Grünkohl oder Braunkohl
Auf die Idee, stundenlang durch die Landschaft zu wandern und danach Unmengen von Grünkohl zu essen wäre vor 200 Jahren wohl kein Bauer gekommen. Schließlich aß die Landbevölkerung im Nordwesten das robuste Gemüse den ganzen Winter über – oft jeden Tag. So eine Kohlfahrt konnten sich also nur die "feinen Herrschaften" ausdenken.
Landpartien für das gehobene Bürgertum kamen Anfang des 19. Jahrhunderts auf. Vorher waren die Straßen aus der Stadt heraus oft kaum befestigt, und vor allem im Winter blieben Droschken und Fuhrwerke im Morast stecken. Nach und nach entstanden zwar befahrbare Ausfallstraßen, doch so eine Fahrt ins Grüne konnten sich lange nur wenige leisten. Wann genau und unter welchen Umständen aus diesen Landpartien Kohlfahrten entstanden, und wann die Rast das eigentliche Ziel des Ausfluges wurde, darüber herrscht unter den Historikern noch Ratlosigkeit.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann auch das einfache Volk, Wandertouren zu unternehmen. Das hatte zwei Gründe. Durch den Ausbau des Schienennetzes konnten auch sie aus der Stadt heraus fahren. Von den ländlichen Haltestellen war es oft noch ein weiter Fußmarsch bis zum nächsten Landgasthof. Vereine schossen zu dieser Zeit wie die Pilze aus dem Boden.
Mit der Entlassung Bismarks als Reichskanzler fiel im Jahre 1890 das Sozialistengesetz und mit ihm das Verbot für Arbeiter, sich in Gruppen zu organisieren. Nun entstanden Gewerkschaften, Arbeitervereine und Turnergruppen. Und jetzt erst erlebten auch die Kohlfahrten einen regelrechten Boom. Ab Mitte November bis in den März hinein sah man sonntags Wandergruppen zu den Landgastwirtschaften aufbrechen. Schon damals gehörten Verkleidungen und der Bollerwagen dazu. So schreibt die Nordwestzeitung im Dezember 1938:
"Ein hoher Zylinder aus Pappe, verbindlich für alle Teilnehmer, oder ein Hütchen allerkleinsten Formates kennzeichnet die Teilnehmer einer Gruppe. Als grünen Schmuck legt man wohl ein Kohlblatt an, oder es wird eine Kohlpflanze vorangetragen. Kurzum: es schwebt so etwas wie Karnevalsstimmung über einer Kohlfahrt."
Der erste Weltkrieg stoppte das ländliche Treiben erst einmal. Und auch in den 20er und Anfang der 30er Jahre war eine Kohlfahrt gar nicht so einfach auf die Beine zu stellen: schließlich gab es das "Versammlungsverbot unter freiem Himmel". Umständlich mussten die Gruppen eine Sondererlaubnis für ihre doch gänzlich unpolitische Veranstaltung beantragen. Dass man doch hier ein Auge zudrücken könne, fand dann auch ein Bremer Polizeioberst, der folgende Anweisung an die Reviere gab:
"In nächster Zeit (...) ist mit zahlreichen Kohl- und Pinkelfahrten zu rechnen (...). Sie sind als Spaziergänge zu betrachten. Auch gegen das Mitführen von Musikinstrumenten (Handharmonika etc.) dürfte kaum etwas einzuwenden sein, wenn die allgemeinen Bestimmungen der Straßenordnung beachtet werden. Zweckmäßig dürfte es sein, in allen solchen Fällen nicht kleinlich zu verfahren."
Betriebskohlfahrten wurden dennoch kritischer beäugt – schließlich konnten sie ja ein Anlass für die Arbeiter sein, sich gegen ihren Betrieb zu organisieren. Anfang der 30er gab es dann wieder mehr Kohlfahrten, und jetzt erst drangen auch Frauen in die Männerdomäne ein. Erst veranstalteten sie noch getrennte Fahrten, später aber gab es dann gemeinsame Essensausflüge. Die Nazis ersetzten die Kohlfahrten nach und nach durch Betriebsfeste nach ihrer eigenen Regie, denn diese konnten sie besser für ihre Agitation nutzen, als die "unkontrollierten" Kohlfahrten. Im zweiten Weltkrieg jedoch hatte man für Betriebsfeste oder Kohlfahrten erst einmal keine Zeit mehr. Außerdem ließ die Nahrungsmittelknappheit diese "Völlerei" nicht zu.
