Christentreffen in der Hansestadt
Das Blog zum Kirchentag 2009
Gute-Laune-WM mit theologischem Wanderzirkus
Kirchenbänke vor St. Stephani
Boris Hellmers
am 26. Mai 2009, 01.26 Uhr:
Bin ich der letzte Kirchentags-Ausputzer? Ich fürchte ja: Ezzelino hat seinen letzten Blogeintrag geschrieben, auch die anderen Kollegen im Funkhaus sind schon wieder mit ganz anderen Dingen befasst. Vor allem: Die Stadt hat längst auf ihre Null-Linie zurückgefunden. Ich war gespannt, welche Spuren sich heute, Montag morgen, noch zeigen würden. Immer noch überquillende Mülleimer und die Sonderfahrpläne in den Schaukästen der BSAG? In allen Stadt-Ecken Bühnen und Stände, zwar verlassen, aber immer noch da? Vielleicht haben sich einige Wanderprediger oder Besucher mit viel Zeit noch Verlängerungs-Tage gegönnt?
Nichts. Meine Straßenbahn-Station ist buchstäblich von allem gereingt, was an den Kirchentag erinnern könnte - nur die Papp-Aufhänger an den Haltestangen haben sie vergessen. Ich sehe plötzlich wieder die alten Gesichter, die fünf Tage lang wie vom Erdboden verschluckt waren. Auch die alte anonyme, muffelige Stimmung in der Linie 1 hat sofort zurück gefunden. Das junge Pärchen, das ein bisschen heiterer wirkt und das ich in gerade gelernter Lockerheit anspreche, antwortet nur knapp, dass es zur Fachoberschule fahre - falsch getippt.
Auch die Innenstadt ist wie geleckt. Es weht kein Kirchentags-Geist mehr, nicht einmal Ernüchterung wie kalter Rauch am Morgen nach der Party. Es ist, als sei der Kirchentags-Schalter einfach wieder umgelegt worden: Kirchentag ein, Kirchentag aus. Die Karawane hat Bremen verlassen. Ist sie weitergezogen? Oder ist sie eine Eintags-Karawane, vielleicht sogar nur eine Fata Morgana?
Kirchentag, wo bist du?
In der Pfingstgeschichte, die am kommenden Sonntag wieder von allen Kanzeln herabgepredigt wird, geht es richtig zur Sache. Begleitet von mächtigem Brausen werden flammende Zungen erscheinen und in allen möglichen Sprachen predigen. Das Christentum hat diesem Gesamtkunstwerk den Namen "Heiliger Geist" gegeben, und der lebt, wenn man denn daran glauben will, bis heute fort.
Man musste aber gar nichts glauben, um in Bremen in den letzten Tagen eine Form von Geist zu erkennen. Der erwischte jeden und alles, man konnte gar nicht anders. Ich habe viele Menschen beobachtet, denen anzusehen war, dass sie sich fest vorgenommen hatten, den Kirchentag, pardon, richtig scheiße zu finden. Das gelang dann aber nur den wenigsten: Wer über die Begeisterung Anderer Bauklötze staunt, den erwischt es früher oder später selbst.
Und nun erwischt es mich und viele andere wohl auch wieder, wenn man Tag für Tag mit der norddeutschen Kühle im Allgemeinen und der bremischen Muffigkeit im Besonderen konfrontiert wird und vor allem damit, dass wieder Alltag ist. Auch das alles ist ein Geist - der Kirchentag hat den Geist nicht gepachtet.
Von vielen Gesprächen, die ich in den letzten Tagen geführt habe, habe ich viele längst wieder vergessen. Eingebrannt hat sich mir aber jener Nebensatz, den eine sehr freundliche Frau aus Ovelgönne fallen ließ, als sie mit mir über all die Offenheit und Fröhlichkeit in der Stadt sprach: "Das ist ja wie bei der Fußball-WM", schwärmte sie. Ich war über diese Aussage innerlich fast empört: Für mich waren all die positiven Auswirkungen der Protestanten-Invasion "powered by Jesus", "made by Kirche" und originär christlich motiviert. Aber die Frau hatte Recht. Als die Kirchentagspräsidentin Karin von Welck beim Abschlussgottesdienst die Kirchentagsgemeinde davor warnte, all die erlebten guten Dinge arrogant als christliches Verhaltensmonopol zu betrachten, musste ich wieder an die nette Frau aus Ovelgönne denken.
Vielleicht also müsste ich einige Blogeinträge umschreiben: "Christen" streichen, "Menschen" einfügen. "Bibel" raus, "Moral" rein. Vielleicht war es originär christlich nur in Hallen 1 bis 7, in den Wandertempeln der Theologen und Exegeten, aber draußen in der Stadt war in Wirklichkeit nur eine riesengroße Gute-Laune-WM? Gratis-Umarmung mit Champignon-Zwiebel-Pfanne?
Mal sehen, ob sich ein Kirchentags-Kater einstellt. Als kleinstes Erkenntnis-Molekül dieses Großereignisses nehme ich aber mit: Mensch kann auch anders. Mensch ist ein Sozialwesen, das nur darauf wartet, geweckt zu werden. Mensch ist ein umsichtiges Herdentier mit einem ziemlich großen gemeinsamen Respektverhalten. Mensch mag sich fast bedingungslos, wenn man Mensch nur lässt. Das gesehen zu haben, war vier Tage lang ein kleiner Blick ins Paradies.
Aber ins Paradies hier unten, ins Paradies auf Erden.
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Ich danke, auch im Namen meines Mit-Bloggers Ezzelino von Wedel, allen Lesern des Blogs, den Kommentatoren und den vielen Menschen, die uns auf dem Kirchentag angesprochen und mit Anregungen versorgt haben, für die rege Anteilnahme. Das Bloggen hat uns riesigen Spaß gemacht! Und auch mein besonderer Dank geht an Ezzelino, dessen Händen die wirklich entscheidenden Themen dieser vier Tage so gut aufgehoben waren. Ohne das Vorhandensein der Beobachtungen dieses wachen und aus viel Lebenserfahrung geübten theologische Auges hätte es die Betrachtungen der Begebenheiten am Rand des Blickfelds gar nicht geben dürfen.
Blogger-Ökumene
Ezzelino von Wedel am 25. Mai 2009, 11.00 Uhr:
Nun, lieber Kirchentag, jetzt wird bilanziert und gewogen. Schade, dass es vorbei ist. Und gottseidank ist es jetzt vorbei. Beide Gefühle wogen in meiner Brust, mal das eine, mal das andere, so dass ich mich nicht zu einer entschiedenen Haltung durchringen kann.
Bremen war für vier Tage voller Überraschungen. An jeder Ecke passierte etwas, eine höhere Macht hatte die Stadt besetzt und alle gewohnten Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt.
