11. März 2013, 7:35 Uhr
Nordwestradio Journal
11. März 2011: Ein Erdbeben der Stärke 9,0 erschüttert den Norden Japans. Der nachfolgende Tsunami löst eine Atomkatastrophe aus. Tausende Menschen fliehen vor der radioaktiven Strahlung. Während sich Deutschland nach Fukushima dem Atomausstieg verschrieben hat, schickt sich Japan an, alle heruntergefahrenen AKWs wieder in Betrieb zu nehmen.
In ganz Japan gab es am Montag eine Gedenkminute. Erinnert wurde an die Opfer der Erdbeben-, Tsunami- und Atomkatastrophe. Die Bürger der evakuierten Stadt Okuma, wo es im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu einem Super-GAU gekommen war, gedachten ebenfalls der Opfer. Fast 11 000 Menschen allein aus Okuma sind bis heute auf der Flucht vor der weiterhin hohen radioaktiven Strahlung. Peter Kujath berichtet.
Atomkraft in Japan und Lage in Fukushima, [3:40]
Am Jahrestag der Katastrophe demonstrierten Atomgegner gegen die Politik der Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe. Doch die Demonstranten stießen auf taube Ohren. Japan werde die derzeit heruntergefahrenen Atomkraftwerke im Lande wieder in Betrieb nehmen, sobald ihre Sicherheit bestätigt sei, ließ der seit Dezember amtierende Rechtskonservative die Öffentlichkeit wissen. Die Botschaft ist klar: Der von seinem Vorgänger beschlossene Atomausstieg bis 2040 wird rückgängig gemacht. Darüber und über die aktuelle Lage in den betroffenen Gebieten sprach Nordwestradio-Moderator Martin Busch mit Heinz Smital, Kernphysiker und Greenpeace-Atomexperte.
Fukushima: Was hat Japan gelernt?, [6:21]
Von den 50 Reaktoren im Land sind derzeit nur zwei in Betrieb. Nach der Katastrophe im AKW Fukushima Daiichi waren sämtliche Reaktoren wegen Sicherheitsüberprüfungen und Wartungsarbeiten heruntergefahren worden. Für rund zwei Monate war die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt völlig frei von Atomstrom.
Schon frohlockten Gegner der Kernenergie, Japan werde dem Beispiel Deutschlands folgen und ganz aus der Atomenergie aussteigen. Doch dann kamen die Unterhauswahlen. Abes Liberaldemokratische Partei kehrte an die Macht zurück. Jene LDP, die verantwortlich für eine Atompolitik ist, bei der jahrzehntelang Sicherheitsfragen wie in Fukushima vernachlässigt worden waren.
Die Entscheidung, wann die Atomreaktoren im Lande wieder angefahren werden, will Abe auf Grundlage neuer Sicherheitsstandards treffen. Vor dem GAU in Fukushima hatten solche Sicherheitsuntersuchungen den AKWs stets bescheinigt, die sichersten der Welt zu sein.
Prof. Steffi Richter
Die künftigen Standards, die die neue Atomaufsichtsbehörde im Juli dieses Jahres in Kraft setzen will, sollen die striktesten der Welt sein, heißt es nun. Über die politische Entwicklung in Japan und die Folgen der AKW-Katastrophe sprach Nordwestradio-Moderatorin Nicole Nelhiebel mit Steffi Richter, Japanologin an der Uni Leipzig.
Fukushima und die Lehren, [5:22]
Für die deutsche Politik war Fukushima der Anlass, aus der Atomenergie auszusteigen – nur ein gutes Jahr, nachdem Laufzeitverlängerungen für die meisten deutschen Reaktoren beschlossen worden waren.
Im Nordwesten betraf der dramatische Richtungswechsel besonders das "Kernkraftwerk Unterweser" (KKU) in Kleinensiel in der Wesermarsch. Seine noch kurz zuvor verlängerte Laufzeit wurde nun wieder um rund zehn Jahre verkürzt: Es wurde gleich endgültig vom Netz genommen. Wir haben uns dort zwei Jahre nach dem "Aus" umgesehen.
AKW Unterweser zwei Jahre nach Fukushima, [3:23]
Man sieht noch, dass hier mal ein Hochsicherheitsgebiet war. Doch heute sind die Stahltore und Schlagbäume offen, die Wachhäuschen unbesetzt.
