Gesche Gottfried in der Kultur
Gesche Gottfrieds Geschichte ist für Krimifans ein Schocker allererster Sahne: Eine Frau kann 15 Jahre lang morden, ohne dass sie entdeckt wird. Ihre Opfer sind Menschen die sie kennt und lieben sollte - dennoch bringt sie sie um. Was steckt dahinter? Was hat sie zum töten getrieben? Und gibt es das perfekte Verbrechen? In Film und Theater erscheint Gesche Gottfried unterschiedlich: mal zeitgenössisch in biografischer Form, mal als Inspiration für eine Mörderin aus dem Jahr 2003. Auf jeden Fall ist Gesches Lebensgeschichte immer wieder Thema in Gedichten, Büchern, Theateraufführungen oder Verfilmungen.
Erste Veröffentlichungen
Die ersten Flugblätter und Schriften über Gesche Gottfried tauchten schon rasch nach ihrer Verhaftung am 6. März 1828 in Bremen auf. Kurze Zeit später gab Friedrich Leopold Voget, Gesches Verteidiger, bekannt, seine Aufzeichnungen von ihrem Leben irgendwann veröffentlichen zu wollen. Und auch zeitgenössische Literaten und Moritatensänger, beschäftigten sich intensiv mit diesem Thema, obwohl sie oft nur über Gerüchte von der Giftmörderin aus Bremen gehört hatten.
Die Zeichnerin Barbara Yelin hat an einem Comic über Gesche Gottfried gestaltet, der auf den Recherchen von Peer Meter basiert. Der Bremer Autor hatte die originalen Prozessakten lange studiert und zu einem Umdenken im Fall Gottfried appelliert. Seiner Ansicht nach war Gesche eine psychisch kranke Frau und ihr Umfeld habe vor allem weggesehen. Ein Radio-Bremen-Team hat Barbara Yelin in ihrem Berliner Atelier besucht und konnte einen Blick auf die bisher entstandenen Rohfassungen werfen. Die Autorin betont aber, dass das Buch kein Comic in der bekannten Form ist, sondern eine "Graphic Novel" - ein illustrierter Roman, der nicht vorrangig für Kinder gemacht ist und nicht überwiegend komisch sein muss wie die meisten Comics. Im März 2010 ist das 200 Seiten starke Buch im Verlag Reprodukt unter dem Titel "Gift" erschienen.
Gesche Gottfried als Comicfigur, [3:50]
Insgesamt 15 Menschen vergiftete die schöne Bremerin Gesche Gottfried zwischen 1813 und 1827. Sie wurde dafür hingerichtet, aber nicht ohne Prozess. 22 Jahre lang hat der Autor Peer Meter das Leben der Mörderin erforscht, fast 1.000 Seiten Prozessakten hat er studiert, unzählige Zeugen-Aussagen und Protokolle in original-Handschrift gelesen. Das Resultat seiner Arbeit präsentiert Meter in seinem 240 Seiten starken Buch, das im März 2010 in der Bremer Edition Temmen erschienen ist. "Gesche Gottfried. Eine Bremer Tragödie" erzählt die Geschichte einer hoch-intelligenten, aber psychisch schwer verwirrten Frau. Der Autor kritisiert darüber hinaus die bremische Bürgergesellschaft, eine eigene Mitverantwortung an den grauenhaften Taten nicht anerkannt zu haben.
Peer Meter: "Gesche Gottfried. Eine Bremer Tragödie";
240 Seiten; zahlreiche Abbildungen; Edition Temmen; 14,90 €
Die Comic-Zeichnerin Barbara Yelin in ihrem Berliner Atelier.