Anders dagegen zu Beginn der 50er Jahre: Durch das Wirtschaftswunder konnten die Deutschen sich wieder "etwas Gutes" leisten. Und diejenigen unter ihnen, die in der Kriegszeit gehungert hatten, wollten nun so richtig zulangen. Seitdem Frauen bei den Kohlfahrten dabei sein durften, hatte das Kohl- und Pinkelessen einen anderen Charakter bekommen: es wurde nicht mehr ganz so exzessiv getrunken und die Späße waren weniger derb. Beim Tanzen mit vollem Magen konnten sich auf der Kohlfahrt nun einsame Herzen finden. Seit den 60ern ist die Kohlfahrt bei Vereinen, Belegschaften, Familien und Freundeskreisen fester Bestandteil des Jahresprogramms. Seit es den arbeitsfreien Sonnabend gibt, ist er der Kohlfahrtstag schlechthin – schließlich hat man ja den Sonntag um sich von den Folgen der Feierei zu erholen. Gerade für größere Gruppen ist die "Ausnahmesituation Kohlfahrt" eine gute Gelegenheit, sich anders kennen zu lernen.
Grünkohl oder Braunkohl
Genau genommen ist der Grünkohl eine Pflanze mit Migrationshintergrund, denn ursprünglich stammt er aus Griechenland. Das frühere Grundnahrungsmittel gilt heute als Delikatesse und wird traditionell mit deftiger Fleischbeilage gegessen. Aber auch für Vegetarier und Gourmets gibt es immer mehr Rezepte. Besonders in Norddeutschland pflegt man außerdem die Tradition der Kohlfahrten. Dabei zieht man in einer Gruppe mit Bollerwagen durch die Landschaft, und hält unterwegs zum Spielen oder Trinken an. Mehr...
Artikel
Testen Sie Ihr Grünkohlwissen
Es ist die Zeit der Kohltouren. Aber wie sieht es mit Ihrem Grünkohlwissen aus? Sind Sie Laie oder Experte? Machen Sie den Test und finden Sie es heraus. Mehr...
Jetzt läuft
Streit ums Grundwasser in Holdorf
Die Brunnen der Gemeinde Holdorf liefern den größten Teil des Wasserbedarfs der Region Vechta. Nun sollen noch mehr Brunnen noch mehr Grundwasser abpumpen. Viele Anwohner beklagen aber schon jetzt, dass ihre Felder vertrocknen und der Wasserspiegel ihres Badesees sinkt. Welche Folgen hat es, wenn immer mehr Grundwasser aus dem Boden gepumpt wird? Wir diskutieren live vor Ort. Mehr...
29. Mai, 15:05 Uhr | Nordwestradio
Was wir wirklich brauchen – oder wollen!
"Weniger ist mehr", heißt es gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise. Also weg mit dem Auto, auf Marken-Klamotten verzichen – und einfach glücklich sein! Ob das mitten in einer Konsumgesellschaft funktioniert? Eine Sendung über den Traum vom einfachen Leben. Mehr...
28. Mai, 19:05 Uhr | Nordwestradio
Zebra Vier
Jeden Sonntag zwischen 8 und 11 Uhr hört ihr bei Bremen Vier unsere Kindersendung "Zebra Vier", mit vielen tollen Experimenten, Infos und Tipps für Kinder und Jugendliche. Mehr...
radiobremen.de nun auch mobil
Seit dem 25. Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Mehr...
Der neue Rundfunkbeitrag
Der neue Rundfunkbeitrag löst die Rundfunkgebühr ab. Informationen zum Start 2013 hier. Mehr...
Rauschfreier Empfang
Am 1. Februar 2013 hat Radio Bremen sein Digitalradio-Angebot gestartet. Mit dem terrestrischen Digitalradio können die Hörfunkprogramme in rauschfreier Qualität empfangen werden. Mehr...
Wissen-Podcasts
Wissen-Beiträge hören – wann und wo Sie wollen: Hier bieten wir Ihnen jeweils die neuesten Podcast-Dateien zum direkten Download an. Mehr...
Webservices
Wir bieten Ihnen verschiedene Wege, das Programm von Radio Bremen zu empfangen und Möglichkeiten für Sie, mitzumachen: über Podcast, Apps, Soziale Netzwerke, Kommentarfunktionen und mehr. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Titanic sticht wieder in See: Australischer Milliardär will Megadampfer nachbauen
Krise der Gesundheit Nord: SPD fordert Finanzkonzept für städtische Kliniken
Werder Bremen: Sportdirektor plant mit Arnautovic und Elia
Neuer Trainer vorgestellt: Robin Dutt: "Werder ist Euphorie pur!"