Für Atomkraftgegner war die Reaktor-Kuppel schon seit der Inbetriebnahme 1978 ein Schreckgespenst, eine tödliche Bedrohung für die ganze Region. Der langjährige Anlagenchef Karl Ramler dagegen hat das Kraftwerk des Betreibers "E.on" immer auf der sicheren Seite gesehen. Als die Nachrichten aus Fukushima immer bedrohlicher wurden, ahnte er dennoch schon, dass ein Weiterbetrieb politisch kaum durchzusetzen wäre.
"Wir haben zwar noch für die Anlage gekämpft, weil sie unter den in Rede stehenden die technisch am besten augestattete war. Dann hat sich aber herausgestellt, dass sie aufgrund von, ich nenne es mal 'übergeordneten Überlegungen' abgestellt wurde", erinnert sich Ramler.
Vor zwei Jahren, wenige Tage nach der beängstigenden Havarie im japanischen Fukushima, reagierte die deutsche Bundesregierung mit einem Atom-Moratorium, in dessen Verlauf das Kernkraftwerk Unterweser vom Netz ging. "Außer Betrieb" ist es deswegen noch lange nicht, denn die Brennelemente strahlen noch und produzieren Hitze. Und solange sie strahlen, muss 60 Prozent des Kraftwerks-Inventars dort bleiben, wo es ist. Rund 200 Menschen sorgen heute noch für dessen Instandhaltung.
Als das Kraftwerk noch im Leistungsbetrieb war, also noch Strom einspeiste, arbeiteten hier 400 bis 500 Personen. Hunderte Fachkräfte sind teils bundesweit in anderen E.on-Standorten untergekommen, teils in der Region bei anderen Unternehmen. Doch manche sind trotz hoher Qualifikation arbeitslos.
Der Bürgermeister der Gemeinde Stadland, Boris Schierhold, beobachtet die Veränderungen genau. "Bei Airbus und Daimler sind einige Leute untergekommen. Das sind aber dann eher welche aus dem technischen Bereich", hat Schierhold sich sagen lassen. Schwieriger werde es für ehemalige Kraftwerksmitarbeiter aus dem kaufmännischen Bereich.
Viele werden die Gegend verlassen, befürchtet Bürgermeister Schierhold, und dazu gehören nicht nur die Arbeitskräfte aus dem Kraftwerk, sondern natürlich auch Zulieferer, Versorgungsbetriebe und Einzelhändler. Sie gehen nicht unbedingt heute oder morgen, aber ohne Gegensteuern vielleicht bald. "Der große Kahlschlag hat noch nicht eingesetzt, aber man wird es sukzessiv über 20 Jahre zu spüren bekommen", ist er überzeugt.
Egal, ob man pro oder contra Atomkraft eingestellt ist – sicher ist: Das Ende des Kernkraftwerks ist ein wirtschaftlicher Verlust.
Die Gemeinde Stadland mit ihren Ortschaften Rodenkirchen, Schwei, Seefeld und Kleinensiel hat nicht viele Alternativen zu bieten. Im Tourismus und in der Landwirtschaft ist die Konkurrenz übermächtig. Durch Wegfall von Arbeitsplätzen zum Beispiel bei Olympia und Bundeswehr wurde der Haushalt schon in den vergangenen 20 Jahren geschwächt.
Bürgermeister Schierhold sieht schwarz für seine Gemeinde: In zehn Jahren gebe es hier wahrscheinlich nur noch Schulden. "Dann können sie nur noch verwalten, aber nicht mehr gestalten", ist er überzeugt.
Jürgen Döschner ist Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk und Energieexperte für die ARD.
Er war mehrfach in Japan, um über die Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima zu berichten. Nordwestradio-Moderator Hans-Heinrich Obuch hat mit ihm darüber gesprochen, wie die Katastrophe noch heute in den Alltag der Menschen einwirkt und warum kein anderes Land so einschneidende Konsequenzen aus dem Unglück von Fukushima gezogen hat, wie Deutschland.
Zwei Jahre nach Fukushima: Gespräch Jürgen Döschner, WDR, [7:16]
Dossier: Energiewende
Bis 2022 sollen alle deutschen Atommeiler vom Netz genommen und durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Doch die Umstellung ist nicht leicht. Wie es jetzt um die Energiewende steht, erfahren Sie hier. Mehr...
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