Nach einer Vorlage des Berliner Autors Carl Ceiss inszenierte der Dramaturg Ulrich Lampen das Einpersonenstück bei Radio Bremen. Darin begegnet dem Hörer die Giftmörderin Gesche Gottfried in verschiedenen Gemütslagen: naiv, zornig oder als kühle Planerin. Die Sprecherin wechselt ständig die Haltung in ihrer Rolle als Gesche. In einem Selbstgespräch berichtet sie von ihrem Leben. Die Schauspielerin Ulrike Krumbiegel erklärt in einem Interview, wie sie sich darauf vorbereitet hat:
Kurz nach Gesches Verhaftung 1828 schrieb der Dichter Adelbert von Chamisso dieses Gedicht. Er hatte durch Zeitungsartikel von dem Fall der Giftmischerin aus Bremen erfahren. Chamisso entstammte einer alten lothringischen Adelsfamilie, die sich auf der Flucht vor der französischen Revolution in Berlin niederließ. Er schrieb u.a. mit Kleist, Uhland und Hoffmann. Sein Gedicht gilt als die erste literarische Auseinandersetzung mit Gesche Gottfried. Mutig kritisiert Chamisso auch die bürgerliche Gesellschaft der damaligen Zeit.
Die Giftmischerin [PDF, 193 Kb]
Gedicht von Adelbert von Chamissos, 1828
Die ersten Moritate und Theaterstücke erschienen bald nach Gesche Gottfrieds Verhaftung 1828, darunter 1829 "Gesina - die Teufelsbraut", von einem bis heute unbekannten Autor mit dem Pseudonym "Weißenburg der Aeltere". Es ist ein zeitgenössische Moralstück, wie es passender für das 19. Jahrhundert kaum sein könnte: Gesche ist vom Teufel besessen. Durch ihn lebt sie ein Leben zwischen Orgien und Geldausgeben. Deshalb wird sie zur Giftmörderin. Am Schluss des Stückes fährt Gesche zwischen bengalischen Feuern, tanzenden Furien und Blitz und Donner in die Hölle ein. Zuvor hat sie sich aber noch mit dem Teufel vermählt.
Was für ein Leben hat Gesche Gottfried geführt? Und was hat sie zu den Verbrechen getrieben? Friedrich Leopold Voget war der Verteidiger von Gesche. Alle Protokolle und Gespräche mit ihr hat Voget 1831 in seinen "Lebensgeschichten der Giftmörderin Gesche Gottfried" zusammengefasst und veröffentlicht.
Vertreidiger im Zwielicht
Seine eindringliche Darstellung ist noch heute von hohem Interesse. Zum einen, weil man einen guten Einblick in Gesches Leben und in die Lebensumstände der Hansestadt Bremen Anfang des 19. Jahrhunderts bekommt. Zum anderen aber ist dieses Buch unter Wissenschaftlern nicht unumstritten: Voget wird zum Beispiel vorgeworfen, absichtlich Zitate aus Verhörprotokollen gefälscht zu haben. Außerdem soll er das Buch nur veröffentlicht haben, um sich an dem Schicksal von Gesche bereichern zu wollen. Das belegt unter anderem eine Zeitungsanzeige des Verlegers, in der Vogets Buch in den höchsten Tönen angepriesen wird.
Rainer Werner Fassbinder hat 1972 aus Gesche Gottfrieds Leben ein spannendes Stück gemacht, das die Frage nach der Legitimierbarkeit von Gewalt stellt. Es trägt den Untertitel: "Ein bürgerliches Trauerspiel". Darin geht es ihm nicht um den Kriminalfall. Er zeigt zwar immer, wie das Gift gereicht wird, aber nur zweimal die unmittelbare Folge: das Sterben. Auch die Hinrichtung der Gesche spart er aus. Fassbinder interessiert sich allein für das Motiv der Mörderin. Schon die erste Szene schlägt den Ton an: Miltenberger ruft nach der Zeitung, verlangt Kaffee, empört sich über das Geschrei der Kinder, will Schnaps. Im Laufe des Stücks wird deutlich, wie sehr sich Gesche gegen Gewalt in allen Varianten wehren muss.
Vom Bühnenstück zum Film
"Bremer Freiheit" wurde 1971 uraufgeführt. Es war die große Zeit des Bremer Theaters, die Ära Kurt Hübners. Es wurde provozierendes und ungewöhnliches Theater gezeigt. 1972 wurde "Bremer Freiheit" von Fassbinder selbst verfilmt. In beiden Fassbinder-Fassungen spielte Margit Carstensen die Hauptrolle. Der Film und auch das Theaterstück wurden große Erfolge für Rainer Werner Fassbinder. Bald gab es auch andere Thater in Deutschland, die die "Bremer Freiheit" spielten.