Ein paar Eindrücke werden lange nachklingen. Die vielen Schiffe auf der Weser am Abend der Begegnung (wie schön muss es erst in früheren Jahrhunderten am alten Hafen ausgesehen haben!). Die mit 100.000 Menschen vollgepackte, von einem stahlblauen Himmel überwölbte Bürgerweide beim Schlussgottesdienst. Die Leichtigkeit, mit der es möglich war, Kontakt mit fremden Menschen aufzunehmen.
Mag auch manchmal die unverwüstliche gute Kirchentagsfröhlichkeit auf die Nerven gehen - sie ist jedenfalls eine der besten Seiten dieses Kirchenfestivals, und es fällt schwer, sich ihr zu entziehen.
Wer niveauvolle Streitkultur suchte, wurde wahrscheinlich enttäuscht. Ich selbst moderierte eine Veranstaltung, die nicht ohne Streitpotential war. Aber es kam erst gar nicht so weit. Mir gelang es nicht, ein kleines Feuerchen zu entfachen oder auch nur polemische Funken zu provozieren. Vielleicht liegt das gar nicht in der Macht eines Einzelnen. Vielleicht hängt etwas in der Luft, das wir alle inhalieren, das uns alle in eine ähnliche Stimmung versetzt.
Mir fehlte ein theologischer Mittelpunkt dieses Kirchentags. Ein Zentrum, das die ganze Veranstaltung im Innersten zusammenhält. Ein Podium auf dem drei, vier Theologen beiderlei Geschlechts sich der Frage stellen: Evangelische Theologie, wo bist du? Aber wenn ich mich in der Theologenlandschaft von heute umschaue, wüsste ich nicht, ob so ein Podium überzeugend zu besetzen wäre. Dabei müsste ein Update der evangelischen Theologie erste Priorität haben. Freundlichkeit, Mitmenschlichkeit, Engagement - schön und gut, aber Glaube ist mehr als das. Und dieses Mehr muss zur Sprache kommen. Nicht nur zur gottesdienstlichen Sprache.
Der sympathische Waldenser Daniele Garrone, der die Predigt beim Abschlussgottesdienst hielt, hat den Protestanten einen guten Ratschlag mitgegeben: "Unsere christliche Stimme darf nie ein bloßes moralisches Belehren sein - denkt nur an die magischen Stichworte "Werte" und "Wertorientierung"! Ironischerweise betonte Kirchentagspräsidentin von Welck wenige Minuten später in ihrem Schlusswort genau das: die große Bedeutung von "Werten".
Das wirklich Bereichernde war aber auf diesem Kirchentag für mich, gemeinsam mit Boris zu bloggen. Am Anfang haben wir uns beide erst mal positioniert. Und dann fing langsam ein Zusammenspiel an. Wir sind aufeinander eingegangen, haben uns Bälle zugeworfen und ein gemeinsames Gespräch begonnen. Blogger-Ökumene. Ich habe Deine Beiträge, Boris, mit Vergnügen gelesen, weil Du Dinge siehst, die mir nie auffallen würden. So konnte ich auch mit Deinen Augen den Kirchentag verfolgen.
Der Bremer Kirchentag wird nicht als ein bedeutendes, herausragendes Ereignis in die Kirchentagsgeschichte eingehen. Was nichts daran ändert, dass er mich bereichert hat.
Im toten Winkel
Boris Hellmers
am 25. Mai 2009, 00.19 Uhr:
Lieber Ezzelino,
das war ein interessanter Blog-Beitrag. Er passt zu meinem heutigen Eintrag, an dem ich schon seit heute vormittag herumdenke. Während Du in der Rundfunkkabine saßest, war ich einer der 100.000 anderen. Ich wollte gern mittendrin dabei sein, aber es wollte mir nicht gelingen.
Im Prinzip wollte ich genau das, was Du mit Deiner unten beschriebenen Rolle als Journalist ausschließt: einer von vielen sein, ein ganz normaler Kirchentagsbesucher. Ich wollte die Zielgruppe sein. Die Zielgruppe zu sein hat nämlich einen unschlagbaren Vorteil: Alle Perspektiven laufen auf dich zu. Alle tun alles dafür, dass dein Eindruck stimmt. Nur wegen dir tut man all das überhaupt nur. Nicht für die Helfer, auch nicht für die Journalisten (letzteres jedenfalls nicht, wenn man es vom Wesen der Sache her wirklich ernst meint).
Ich sagte schon, dass es mir nicht gelungen ist. Ich habe zwar nicht soviele Journalisten-Kirchentage auf dem Buckel, sondern nur zwei. Ein paar mehr habe ich als Ottonormalprotestant besucht und genossen. Das war aber, bevor ich Journalist war.
Seitdem ich das bin, hat meine Weltsicht einen Knacks. Wenn Du ein paar Jahre als Lokaljournalist vor deiner leeren Kreisstadtseite sitzt, nichts passiert und Du wie ein Themenstaubsauger alles in deinen Röntgenblick nimmst, was ein Themenpartikelchen hergeben könnte, dann gehst du für immer anders durch die Welt. Wenn du als Musikrezensent in der Glocke sitzt und nur alle um dich herum mit geschlossenen Augen in Mahler, Brahms oder Schostakowitsch baden, du aber Ohren und Hirn spitzen musst, um herauszufinden, ob irgendetwas an dieser Interpretation neu, schlecht, toll oder abgenudelt ist, dann gehst du auch privat anders in jedes Konzert. Dass dich ein Konzert einfach nur umgehauen hat, kannst du ja nicht schreiben.
Und letzten Endes: Wenn du fünf Tage lang bloggend über die weitläufigen Bremer Kirchentagsgelände läufst, zuständig für das Bunte drumherum, wenn du meistens aber gar nicht weißt, ob du überhaupt wieder ein halbwegs tragendes Thema findest, wenn du mit den Ohren und Augen jede Kleinigkeit scannst, bis du dann einen umarmten Missionar, moderne Samariter oder gelbe Engel findest, gedanklich breitklopfst und verbal in Form bringst - dann kann, dann muss es sein, dass das Wesentliche unbeeindruckt über dir hinweg saust. Auch außerhalb der eigentlichen Themenveranstaltungen.
An diesem Problem denke ich seit dem Gottesdienst herum. Ich hatte keinen festen Platz und hielt mich zunächst am äußeren Rand von Block A auf. Dort waren wieder die Pfadfinder-Helfer aktiv. Sie mussten die erst grünen, dann roten, schließlich grünen Riesen-Ballons steigen lassen, als der Gottesdienst in die entsprechenden Farbphasen ging. Das machte bestimmt einen berauschenden Eindruck, wie ein ganzer Platz die Farbe wechselte. Aber nicht, wenn man am Rand bei den Pfadfindern stand. "Scheiße, mein Band vertüdelt sich", "Schnallst du das nicht? Du musst außen ziehen", "Mein Ballon knallt gleich gegen die Zelte": Das war kein Gottesgeflüster, sondern der Stress hinter der Pappmachée-Kulisse. Auf diesen Bereich war die Perspektive nicht gerichtet. Das hier war, so sagt man heute, eigentlich off-topic. Man schaut sich sowas als Berichterstatter aber gern an, es kann ganz spannend sein und gäbe auch einen Blogeintrag her. Aber wenn man nicht aufpasst, landet man im toten Winkel, ohne es zu merken.
