis ergibt sich jedoch ein etwas anderes Bild. Innerhalb der letzten Jahre hat sich die Anzahl der Biogasanlagen versiebenfacht. Während es im Jahre 1999 bundesweit nur 850 Anlagen gab, waren es 2010 schon 6.000.
FünfeinhalbProzent des Gasbedarfs könnten in Deutschland einmal durch Biogas abgedeckt werden, ließen Experten 2005 verlauten. Aber um die entsprechenden Anlagen zu betreiben, braucht es riesige Mengen an Rohstoffen. Eine Anlage, die Strom für ungefähr 1.000 Haushalte produzieren kann, benötigt täglich 90 Tonnen Mais-Silage. Diese Rohstoffmengen können längst nicht mehr nur aus den Abfallprodukten der Landwirtschaft gewonnen werden. Stattdessen hat der Anbau von Mais massiv zugenommen. Kritiker fürchten eine Maismonokultur, die der Umwelt schaden könnte.
Ungefähr ein Drittel der Ackerfläche in Niedersachsen besteht bereits aus Maisfeldern. Die biologische Vielfalt ist gefährdet, Tiere sind in ihrem natürlichen Lebensraum eingeschränkt.
Seit 2011 gibt es deshalb die Initiative "Farbe ins Feld". Sie soll Bauern deutschlandweit dazu anregen, ökologisch sinnvolle Blühstreifen an und in ihren Maisfeldern anzulegen. Diese können Tieren und Insekten als Nahrungsquelle und Lebensraum nutzen.
Zusätzlich soll auch die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) dafür sorgen, dass sich der Maisanbau nicht ungehemmt ausbreiten kann. So dürfen seit Anfang 2012 nur noch 60 Prozent der Energiepflanzen für Biogasanlangen aus dem Maisanbau stammen. Der Fachverband Biogas e.V. kritisiert diese Einschränkung als "zu früh". Ersatz für die sehr effizienten Maispflanze benötige noch etwas Zeit.
Doch die "Vermaisung" ist nur ein Problem, das Kritiker an Biogasanlangen bemängeln. Viele Anwohner befürchten, unangenehmen Gestank ertragen zu müssen. Laut dem Fachverband Biogas eine unbegründete Angst. "Es entsteht lediglich ein leichter Geruch nach Maissilage", sagt Andrea Horbelt vom Fachverband Biogas e.V.. Dies sei "ein für die Landwirtschaft völlig normaler Geruch".
Davon einmal abgesehen, bringen Biogasanlagen ein erhöhtes Verkehraufkommen mit sich: Rohstoffe müssen angeliefert werden, es entsteht zusätzlicher Verkehrslärm. Inzwischen gibt es zahlreiche Bürgerinitiativen, die gegen Biogasanlagen in ihrer Region protestieren.
"Unsere Erfahrung zeigt , dass der Widerstand dort geringer ist, wo man die Anlangen schon kennt", berichtet Horbelt. Meist lasse sich für das vermehrte Verkehrsaufkommen eine Regelung finden. Es sei häufig auch ein Fehler der Bauherren, wenn sie die Bevölkerung nicht rechtzeitig informieren.
Trotz der vielen Kritiker nimmt Niedersachsen einen wichtigen Platz in der Biogas-Energieversorgung ein. Derzeit stammt jede dritte Kilowattstunde Biogas-Strom aus Anlangen in Niedersachsen. Im vergangenen Jahr zählte das Niedersächsische Ministerium für Landwirtschaft 1.300 Biogasanlagen landesweit.
Immer mehr Getreide landet in der Biogasproduktion.
Rund 7.000 Landwirte sind als Betreiber und Rohstofferzeuger an der Produktion von Biogas beteiligt. Zehn Prozent des niedersächsischen Strombedarfs werden bislang durch Biogas abgedeckt (Stand 2011). Europaweit produziert Niedersachsen ganze 27 Prozent der gesamten Energie aus Biogasanlagen.
Inwieweit der steigende Getreideverbrauch durch die Anlagen auf die Dauer zum Problem wird, darüber sprach Nordwestradio-Moderator Jörn Albrecht mit Josef Pellmeyer, er ist Präsident des Fachverbandes Biogas.
Biogas allein wird wohl kaum die Energiewende herbeiführen können. Dennoch hat diese Form der Stromgewinnung gewisse Vorteile gegenüber anderen erneuerbaren Energien:
Die Biogasproduktion ist nicht vom Wetter abhängig und steht auch dann zur Verfügung, wenn die Produktion von Wind- und Sonnenenergie nicht still steht. Außerdem kann Energie aus Biogasanlangen einfacher gespeichert werden, als die aus Windkraftanlagen: So können die Bauern die Rohstoffe aufbewahren oder das Gas direkt in das Erdgasnetz eingespeisen. Die Branche wird wohl auch weiterhin deutlich wachsen. Der Fachverband Biogas e.V. hofft, dass sich die Anzahl der neuen Anlagen auf 300 bis 500 im Jahr einpendeln wird.
Darüber, welche Rolle Biogas bei der Energiewende spielen kann, gehen die Meinungen naturgemäß stark auseinander. Während Andrea Horbelt vom Fachverband Biogas im Radio-Bremen-Interview von einer elementaren Rolle spricht, will Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister die Förderung von Bioenergie kürzen.
Der lange Weg zur Energiewende
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