Oben: Szenen aus der Theateraufführung von Fassbinders "Bremer Freiheit" im Kulturzentrum Schlachthof, 1988, mit Petra Sirowatka als "Gesche" und der zweite Ehemann Gottfried im Todeskampf. Unten: Hinrichtungsszene aus Fruchtmanns Film.
Das "bürgerliche Trauerspiel" ist 1983 auch in Buchform erschienen. Es gab sogar eine Übersetzung ins Englische. So konnten auch Theatergruppen aus England, Amerika und Neuseeland das Stück aufführen. Dort hieß es dann "Bremen Coffee". 1988 widmete sich eine Bremer Laienschauspieltruppe der "Bremer Freiheit" und sorgte damit im Kulturzentrum Schlachthof für allerhand Aufsehen. Am Oldenburgischen Staatstheater wurde das Stück Ende 2006 in Niederdeutscher Sprache aufgeführt.
1978 nahm sich der Regisseur Karl Fruchtmann einer Theateradaption der Geschichte von Gesche Gottfried an. Er verfilmte sie für Radio Bremen unter dem Titel "Gesche Gottfried". Besonders fasziniert hat Fruchtmann die gesellschaftlichen Verstrickungen im "Bremen des Biedermeier": Rührseligkeit und Frömmelei dominierten, Gewalt und soziale Missstände wurden dagegen erfolgreich verdrängt. Sabine Sinjen spielt Gesche und Rolf Becker den "Defensor" F.L.Voget. In weiteren Rollen: Tilo Brückner (Miltenberg), Ursula Hinrichs (Mutter Timm) und Siemen Rühaak (Bruder Johann). Die Kamera wurde von Günther Wedekind geführt. Am 10. Dezember 1978 hatte der Film in der ARD Premiere.
1987 tauchten in Bremen überraschend die Prozessakten des Verfahrens gegen Gesche Gottfried wieder auf. Sie waren während des zweiten Weltkrieges ausgelagert worden und inmitten anderer Packen während der Ost-West-Gespräche 1987 aus Moskau wieder nach Bremen gebracht worden. Für den Worpsweder Historiker Peer Meter ein wahrer Glücksfall. Im Sommer 1988 widmete er sich zum ersten Mal den fast 1.000 handbeschriebenen Seiten von 1831. Stück für Stück entzifferte er die einzelnen Dokumente und brachte Erstaunliches zutage. Durch dieses Buch wird ein ganz neues Bild der Giftmischerin Gesche Gottfried deutlich.
Inspiriert durch die jahrelange Recherche in Gesche Gottfried Prozessakten hat der Worpsweder Autor Peer Meter ein Theaterstück geschrieben: "Die Verhöre der Gesche Gottfried". Das Stück wurde im November 1996 erstmals in Flensburg aufgeführt. Im Gosia Verlag erschien zur Uraufführung die gedruckte Version. Nach einer kurzen Einführung in das Leben und Morden der Gesche Gottfried, beschreibt der Autor auch, was das für Männer waren, die Gesche während ihrer dreijährigen Haftzeit umgaben: Senator Droste, Pastor Rotermund und der Verteidiger F.L. Voget. Außerdem hat Peer Meter mit einem Gerichtspsychologen darüber gesprochen, wie Gesche Gottfried wohl heutzutage verurteilt worden wäre.
Zeit zum Umdenken: Bremer tragen Mitschuld
Gesche Gottfried wollte entdeckt werden
Gesches Schwestern: das sind Frauen, die keine Mörderinnen waren wie sie, die aber mit Gesetzen in Konflikt gerieten, die sie zu Verbrecherinnen machten. Sie zahlten dafür mit ihrem Leben, wurden verbrannt oder lebendig begraben, an den Pranger gestellt, ausgepeitscht, gebrandmarkt, ins Zuchthaus, ins Gefängnis oder ins Konzentrationslager gesteckt. Die Geschichten werden von unterschiedlichen Autorinnen erzählt und basieren auf bremischen Kriminalakten. Sie spielen im 16. oder auch im 19. Jahrhundert, in der Weimarer Republik und auch im Nationalsozialismus. Auf jeden Fall sind die Protagonistinnen Frauen, die wirklich gelebt haben und deren Verbrechen tatsächlich passiert sind.