Irgendwann gaben sich die 100.000 Menschen ein Zeichen des Friedens. Ich stand am Rand, hinter den Kulissen, wo sich die Pfadfinder immer noch mit ihren Mega-Ballons abmühten und das Friedenszeichen glatt verpassten. Zu mir kam plötzlich eine Frau in Begleitung eines englisch sprechenden Farbigen, wünschte mir "Peace and Freedom", der Farbige gab mir eine Umarmung. Ich fühlte mich von einem Augenblick auf den anderen völlig deplaziert. Ich ging tiefer hinein Block A, schaltete mein inneres Blog ab und sang mit den anderen. Die letzten 30 Minuten dieses Kirchentages war ich einer von 100.000. Das waren die besten 30 Minuten dieser fünf Tage. Mein Presseschild hatte ich unbewusst umgedreht.
Ich bin glücklich, dass es mir gelungen ist, die Perspektive wenigstens kurz zu ändern. Erst viele Stunden später schreibe ich nun meinen vorletzten Eintrag in dieses Blog, und er ist bezeichnenderweise selbstreferentiell auf unser Blog und die Medienarbeit bezogen - fast wie Dein voriger Beitrag, lieber Ezzelino.
Als ich mich vorhin gedanklich wieder aufs Bloggen vorbereitete, dachte ich kurz, ich sollte ein Erlebnis im Gustav-Detjen-Tunnel beschreiben. Der war nach dem Gottesdienst hoffnungslos verstopft, tausende quetschten sich ganz langsam hindurch. Irgendjemand fing am anderen Tunnelende plötzlich an, einen Kanon zu singen: "Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gelobet der Name des Herrn". Dieser Kanon setzte sich im tristen Tubus sofort unzerstörbar fest. Menschen gingen hinein, Menschen gingen hinaus. Aber der Kanon klebte unter der Betondecke wie der Auspuff-Ruß von 20 Jahren.
Ich erwähne diesen Kanon nun aber doch nur noch am Rande. Als ich ihm im Tunnel begegnete, lief ich nicht mehr im Journalisten-Modus. Und für das, was ich hier als einer von 100.000 beim Verlassen dieses herrlichen Kirchentages an seinem letzten Tag erlebte, gibt es keine Worte.
Intelligenz und Riecher
Ezzelino von Wedel
am 24. Mai 2009, 18.25 Uhr:
Noch nie in meinem Leben habe ich Kirchentage als normaler Teilnehmer erlebt. Immer war ich als Journalist unterwegs, das erste Mal 1981 in Hamburg.
Heute habe ich den Schlussgottesdienst des Kirchentages als Hörfunkjournalist mitgemacht. Ich saß in einem kleinen Ü-Wagen hinter der großen Bühne und kommentierte das Geschehen für Radio Bremen und eine ganze Reihe angeschlossener Sender. Auf einem Monitor sah ich die Fernsehübertragung, über Kopfhörer empfing ich den Ton. Ich bin überzeugt, diese artifizielle Art des Miterlebens ist viel beeindruckender als vor der Bühne zu stehen und live dabei zu sein. Wirklichkeit: was ist das überhaupt?
Einen wirklich erhebenden Waldspaziergang habe ich mir schon früher so vorgestellt: ich laufe in den Wald und setze mich auf eine Bank. Vor mir steht ein großer Fernseher, und auf dem Schirm sehe ich den Wald, in dem ich gerade sitze. Aus Lautsprechern zwitschern Vögel in Dolby Surround. Wirklicher kann der Wald nicht mehr sein, schon gar nicht der echte.
Als Journalist auf dem Kirchentag erlebt man interessante Hintergründe und hinter den Hintergründen gelegentliche Abgründe. Da gibt es unter den Journalisten immer einen Wettbewerb: wer hat als erster begriffen, worum es auf dem jeweiligen Kirchentag wirklich geht, was das heimliche Thema ist, unabhängig von dem vorgegebenen Motto. Das so schnell wie möglich herauszufinden ist nicht nur eine Sache der Intelligenz, sondern auch des Riechers. Ich erinnere mich an anregende Debatten mit einem hohen Ausstoß an unterschiedlichen Theorien, verbunden mit einem eben so hohen Alkoholkonsum.
Einmal brachte jemand den Vorschlag in Umlauf, den Abschlusskommentar schon zu Beginn des Kirchentages zu schreiben und am Ende zu vergleichen, wie dicht Wirklichkeit und Einschätzung nebeneinander liegen.
Zu den echten Stressfaktoren für Kirchentagsjournalisten zählen nicht die vielen Veranstaltungen die man besuchen, oder die vielen Berichte, die man schreiben muss, sondern die Kollegen, die in dem Ruf stehen, bessere Informationen, bessere Beziehungen, den besseren Riecher oder eine höhere Intelligenz zu haben. Und leider gibt es immer irgendjemanden, der besser ist.
Trotzdem werde ich es immer genießen, den Kirchentag als Journalist zu besuchen. Ich kriege nicht nur das vordergründige Geschehen mit, sondern auch Hintergründiges. Ich erlebe, wie der Kirchentag, nachdem er organisiert und vorbereitet wurde, von den Medien noch einmal neu erschaffen wird. Und einer der schönsten Augenblicke meines Journalistendaseins war der, als ich entdeckte, dass ich ein und denselben Abschlusskommentar für zwei völlig unterschiedliche Kirchentage verwenden konnte. Einmal in meinem Leben war ich der Kollege mit dem besseren Riecher und der höheren Intelligenz gewesen.
Im Speckgürtel nachts um halb eins
Boris Hellmers
am 24. Mai 2009, 00.59 Uhr:
Moordeich, ein Gemeindeteil von Stuhr im unmittelbaren Speckgürtel Bremens, hatte bis vor kurzem ein Problem mit seinem Nachtleben. Jugendliche bevölkerten am Wochenende das hübsche Biotop und das Gelände des Schulzentrums. Dabei benahmen sie sich oft ziemlich ruppig. Es kam zu Übergriffen auf Passanten und es gab sogar Verletzte. Schließlich griff die Polizei etwas härter durch. Engagierte Bürger gründeten eine friedliche Bürgerwehr namens "Nachtwächter", die den öffentlichen Raum im Auge behielt. Nun war das Problem mit dem Nachtleben in Mooreich einigermaßen gelöst.
Bis letzten Mittwoch.
