Nach dem Ölboom
Der Ölboom der 1930er Jahre machte Texas zu einem reichen Staat. Doch der Fluss des "schwarzen Goldes" versiegt, viele Ölfelder sind leer gepumpt, der Reichtum schwindet. Im Nordwesten von Texas hat nun ein neuer Rausch die Menschen gepackt. In Sweetwater, 350 Kilometer westlich von Dallas, beflügelt das "Gold der Lüfte" die Menschen: der Wind.
Bei Sweetwater in Texas wird an einem Ort so viel Strom aus Wind produziert, wie sonst nirgendwo auf der Welt.
Auf einer Fläche etwa so groß wie das Saarland produzieren hier über 2.000 Windräder mehr als 3.000 Megawatt Strom. Das ist etwa so viel wie alle Windkraftanlagen in ganz Dänemark oder Frankreich produzieren. Nirgendwo auf der Welt wird an einem Ort so viel Strom aus Wind gemacht.
Larry Martin und Marc Meneses haben ihre Chance schnell erkannt. Als es hier vor drei Jahren mit dem Windrausch so richtig los ging, machten sich die beiden Elektriker selbständig. Zusammen mit zwei Kollegen gründeten Larry und Marc eine Firma zur Wartung und Reparatur von Windgeneratoren. Eine gute Idee, wie sich bald herausstellte. Mit der Firma geht es steil nach oben, schon nach dem ersten Jahr hatten sie 20 Angestellte, mittlerweile sind es doppelt so viele.
Als Sohn eines Baumwoll-Farmers weiß Larry, wie hart das Leben in diesem Landstrich ist. Viel Arbeit, wenig Ertrag. Da wollte man früher eigentlich nur weg, hoffte vielleicht auf ein Job in der Ölindustrie, sagt er. Doch diese Jobs wurden immer unsicherer.
In den Städten und Gemeinden der Region herrschte mit dem Niedergang der Ölförderung in den vergangenen Jahrzehnten Verfall und Hoffnungslosigkeit. Geschäfte machten pleite, Schulen schlossen, Sportanlagen vergammelten. Die Menschen hatten oft nur ein Ziel: fort von hier! Sweetwater war bis vor zehn Jahren eine der am schnellsten schrumpfenden Städte in ganz Texas. Doch mit dem Wind kam die Wende.
Schulen, Krankenhäuser und Straßen werden nun dank der steigenden Steuereinnahmen renoviert und ausgebessert. Junge Leute bleiben, finden Arbeit in den Windparks oder Jobs in den neuen Läden und Hotels – oder sie gründen selbst Firmen. Und viele Leute kommen wieder zurück, die ihre Heimatstadt vor Jahren verlassen hatten, weil es für sie hier keine Arbeit mehr gab.
Ein deutscher Energiekonzern errichtet nun vor den Toren von Sweetwater den zur Zeit größten Windpark der Welt. Bald werden hier über 600 Turbinen fast 800 Megawatt Strom produzieren. Das reicht um 265.000 Haushalte zu versorgen.
Das freut auch Farmer und Rancher wie Randall Smith und Louis Brooks. Von den Windparkbetreibern bekommen sie nämlich für jedes Windrad, das auf ihrem Grund steht, eine feste Pacht plus Gewinnanteile. Auf Louis Ländereien stehen 78 Windräder. Dafür bekommt er jeden Monat 36.000 Dollar. Ein festes Zusatzeinkommen, für das der Landbesitzer nichts tun muss. Und wenn der Windpark vergrößert wird, sollen noch einmal über 70 Anlagen auf seinem Land gebaut werden.
Louis Brooks meint dazu: "Der Wind ist wahrscheinlich das beste, was diesem Landstrich hier passiert ist, seit Öl gefunden wurde. Es ist ein Gottes-Geschenk für die Arbeiter, für die Rancher, für die Farmer. Es ist einfach wunderbar."
Der Umweltgedanke spielt für die Amerikaner bei ihrer neuen Begeisterung für die Windenergie höchstens eine Nebenrolle. Die Landbesitzer freuen sich über satte Zusatzeinkünfte und die Windlobby spekuliert auf staatlich geförderte Riesenprofite mit dem Argument, amerikanisches Geld solle doch lieber im eigenen Land angelegt werden, als es irgendwelchen arabischen Staaten für teures Öl zu überweisen.
Die Ölfelder versiegen, jetzt hat der Windrausch die Texaner gepackt.
Greg Wortham, der Bürgermeister von Sweetwater, drückt es so aus: "Es ist grüne Energie, und in Texas bedeutet grün Geld, grün heißt Dollars, unsere Dollars sind eben grün. Und es ist gut für die Welt, gut für die Umwelt, gut für die USA und gut für die Bevölkerung."
Texas, das Land der Farmer, Rancher und Ölbarone ist mittlerweile Vorreiter für die Nutzung der Windkraft. Die US-Regierung hat Pläne, in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren die weiten Flächen des Mittleren Westens bis hinauf nach Kanada mit riesigen Windparks zu füllen. Bis zu 300.000 Megawatt Strom soll der Wind produzieren, genug um 300 Millionen Haushalte zu versorgen.
Solche Pläne reizen auch Fachkräfte aus Deutschland. Helmut Vollmich kommt aus Westfalen. Als er vor fünf Jahren das Angebot bekam, in den USA Windparks aufzubauen, zögerte er nicht lange. Er kannte das Land aus Urlauben, und ein paar Monate später zog er mit seiner Frau nach Texas.
Mittlerweile ist er stolzer Besitzer einer "Green Card", einer ständigen Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Sein Arbeitgeber liefert die Generatoren für die Windparks und Helmut sorgt dafür, dass alle Anlagen termingerecht und einwandfrei an den Betreiber übergeben werden. Während der Bauarbeiten lebt er in seinem rieseigen Wohnanhänger auf einem Campingplatz in Sweetwater.
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