Die Aacherer Regisseurin Walburg von Waldenfels verfilmte 1997 in ihrem Langfilm-Debüt die wahre Geschichte der Gesche Margarethe Gottfried, die "Bestie von Bremen" - die berühmteste Serienmörderin ihrer Zeit. In einer Hauptrolle: "Schattenmann" Stefan Kurt. "Gesches Gift" ist eine eher romantische Verfilmung, die Geschichte wird in langen, poetischen Bildern erzählt. Die Erstsendung war im Januar 1998. Im gleichen Jahr erhielt die Regisseurin den Max-Ophüls-Förderpreis für ihre Arbeit an "Gesches Gift". Im letzten Jar, Oktober 2003, hat das ZDF den Film im Rahmen des "Kleinen Fernsehspiels" wiederholt. Es spielen: Geno Lechner, Antje Westermann, Stefan Kurt, Margit Carstensen, Sylvester Groth, Thomas Anzenhofer.
Laura Kern (Judith Engel) ist die Frau, von der die meisten Männer träumen: Ende 20, blond, blass, ein wenig versponnen, ein wenig hilflos wirkend, aber grenzenlos hilfsbereit all denen gegenüber, die ihre Hilfe brauchen: sei es ihr todkranker Vater, ihre ewig kränkelnden Kinder, ihr grantiger Ehemann Herbert (Mathias Herrmann) oder ihr gefühlvoller Liebhaber David (Marek Harloff). Als Laura ihren Mann eines Abends in seinem Restaurant erschlagen auffindet, kann sie sich des Mitgefühls aller sicher sein.
Die moderne Tatort-Gesche: Die psychisch kranke Mutter erklärt ihrer Tochter den Tod. Rechts: die Kommissare Lürsen und Stedefreund.
Kommt diese Geschichte nicht irgendwie bekannt vor? Richtig - für die Radio Bremen Tatort Produktion "Der schwarze Troll" stand Bremens berühmteste Giftmischerin Patin. Drehbuchautorin Thea Dorn fühlte sich von Gesche so sehr inspiriert, dass sie ihr einen spannenden Krimi widmete. Im "schwarzen Troll" ist das Motiv der Mörderin in einer Psychose namens "Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom" zu finden. Dabei handelt es sich um eine schwere Persönlichkeitsstörung, bei der die Patienten ständig die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Mitleid erregen wollen. Dabei greifen sie sogar zu Mitteln, die ihnen selbst und ihrer Umwelt gar nicht gut tun. Ob diese Erkrankung auch auf Gesche Gottfried zugetroffen haben könnte, darüber allerdings streiten Wissenschaftler, Kriminologen und Historiker bis heute.
Die Band Jennifer Rostock nimmt in "Blut geleckt" von ihrem Debütalbum "Ins offene Messer" lyrisch Bezug auf die Taten von Gesche Gottfried. Das Album ist Ende 2008 erschienen. Darin heisst es:
"...Sie war der Engel von Bremen
Doch Luzifer eröffnete sein Nadelbüffet
Und jeder darf sich nehmen
Ihre Armut macht sie hungrig
Ihr Hunger macht sie krank und blass
Statt einem Regen roter Rosen gibt es Rinderfleisch in Dosen
Und Monotonie vom Fass.."
Besucher des Bremer Geschichtenhauses können sich mit ihren Fragen direkt an eine lebendige Gesche Gottfried wenden. Die Leihendarsteller von Bras e.V. versuchen in ihren Rollen den Touristen zu erklären, wie das Leben damals so war und was die Menschen bewegt hat. Im winzigen Stadtteil Schnoor mit seinen alten, engen Gassen und der Nähe zu den originalen Schauplätzen in der Innenstadt lässt sich Gesches Lebensgeschichte gut nachempfinden.
Giftmörderin Gesche Gottfried
Archiv:
Wie alles begann
Vergiftet mit Mäusebutter
Enttarnung, Haft und Prozess
Öffentliche Hinrichtung
Zeit zum Umdenken
Auf Spurensuche
Mythos Gesche Gottfried
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