Manches ist wieder wie zuvor. Unbekannte Personen schleichen ums Schulzentrum, auch im Biotop werden bis spät in die Nacht plötzlich wieder Menschen gesichtet, die dort nicht hingehören. Diesmal baumelt den Verdächtigen die Lizenz zum Herumtreiben aber um den Hals: der Kirchentags-Dauerausweis. Seit vier Tagen hat Moordeich 220 Einwohner mehr, und die sind ziemlich nachtaktiv. "Von elf bis zwei Uhr nachts geht's hier erst richtig los" erzählt mir Eike Fröhlich bei meiner nächtlichen Stippvisite im Speckqürtel-Quartier. Frau Fröhlich ist so, wie sie heißt, von Beruf Pastorin und hilft mit, die Gäste im Schulzentrum zu versorgen. Dabei ist sie nicht allein. 26 Frauen aus Kirche und Kommune haben sich in ein Schicht-System eingetragen, damit die vielen Besucher stets alles haben.
Sie kommen aus Eutin, Plön, aus dem Husrück und aus Augsburg. Ihr geistliches Verlangen stillen sie natürlich im Sakral-Dreieck zwischen Bürgerweide, Innen- und Überseestadt. Doch der Mensch lebt nicht nur vom Geist allein. Er will auch schlafen, frühstücken und sich ab und zu unter eine warme Dusche stellen. Für diese Bedürfnisse sind die vielen Helfer in den Quartieren zuständig. Bremen allein könnte diese Arbeit für knapp 100.000 Dauerteilnehmer nicht annähernd schultern. Darum helfen die Nachbarkommunen gerne aus. Damit sind dann auch die benachbarten Landeskirchen Hannover und Oldenburg fest mit im Boot.
Seit Monaten haben die Gemeinden in ihren Kirchenzeitungen und Gottesdiensten für Privatquartiere und Helfer für die Sammelunterkünfte getrommelt. Es lagen wochenlang Helfer- und Tortenlisten aus, in die sich die Ehrenamtler und Spender eintragen konnten. Sie alle machten nun für fünf Tage und vier Nächte aus Schulen Herbergen. In ihnen musste das, was im Herzen der Stadt im Mega-Maßstab mit lauter Profis über die Bühne ging, im Kleinen und mit Laien klappen.
In unserer Mustergemeinde in Stuhr-Moordeich gab es keine Probleme. Wo es welche hätte geben können, half das Kirchentags-Gen der Besucher: Ein mentaler Autopilot, der aus der Erfahrenheit der Einzelnen eine Schwarm-Intelligenz generiert. So verteilte sich zum Beispiel der Andrang von 220 Duschen-Wollern auf die knappen Turnhallen-Brausen schon an Tag zwei wie von selbst. Alles andere klappt sowieso. Der Nacht-Kaffee steht pünktlich brühwarm bereit, die Zugangskontrolle haben mittlerweile die Gäste von der Mosel übernommen, mancher Besucher weiß inzwischen auch, wie er trotz Alkoholverbots an seinen Schoppen Wein kommt. Am nächsten Morgen wird ab halb sieben das Frühstück bereitstehen - die nächste Damen-Schicht wird dann längst ganze Arbeit geleistet haben.
Diese späten gemeinsamen Stunden sind für viele Helfer und Besucher die intensivsten. Die Menschen wirken, als kennten sie sich seit langem. Sie öffnen ihre Herzen, sie diskutieren und erzählen, sie freunden sich an und können endlich gemeinsam das verdauen, was sie den langen Tag in sich aufgesogen haben. In der Lise-Meitner-Schule nachts um halb eins entsteht so etwas wie ein Kirchentags-Konzentrat. Man kann sehr genau sehen und hören, was bleiben wird.
Im Foyer läuft unterdessen eine Video-Endlosscheife, auf deutsch und auf englisch. Es ist der Image-Film der Gemeinde Stuhr. Über das Nachtleben der prosperierenden Stadtrandgemeinde wird darin geschwiegen. Ab morgen könnte man wieder mit der herrlichen Ruhe werben, die sich über Moordeich legt, wenn nachts um null Uhr dreißig die Straßenlampen ausgeschaltet werden.
Kommentare zu diesem Eintrag:
# 1 -
Ralph, 24. Mai 2009, 15.23 Uhr:
"Im BSAG-Bus gestern Nacht um viertel nach zwölf: Ein junges Paar. SIE würde man in der Szene vermutlich als echt coole Emo-Braut bezeichnen. Oder als Gothic. Schwarze Haare, blasse Haut, Netzstrumpfhose und Tatoo. ER eher der Luschi. Oder Sponti. Ausgelatschte Chucks, zerrissene Jeans, abgehangene Militärjacke, "No-Future" und "Sid lebt.." - Button, schon leichtes Glimmern in den Augen...Menschen, die schnell mit Vorurteilen bei der Hand sind, würden vermutlich sagen: "Typische Atheisten, die bestimmt von einer dieser Anti-Kirchentags-Kiffer-Feten nach Hause dackeln..". Verstehe von ihrer Unterhaltung wegen der aufgeputschten anderen Kirchentags-Klarkommer im Bus nur folgendes: SIE "War doch ganz geil, ey!" ER: (seufzt ein wenig) "Ach ja, könnte nicht jeden Tag Kirchentag sein ?" HAMMER ! Um ehrlich zu sein, habe ich noch lange über diese Szene sinniert. Darüber nachgedacht, warum diese beiden offensichtlich so gar nicht zum Kirchentag passenden "Hobby-Anarchos" so angetan waren von der Stimmung in der Stadt. Ich glaube mir fällt nur folgende Antwort ein: Es war nicht der Alkohol, sondern der aufrichtige Wunsch nach Gemeinschaft, der hier punktuell befriedigt wurde. Der Wunsch nach Geborgenheit, nach Sinngebung und Wärme in einem Alltag, der oft so gnadenlos scheint. Wenn das der Kirchentag und die christliche Gemeinschaft so "en passant" geliefert hat, dann ist das doch sehr schön. Auch wenn es vielleicht eine banale Erkenntnis ist: aber die Nähe zu anderen Menschen spüren, kann helfen!. Mit oder ohne Institution Kirche."
War da nicht noch was?
Boris Hellmers
am 23. Mai 2009, 18.40 Uhr:
Ach ja: Diese Republik wählte heute ihr Staatsoberhaupt. Für solche Randnotizen des Tagesgeschehens blieb immerhin ein kleines Plätzchen am Zelt der Marktleitung auf der Bürgerweide.
Missionar, komm' in meine Arme
Boris Hellmers
am 23. Mai 2009, 16.05 Uhr:
In diesen Minuten sind die thematischen Hauptlinien des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentages klar skizziert: Wolfsburg - Bremen, Frankfurt - HSV, FC Bayern - Stuttgart, Cottbus - Leverkusen, Bielefeld - Hannover, Karlsruhe - Hertha, Köln - Bochum, Mönchengladbach - Dortmund, Schalke - Hoffenheim.
