Die wiederentdeckten Prozessakten werfen neues Licht auf den Fall
Als 1987 die original handgeschrieben Prozessakten und Verhörprotokolle zwischen einer Ladung historischer Dokumente aus der DDR auftauchten, war das eine riesige Überraschung. Die Papiere galten seit Kriegsende 1945 als verschollen. Der Bremer Schriftsteller Peer Meter begann sofort, die Verhörprotokolle von 1828 bis 1831 zu sichten und veröffentlichte einen Teil davon zunächst in der Literaturzeitschrift "Stint". Später schreibt er alles ausführlich in seinem Buch nieder, das 1995 im Gosia-Verlag erscheint. Sein Fazit: Die Geschichte der Gesche Gottfried müsse neu geschrieben werden.
Detaillierte Informationen in zwei Bänden
Die "Protokolle des Criminalgerichts in Untersuchungssache wider die Giftmischerin Gesche Margarethe Gottfried, geb, Timm" besteht aus zwei Bänden. Der erste Band beschreibt auf über 770 Seiten ganz genau, wie der Prozess gegen Gesche abgelaufen ist. Im zweiten Band sind alle Beweismittel aufgeführt und zum Teil darin auch aufbewahrt. Insgesamt sind es 285 Positionen, unter anderem Briefe, Gutachten von Ärzten und Gedächtnisprotokolle des Untersuchungsrichters, Senator Droste. Zwischen den Seiten befindet sich sogar eine Nachthaube der Giftmörderin.
Gesches Geschichte sollte neu geschrieben werden, [3:40]
Fernsehbeitrag vom 20. Juni 1989 | Radio Bremen TV
Heute sind die Dokumente im Staatsarchiv Bremen einsehbar; teilweise zum Schutz der Bücher nur auf Mikrofilmen.
Wie die Akte verschwunden ist
1831 wurden nach Gesches Hinrichtung die Akten in den Archiven der Stadt Bremen sicher verstaut. Im zweiten Weltkrieg ließ die Stadt Bremen sie zusammen mit vielen anderen historischen Dokumenten und Akten auslagern.
1945 entdeckten russische Soldaten dieses Lager, luden die Dokumente auf Lastwagen und transportierten sie nach Moskau. In den 50er Jahren gelangten die Akten nach Ost-Berlin und erst im Frühjahr 1987 aus der damaligen DDR zurück nach Bremen.
Als Peer Meter im Jahr 1988 beginnt, die umfangreichen Akten einzusehen und systematisch auszuwerten, kommt er zu dem Ergebnis, die Geschichte der Gesche Gottfried müsse umgeschrieben werden und das Verhältnis der Bremer zu Gesches Geschichte müsse sich radikal ändern.
Eine zeitgenössische Darstellung von Gesches Lebensgeschichte hat ihr Verteidiger Friedrich Leopold Voget 1831 verfasst. Nach dieser Darstellung hat Gesche aus niederen, gewinnsüchtigen Motiven gemordet. Bis zur Wiederentdeckung der Prozessakten 1987 galt dieses Buch als Standardwerk über Gesche Gottfried. Doch während des Aktenstudiums kamen Peer Meter Zweifel auf: Er kann zum Beispiel belegen, dass Voget aus den Akten und Protokollen der Verhöre absichtlich falsch zitiert hat.
Anhand der alten Akten entdeckt Peer Meter viele Spuren aus dem Leben der Giftmischerin: So findet man zum Beispiel in der Rats-Apotheke heute noch eine so genannte Kruke. In solch einem porzellanhaltigen Behältnis hat Gesche die arsenhaltige Mäusebutter gekauft. Zudem ist nun nachvollziehbar, in welchen Zelle Gesche drei Jahre inhaftiert war. Im Wilhelm-Wagenfeld-Haus, das damals noch ein Gefängnis war, saß sie zuletzt in Isolationshaft. Dieser Raum ist noch im Original erhalten.
Die alten Prozessakten belegen, dass es bereits einige Jahre vor ihrer Verhaftung immer wieder Warnungen und Hinweise aus Gesches Umfeld gab. Es bestand der Vedacht, dass sie mit "Gift hantiere". Besonders häufig erkrankten Leute nach dem Genuss von Speisen, die Gesche zubereitet hatte. Aber die Hinweise nahm niemand ernst. Viele Bremer seien an den Morden indirekt beteiligt, ohne je verurteilt worden zu sein: Ärzte stellten falsche Diagnosen über die Todesursache der Opfer aus, obwohl das quälende Erbrechen und die starken Bauchschmerzen typische Symptome einer Vergiftung seien. Selbst die Opfer, die einen Anschlag von Gesche überlebten, wollten nicht wahr haben, dass sie vorsätzlich vergiftet worden seien. Man hatte Mitleid mit der Witwe Gottfried, die so viele Verluste hinnehmen musste.
Die bürgerliche Gesellschaft sah weg
In den Köpfen der Menschen war kein Platz für eine Frau mit mörderischem Handwerk, erklärt der Autor Peer Meter. Er ist davon überzeugt, dass Gesche Gottfried eine psychisch kranke Frau war, die nach Hilfe geschrieen habe. Am Ende verteilte sie die Mäusebutter wahllos und in großen Mengen. Sie schrie nach Entdeckung. Auf ihre Krankheit weißt sie auch in ihren Briefen hin: Darin beschreibt sie eine innere Stimme, die sie getrieben habe, das Gift zu geben.
Peer Meter sieht im Fall Gesche Gottfried ein Bremer Trauma, von dem sich die Stadt immer noch nicht befreit habe. Es sei beschämend, dass die Bremer nicht in der Lage sind, sich eine Mitschuld einzugestehen. Hätten sie Augen und Ohren offen gehalten, hätten sie eine Reihe von Morden verhindern können. Am liebsten würde Peer Meter den Spuckstein auf dem Domshof ausbuddeln. Er liegt genau dort, wo Gesche hingerichtet wurde. Bis heute spucken die Bremer noch darauf.
Giftmörderin Gesche Gottfried
Anfang des 19. Jahrhunderts tötete sie 15 Menschen, unter anderem ihre Eltern, ihre Kinder und ihre Ehemänner. Mindestens 19 weitere Bekannte haben ihre Attacken nur knapp überlebt. Ganz Deutschland und sogar Europa war geschockt über diese beispiellosen Taten.
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