Andrea Horbelt im Interview
Ohne ein Zusammenspiel aller erneuerbaren Energien kann die Energiewende kaum gelingen. Die Biogas-Branche entwickelt sich seit einigen Jahren sehr schnell, dennoch wird sie von vielen eher belächelt. Auf der anderen Seite verurteilen Kritiker die Monokultur der Energiepflanzen. Welche Rolle spielt Biogas in Deutschland denn eigentlich?
Radio Bremen: Frau Horbelt, welchen Stellenwert würden sie Biogas in der Energiewende zuordnen?
Andrea Horbelt: Biogas spielt eine entscheidende Rolle in der Energiewende. Bei einem Energiemix aus Sonne, Wind und Biogas stehen die Gasreserven eben auch dann zur Verfügung, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Es handelt sich hier also um einen Energieträger, der liefern kann, wenn die anderen ausfallen. Von daher nimmt Biogas schon eine hohen Stellewert ein und ist außerdem weitaus einfacher zu speichern als zum Beispiel die Energiereserven aus der Windkraft. Das Gas kann in lokalen Speichern zurückgehalten und bei Bedarf verstromt werden oder aber als aufbereitetes Biomethan direkt ins Erdgasnetz eingespeist werden.
Anfang des Jahres wurde das Erneuerbare-Energie-Gestetz verändert. Welche Konsequenzen haben sich daraus für die Biogas-Branche ergeben?
Die EEG-Novelle hat die Entwicklung unserer Branche leider etwas verkompliziert. Mit dem EEG von 2009 sind wir besser gefahren. Das neue Gesetz sieht es zum Beispiel vor, dass 60 Prozent der entstehenden Wärme genutzt werden müssen. Das macht die Vertragsgestaltung etwas schwieriger. Die Wärmeabnehmer wissen, dass die Betreiber der Anlagen die Wärme loswerden müssen und können deshalb niedrigere Preise verlangen. Auf der anderen Seite kennen auch die Banken diesen Sachverhalt und sind deshalb bei der Kreditvergabe zögerlicher geworden.
Außerdem wurde Anfang des Jahres auch festgelegt, dass nur noch 60 Prozent des Rohstoffes für die Biogasanlangen aus dem Maisanbau stammen dürfen. Das heißt für die verbleibenden 40 Prozent müssen andere Energiepflanzen angebaut werden.
Eine Maismonokultur, die durch die Biogasanlagen gefördert wird, ist ein viel kritisiertes Thema. Macht eine solche Regelung da nicht Sinn?
Grundsätzlich schon, es ist nur etwas zu früh für eine solche Einschränkung. Mais wird in Deutschland seit langer Zeit angebaut. Die Forschung ist weit fortgeschritten und die Landwirte haben viel Erfahrung im Umgang mit Mais. Eine mögliche Alternative wäre die Zuckerrübe. Die Pflanze hat viel Potential, aber da braucht die Forschung einfach noch ein bisschen länger. Durch die EEG-Novelle benötigen wir aber jetzt sofort eine Lösung für die verbleibenden 40 Prozent.
Der Mais ist unter den Nutzpflanzen eine der verträglicheren. Beim Maisanbau werden zum Beispiel relativ wenige Pestizide eingesetzt. Generell ist es aber nie besonders gut, wenn sehr große Schläge einer Pflanzensorte angebaut werden. Das hemmt die Biodiversität und schränkt die Tiere ein.
Die Bevölkerung hat wohl vor allem vor der Höhe der Pflanze Angst. Mais wird um die zwei Meter hoch und stört so das Landschaftsbild. Deswegen haben wir auch die Initiative "Farbe ins Feld" gestartet. Damit rufen wir Landwirte dazu auf, einen Streifen am Rande der Felder oder mitten durch die Schläge mit Wildpflanzen zu besetzten. So lässt sich die "Vermaisung" etwas durchbrechen und Vögel und Insekten haben einen Rückzugsort.
In letzter Zeit haben sich viele Bürgerinitiativen gegen Biogasanlagen gegründet. Wie geht man damit um?
Ich denke, etwas Widerstand im Volk bleibt bei so neuen Dingen nie aus. Studien haben aber ergeben, dass der Widerstand dort geringer ist, wo man die Anlangen schon kennt.
Die Leute haben meist eher diffuse Ängste. So glauben viele, dass die Biogasanlangen stinken. Das ist aber gar nicht der Fall. Es gibt einen leichten Geruch nach Maissilage, aber der ist sowieso typisch für die Landwirtschaft. Anwohner fürchten auch ein massives Verkehrsaufkommen durch die Anlangen, schließlich müssen die Rohstoffe dorthin transportiert werden. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass man den Verkehr ganz gut regulieren kann. Die Bedenken der Bevölkerung sollte man auf jeden Fall ernst nehmen. So könnten viele Bauherren die Bevölkerung rechtzeitig informieren, dann fühlen die sich nicht so überrumpelt.
Was zeichnet Biogas gegenüber anderen erneuerbaren Energien aus?
In den Biogasanlagen entsteht ja nicht nur Strom, sondern zusätzlich Wärme, die verwertet werden kann.
Und Biogas kann als Erdgasäquivalent genutzt werden. Es besteht die Möglichkeit einen heimischen Energieträger auszubauen, der Deutschland unabhängiger von den Exporten anderer Länder macht. Außerdem kann es als Kraftstoff für Erdgasautos verwendet werden und ist damit insgesamt breiter aufgestellt als Wind- und Sonnenergie. Wichtig ist aber: es kommt auf das Zusammenspiel der drei Energiequellen an.
Wie wird sich die Branche weiterentwickeln?
Etwas mehr Kontinuität könnte nicht schaden. Durch das EEG gibt es ungefähr alle drei Jahre radikale Veränderungen der Rahmenbedingungen. Es gibt also Hochs und Tiefs in unserer Branche. Das sind Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, aber die sind nicht wirklich bedrohlich für die Biogasenergie. Im laufenden Jahr rechnen wir mit weniger neuen Biogasanlangen als 2011. Im letzten Jahr wurden 1.200 Anlangen neu gebaut, das sind schon sehr viele. Es wäre gut, wenn sich der Zuwachs kontinuierlich auf ungefähr 300 bis 500 neue Anlagen pro Jahr einpendeln würde.
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