Den sicheren Kassenknüller landet, wer einen Fernseher im Café oder Restaurant laufen lässt. Wobei es ein heikles Vabanque-Spiel ist, welches Bundesliga-Duell man am Gerät einstellt. Schließlich darf man sicher sein, dass Fans aller beteiligten Teams in Bremen zu Gast sind. Da trifft es sich auch ganz gut, dass Werder in dieser Saison im uninteressanten Tabellenbereich rangiert. Werder-Kampfparolen, mit denen man die vorbeischlendernden Freunde anderer Teams düpieren könnte, kann man sich nämlich sparen. Der Kirchentag wird also friedlich bleiben. Das ist gut. Aber wäre es nicht auch mal interessant gewesen, ob sich das tadellose christliche Miteinander auch bewährt, wenn das Leder beim eigenen Verein mal nicht so rund läuft? Was hätte dann mehr gewogen: die tiefgründigste Haupt- oder die schönste Nebensache der Welt?
Ein Duell der etwas anderen Art lieferten sich derweil zwei Gruppierungen mit ganz eigenem Auftrag. Ein Wanderprediger wollte sich partout nicht von einer Gruppe junger Menschen herzen lassen, die auf dem Kirchentag großzügig "Gratis-Umarmungen - powered by Jesus" unters Volk brachten. Er sprach lieber von Jesu Blut, der Erbsünde, der Vergebung. Eine herrliche Szene: wie diese fünf kräftigen, hoch gewachsenen Jugendlichen den zierlichen, unwiderstehlich freundlichen Herrn mit dem grauen Bart umringen, wie sie theologisch und glaubensbewegt diskutieren, sich gegenseitig zwar nicht wirklich verstehen, sich wohl auch jeweils ziemlich kauzig finden, aber einen grundehrlichen Respekt füreinander verströmen. Und wie als größtmögliche Katastrophe eine herzliche, schlimmstenfalls kitschige Umarmung über dieser Begegnung schwebt.
Der Missionar lässt sich nicht beirren, die Jungs und Mädels wollen ihn auch nicht zwingen. Sie wollen gerade wieder von dannen ziehen - zehntausende andere müssen heute ja noch umarmt werden -, da ruft der Missionar einer Jugendlichen hinterher: "Ach, Mädchen, komm", und schließt sie kurz in die Arme.
Hätte ich meinen Heilig-Geist-Zähler heute dabei, hier hätte er mächtig ausgeschlagen.
Just-in-time-Drängeln beim Bahnhofs-Chinesen
Boris Hellmers
am 23. Mai 2009, 14.22 Uhr:
Die Besucherzahlen beim Kirchentag sind im Prinzip keine anschwellende Welle, sondern eigentlich eine Rolle rückwärts: Am Anfang stand die ganz große Masse. Etwa 300.000 Menschen sollen am Mittwoch in der Stadt gewesen sein - das ist so, als würden die kompletten Bevölkerungen von Oldenburg und Osnabrück zusammen mal eben auf Stippvisite an die Weser fahren. Der Mittwoch lief wie geölt, die Massen wandelten geschmeidig, der Zusammenbruch blieb aus. Puh, geschafft! Ab Donnerstag war ja nur noch mit einem Bruchteil der Menge zu rechnen. Nur noch 100.000 am Tag. Ein Drittel. Das ist doch nichts.
Aber, nun ja: Das Drittel hatte es in sich. Gestern spätabends hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass Bremen unauflöslich verstopft ist. Schon den ganzen Tag hatte es die Vorboten gegeben: "Saal überfüllt!", das Schild streckten Service-Pfadfinder vor der Glocke den Besuchern streng entgegen. Auf dem Messegelände gehören solche Schilder sowieso zum gewohnten Bild. Den Helfern im Theater am Goetheplatz waren sie wohl ausgegangen, sie ließen alle immer weiter freundlich herein. Doch selbst eine thematisch eher randständige dreistündige Diskussionskette zum Thema "Väter" war ein Massenknüller: Rang für Rang wurden Neugierige weiter nach oben vertröstet, bis selbst der Balkon ganz unter der Theaterdecke überfüllt war.
Die Innenstadt hat keine Türen, an denen man Schilder hochhalten könnte, und so strömten die Massen ungehindert immer weiter hinein. Und zwar unbeeindruckt von allen Fährnissen, selbst von der PS-Stärke der Bremer Straßenbahnen. Die kamen vor lauter im Stillstand herumschwebenden Christen oft gar nicht mehr durch, zumal sie sich mit dem charakteristischen Klingeln offenbar zurückhielten. Der Schreck, den dieses laute Dingeln in einer Menschenmenge auslöst, wäre wohl wirklich folgenschwerer als ein ganz, ganz leichter Stubs mit der Bahn. Und im letzten Moment wich die Menschenmenge dann auch immer noch auseinander. Vielleicht sah es so aus, als Moses das Rote Meer geteilt hat.
Völliges Land unter dann am späten Abend am Hauptbahnhof. "Bahnhof überfüllt!", auch dieses Schild hatte man wohlweislich vorbereitet. Es wurde nicht nur hochgehalten. Es wurde damit offensiv herumgefuchtelt. Jedem, der trotzdem zielstrebig in Richtung Bahnhofstür ging, wurde noch einmal sehr nachdrücklich nahegelegt, doch um den Bahnhof herumzugehen. Viele gingen nun natürlich erst recht hinein - so viel menschliche Nähe will man sich dann ja auch nicht entgehen lassen.
Dort war dann zu sehen, wie eine Katastrophe ohne Panik aussieht. Es ging wirklich gar nichts mehr. Eng an eng stand Mann an Mann an Frau an Kind. Das bisschen Spielraum, das in einer solchen Situation noch bleibt, nutzte die immer noch erstaunlich gut gelaunte Polizei dazu, die Leute vom Querfeldeinfrängeln abzuhalten. In Richtung Stadt bitte rechts stillstehen, der Gegenverkehr stagniert derweil links entlang.
Es ist mir ein Rätsel, wie ich ohne jede gefühlte Bewegung dann doch irgendwann in der Bahnhofshalle ankam. Ich weiß nur, dass das Tempo dem Zubereitungszyklus chinesischer Fast-Food-Menüs entsprach: Zwei meiner Mitdrängler konnten während des Drängelns, sozusagen just in time, je einen Pappbecher Chop-Suey bestellen, bezahlen und bekommen. Ein anderes Zeitmaß: Das Schneckentempo reichte aus, um im Vorbeiströmen fast den gesamten Simon-and-Garfunkel-Songs "Mr. Robinson" zu hören, das in der Mitte des Bahnhofsdurchganges mit Inbrunst geklampft und geträllert wurde: "Heaven holds a place for those who pray".
Hoffentlich malen sie dort oben nicht auch schon die Schilder.
Bibelarbeit mit Hexenschuss
Ezzelino von Wedel
am 23. Mai 2009, 08.44 Uhr:
Bibelarbeiten gehören zum Kirchentag genau so dazu wie Kohl und Pinkel zu Bremen. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. In den vergangenen Jahren hat sich allerdings ein Generationenwechsel vollzogen. Die alten Stars der Bibelarbeit treten langsam ab, neue rücken nach. Das langbewährte Zugpferd Heinz Zahrnt ist gestorben, Dorothee Sölle ebenfalls. Ihr Mann, Fulbert Steffensky, jahrzehntelang im Schatten seiner Frau, nimmt nun ihren Platz ein und vertritt eine hypnotisierende Mischung aus Sölle'scher Sozialkritik und benediktinischer Spiritualtät. Nur noch der unverwüstliche Jörg Zink ist von der alten Garde übriggeblieben.
Zu den jüngeren nachrückenden Stars gehört mittlerweile der 1945 geborene Bochumer Alttestamentler Jürgen Ebach, ein brillianter Redner mit Volkswitz und profunder Kenner der altisraelitischen Welt. Den wollte ich hören. Also machte ich mich gestern früh auf in Richtung Messezentrum Halle 4.
Die kühle, große Halle füllt sich mehr und mehr, die ersten Reihen sind schon besetzt. Ebach sitzt unverständlich einsam und verloren in der hinteren Bühnenecke - ein starker Kontrast zu der Präsenz, die er sonst am Rednerpult entfaltet.
Inzwischen werden die Besucher geistlich-musikalisch aufgewärmt. Ein jugendlich aussehender, schlacksig schlanker Mann in höchst legerer Kleidung bringt uns einen Kanon bei. Zwei große Kreise bilden sich. "So, jetzt fassen sich die Kreise mal an den Händen." Die restlichen Besucher, auf den Papphockern eng zusammengepresst, sollen aufstehen, nach rechts uns links lächeln und, soweit es die etwa 7 Millimeter Zwischenraum zulassen, hin- und hertrippeln und dabei mitsingen. Wie sich übrigens später herausstellt, ist der jung aussehende Moderator Hochschulprofessor in Bayreuth.
Endlich erhebt sich Ebach von seinem Stuhl. Meine Güte, er hat einen Hexenschuss! Er fasst sich mit der Hand an den Rücken und schiebt sich angestrengt nach vorn.
Doch kaum steht er am Rednerpult, ist alles vergessen. Ja, der Geist baut sich seinen Körper. Ebach spricht laut und klar, und nach wenigen Sätzen hat jeder hier verstanden: dieser Mann ist zu Recht ein Star der Bibelarbeit. Er legt uns das Gleichnis des barmherzigen Samariters aus, ein von unzähigen Auslegern fast zu Tode getrampeltes Gleichnis.
Gebannt hören wir ihm zu, wie er das Gleichnis neu entziffert, überraschende Zusammenhänge aufdeckt, noch nie gehörte Querverbindungen herstellt, und dabei nicht nur über einen 2000 Jahre alten Text, sondern auch über uns hier und heute spricht. Wie viel Lektüre, Arbeit und Gelehrsamkeit hinter Ebachs luziden, immer wieder humorvollen Ausführungen steht, das verbirgt er unter der Brillanz und Leichtigkeit seiner Formulierungen. Großer, lang anhaltender Applaus. Und dann hinkt der vom Hexenschuss Geschlagene wieder langsam zurück und verschwindet irgendwo hinter der Riesenbühne. Sie hat ihn einfach verschluckt.
Versuch einer Antwort
Ezzelino von Wedel am 22. Mai 2009, 17.02 Uhr:
Da fliegt mir ein Ball entgegen, von meinem geschätzten Mit-Blogger Boris Hellmers herüber geworfen. Wirklich befriedigende Anworten werde ich wahrscheinlich nicht geben können. Dennoch, hier ein Versuch:
"Wohin man auch schaut: angekommene Menschen, die ihr Lächeln nicht nur manchmal überziehen" schreibt Boris Hellmers. Das könnte ich nicht mit dieser Sicherheit sagen. Ja, auf dem Kirchentag wird viel gelächelt, aber heißt ein Lächeln schon, dass jemand "angekommen" ist? Ich war im vorigen Jahr Bordseelsorger auf einem Kreuzschiff. Das größte Elend, die größte seelische Armut habe ich bei den Reichen gefunden, die schmuckbehangen immerzu lächelten und sich ach so "angekommen" benahmen. Armut ist nicht nur eine Frage von Geld.
"Mir wird der Kirchentag langsam unheimlich. Es ist alles zu gut", schreibt Boris Hellmers. Das Gefühl kenne ich. So, als würde man den ganzen Tag nur heisse Schokolade trinken. Es fehlen die Kontraste, die Dramaturgie stimmt nicht. Seltsam, wie schwer es auszuhalten ist, wenn es mal ein paar Tage lang keine Probleme gibt. Ich will damit sagen, dass es nicht nur unbestreitbar echte Probleme gibt, sondern auch das unausrottbare Bedürfnis, Probleme zu haben und Probleme zu erzeugen.
"Die Gottesdienstgemeinden sind ein bunter Querschnitt durch die Gesellschaft - aber meist nur durchs obere Drittel", schreibt mein geschätzter Mit-Blogger. Klingt richtig, wahrscheinlich stimmt es. Hier greift ein berühmtes Zitat des französischen Kirchenhistorikers Loisy: "Jesus wollte das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche." Hinter dem Unbehagen an den vielen "Angekommenen" und den zu wenigen Armen, Gestrandeten, Kranken und Vergessenen steckt eine sehr hohe idealistische Erwartung. Tatsache ist, dass nur die Allerwenigsten imstande sind, den hohen Idealen der Bibel - Zuwendung zu den Armen und Vergessenen - gerecht zu werden. Die (Volks)-Kirche ist ein Kompromiss. Je radikaler ein Verein, desto kleiner die Mitgliederzahl. Jesus hatte ja nur ein paar Dutzend Jünger. Das alles ist bedauerlich. Ich unterschreibe jeden Appell, dieses Defizit zu verbessern, und solche Appelle gibt es mehr als genug. Aber ich finde das, was ist, kann sich trotzdem sehen lassen.
Zuletzt noch eine Frage an meinen von mir mit dem größten Vergnügen gelesenen Mit-Blogger Boris Hellmers: Was Du, lieber Boris, beschreibst, ist Dein eigenes Unbehagen. Dir fehlen die Ausgegrenzten und Vergessenen. Wie sicher bist Du, dass denen der Kirchentag so fehlt wie sie Dir?
Kommentare zu diesem Eintrag:
# 1 -
Anna Tollkötter, Redakteurin Radio Bremen, 22. Mai 2009, 22.06 Uhr:
"An dieser Stelle ein kleiner Hinweis in eigener Sache: In dem Feature "Mensch, wo bleibst Du?" von Jens Schellhass geht es um Kirchentagsbesucher, die an und für sich nichts mit Kirche oder Religion am Hut haben und die zu den "Ausgegrenzten und Vergessenen" gehören. Das Feature ist am Samstag zwischen 17.05 und 18 Uhr im Nordwestradio zu hören. Vielleicht gibt es dort ja einige interessante Antworten..."
# 2 -
Boris Hellmers, 23. Mai 2009, 09.26 Uhr:
"Lieber Ezzelino, danke. Das ist ja eines dieser Themen wie heiße Kartoffeln: Einer wirft sie dem anderen zu, am Ende hat jeder eine in der Hand und weiß nicht weiter. Danke für Dein Pusten, meine Kartoffel ist nun nicht mehr ganz so heiß."
Kirchentag der Klarkommer
Boris Hellmers am 22. Mai 2009, 13.37 Uhr:
Mir wird der Kirchentag langsam unheimlich. Es ist alles zu gut. Nicht nur die Organisation oder die vielen Helfer, nicht nur dieses unglaublich riesige Programm, nicht nur das so gut gelaunte Bremen. Nein, gut ist vor allem: das Publikum.
Wohin man auch schaut: Angekommene Menschen, die ihr Lächeln nicht nur manchmal überziehen, überall Diskutanten, die belesen und bewandt sind in den Läuften der Welt, überall Männer, Frauen, Jugendliche, die aus voller Seele singen. Wäre dies hier eine Predigt, würde ich sagen: Überall Menschen, mit denen Gott es gut gemeint hat.
Aber genau das kann doch eigentlich nicht sein. Bei der Kirche und beim Kirchentag geht es doch gerade auch um die Dinge und vor allem um die Menschen, bei denen es nicht so klappt. Die Gestrandeten, die am Rande, Arme, Kranke, Vergessene. Vergessene, schon wieder vergessen?
Die Frage kann man problemlos ins Kirchlich-Grundsätzliche herüberziehen. Wer immer mal wieder im Gottesdienst sitzt oder mit den Verwaltungsgremien einer Kirchengemeinde vertraut ist, kann beobachten, dass die Kirche oft auch eine Kaste ist. Die Gottesdienstgemeinden sind ein bunter Querschnitt durch die Gesellschaft - meist aber nur durchs obere Drittel. In den Gremien sitzen, je nach Geografie, Studienräte oder führende Landwirte, engagierte Unternehmer oder Lehrer, eben das, was man früher Honoratioren nannte. Natürlich sitzen dort nicht nur sie. Aber sie sind viel präsenter als die, um die es in der Bibel eigentlich geht. Die Honoratioren kommen im Buch der Bücher ja nicht immer ganz gut weg.
Der Kirchentag in Bremen spiegelt das wider. Er sieht aus wie ein Kirchentag der Klarkommer. Wo ist der Rest? Konnte er sich den Besuch etwa nicht leisten - man lese den Blogkommentar einer Susanne unten auf dieser Seite? Oder wird man ängstlich oder träge, wenn man in Not oder gar Nöten ist? Würde die Kirche es überhaupt vertragen, wenn plötzlich alle Welt in ihrem Schoß Platz nähme? Wäre ein Kirchentagsprogramm mit dieser Abstraktions-Fallhöhe dann überhaupt noch möglich? Oder, provokant gefragt: Welche der spannenden Wortveranstaltungen ist für einen Menschen mit ganz geringem Bildungsgrad verständlich?
Nachdem ich nun zwei Tage lang so viele Menschen gesehen habe, beginne ich zu glauben: Das ist kein Kirchentag für alle, weil dahinter auch keine Kirche für alle steht. Trotz aller Leistungen etwa in der Diakonie, die durchaus auch proaktiv und offensiv in die Dunkelzonen der Gesellschaft vordringt, ist der Kirchentag ein zu strahlender Querschnitt, genau wie das Gemeindeleben in der guten deutschen Durchschnittsgemeinde.
Wieso bleiben Wort und Tat, praktische Hilfe und Theorie im Gottesdienst, so gespalten? Warum ist beides nicht eins? Wieso habe ich das Gefühl, dass der Erkenntnisgewinn der meisten Kirchentagsbesucher genau die trifft, die diese Erkenntnis sowieso schon seit Jahren teilen? Wieso bekommen nun genau die die größte Portion Seelen-Wellness ab, die davon sowieso schon so viel haben? Weiß mein geschätzter Mit-Blogger Ezzelino von Wedel darauf eine Antwort?
Menschheit, wo ist deine andere Hälfte?
Kommentare zu diesem Eintrag:
# 1 -
Ralph, 22. Mai 2009, 14.06 Uhr:
"ZITAT: "Das ist kein Kirchentag für alle, weil dahinter auch keine Kirche für alle steht.....wieso bleiben Wort und Tat, praktische Hilfe und Theorie im Gottesdienst, so gespalten?"ZITAT ENDE
Ich glaube, dass die Kirche und das Verhalten ihrer "Mitglieder" ein Spiegelbild unserer Gesellschaft ist. Sind nicht Wort und Tat bei Politikern und Entscheidungsträgern auch gespalten ? Leben wir nicht in einer Kultur des Delegierens...und Wegschauens (Ausnahme: Trash-TV). Wird nicht den Kindern schon das "Sich-vor-Verantwortung-Drücken" dadurch erleichtert, dass sie oftmals schon auf dem Schulhof merken, dass mit den alten Tugenden wie Ehrlichkeit, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Sind nicht viele(meiner Meinung nach auch bedauernswerten Lehrer)strukturell völlig überfordert...als Reparateure sozialer und kultureller Mißstände - und von der Politik dabei alleine gelassen werden ?"
# 2 -
Susanne1, 24. Mai 2009, 11.00 Uhr:
"Hallo,
Ihr Blog nimmt leider keine Kommentare mehr entgegen. Diesen Text wollte ich gestern abend posten:
Kirchentag der Privilegierten
Da mein Kommentar oben schon erwähnt wird, aktualisiere ich ihn noch einmal. Heute, in der Überseestadt, ist das noch einmal so richtig klar geworden. In die Zelte und Speicher kam man ohne Karte ja sowieso nicht rein, wobei ich von draußen gesehen habe, daß in einem Zelt wohl einige politische Parteien waren - ansonsten Vereine, Verbände, die vielleicht einen sozialen oder kirchlichen Anspruch haben - irgendwie kam uns das vor wie eine HaFa, nur im großen Rahmen.
Die Cap San Diego war überfüllt und anscheinend auch nur mit Karte zu besichtigen, einem Chor konnten wir zuhören. Aber dann das gastronomische Angebot - teuer. Im Vorfeld hatten Bekannte erzählt, auf Kirchentagen gebe es auch immer viel zu essen zum kleinen Preis - tja, bloß wo? Pommes für 2,50 Euro, ein kleines Quiche-Stück 3,50 Euro - he, das waren mal 7 DM !!! "
# 3 -
Susanne1, 24. Mai 2009, 11.01 Uhr:
"Teil 2....
In der Innenstadt am Marktplatz und Liebfrauenkirchhof (heißt der so?) wars dann auch nicht besser. Man konnte sich über die Angebote der Diakonie informieren - das kann man auf den Messen in der Stadthalle auch. Alle Leute liefen mit den mausgrauen Schals rum - Stück 3 Euro unter den Rathausarkaden.
An der Glocke ein großes Schild "Saal überfüllt". Wie ist das eigentlich, wenn jemand wirklich diese 98 Euro für die Karte bezahlt hat und dann kommt er in die Veranstaltungen gar nicht rein??? Und für einige Veranstaltungen mußte man trotz der Kirchentagskarte noch extra bezahlen (Kabarett im KuBa in Vegesack z. B. ).
Tja, und dann die Bitte einer älteren Nachbarin: Wenn Du schon mal in der Stadt bist, kannst Du mir die Domnachrichten mitbringen? Nein, konnte ich leider nicht, weil auch der Dom nur mit Eintrittskarte zu betreten war.
Die Leute an den Kassenhäuschen in der Überseestadt wußten nichts vom freien Eintritt für HARTZ-IV-Empfänger, der ist anscheinend auch schon wieder zurückgenommen worden, wenn man dem Artikel von heute in der TAZ glauben darf.
Das Schlimme ist, daß die Kirchentagsmacher vermutlich selbst nicht einmal merken, wie sie bestimmte Gruppen ausgrenzen. sie loben sich, wie schön sie auf Behinderte vorbereitet sind, es gibt einen Fahrdienst, und die Leute vom Papageienhaus dürfen Kaffee servieren - ist doch alles easy !"
# 4 -
Susanne, 24. Mai 2009, 11.01 Uhr:
"hm, beschränkte Zeichenzahl? Teil 3:
Der Kirchentag ist nur etwas für Privilegierte - für Klarkommer. Er ist ein Wirtschaftsfaktor, der auf Einnahmen durch zahlende Teilnehmer vermutlich angewiesen ist. Die reichen ja noch nicht einmal, wie man hört, hat Bremen 7,5 Millionen Euro dazu bezahlt.
Der Kirchentag ist genausowenig christlich und sozial wie es auch die Kirche ist. Gab es nicht eine Demonstration, die die Praxis der Kirche anprangerte, viel von Hartz IV zu profitieren und mit 1-Euro-Jobbern zu arbeiten? Und nach dieser Demo gabs dann die Ankündigung: Eintritt frei für Hartz-IV-Empfänger - auf der Pressekonferenz am Donnerstag mittag? Aber wie gesagt, das wurde anscheinend inzwischen wieder zurückgenommen und nun ist der Kirchentag sowieso gelaufen - für die Klarkommer und für die, die draußen bleiben mußten.
"
# 5 -
Susanne, 24. Mai 2009, 11.05 Uhr:
"Heute nun die Nachricht: Hartz IV Empfänger kriegen Geld zurück, wenn sie den VOLLEN Preis bezahlt haben. Den mußten sie sowieso nicht zahlen. Und die Kirchentagspräsidentin hat gesagt, nicht allen wäre wohl bekannt gewesen, daß Verharzte freien Eintritt haben. Da kennt sie wohl ihre eigenen Regularien nicht. Die Website mit den Preisen wurde schnell aus dem Netz genommen, aber ich habe sie noch auf dem Rechner. Da stand glasklar drin, Hartz-IV-Empfänger halber Preis - nicht gratis !!!! Lügt die Kirchentagspräsidentin???
Und was ist mit den Hartz-IV-Empfängern außerhalb Bremens? Gucken die nun in die Röhre?
Tja, Christ sein ist nicht so einfach.
Und wem haben wir den Sinneswandel zu verdanken? Einiges dazu steht schon im Netz, u. a. hier: www.links-im-norden.de
"
# 6 -
Robert, 23. Mai 2009, 07.34 Uhr:
"Dekanin Ursula Seitz, Nürnberg-Mögeldorf 2005 zum Buß und Bettag in der St.Lorenz Kirche in Nürnberg hat m. E. schön herausgearbeitet wo der Zwiespalt zwischen praktischer Hilfe und Theorie begraben liegt. Zum einen fasst Sie zusammen was Gerechtigkeit heißt:
"Biblische Gerechtigkeit bedeutet immer das Eine: Es muss nicht jeder das Gleiche bekommen, aber jedem und jeder soll so viel zukommen, wie sie oder er zum Leben braucht, unabhängig davon, ob die Gesetze und Verordnungen eines Landes das vorsehen oder nicht.
Die Gerechtigkeit Gottes ist nicht die Aufhebung der Unterschiede, erst recht natürlich nicht ihre Zementierung, aber ihre Versöhnung. Das heißt, dass Unterschiede etwas Spannungsvolles und Befruchtendes sind, solange jeder mit seinem Anteil leben kann."
Zum anderen nimmt Sie die Wirklichkeit in den Blick:
"Im Jahr 2003 besaßen 7,7 Millionen Menschen ein Vermögen von mindestens einer Million US Dollar. Insgesamt hatten sie ein Vermögen von 28,9 Billionen Dollar. Das ist fast der dreifache Betrag des Sozialprodukts der USA im selben Jahr. Gleichzeitig waren 840 Millionen Menschen weltweit unterernährt und 1,5 Milliarden Menschen müssen mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Die 20% der Reichsten der Welt konsumieren 86% aller Güter und Dienstleistungen weltweit. 200 Millionen Dollar Zinsen fließen täglich von Süd nach Nord. Die Entwicklungshilfe beträgt die Hälfte davon. Es ist damit klar, wer wen subventioniert. 24.000 Menschen sterben täglich an den Folgen von Armut und Unterernährung.
Dies ist die Sünde unserer Zeit. …..es geht nicht um individuelle Schuld, sondern um die Sünde des Volkes, der Menschheit. Gemessen an dem Lebenswillen Gottes für alle
haben wir kläglich versagt. Das Schlimmste ist, dass wir genau wissen, was richtig ist und was falsch. Der Ort, an dem die Sünde angesiedelt ist, befindet sich – wie so oft – am Übergang vom Wissen zum Tun."
Viele die am Kirchentag teilnehmen - dies unterstelle ich hier - werden sicherlich einiges tun, ob durch Geldspenden oder persönliches Engagement und doch hängen alle - nicht nur die Kirchentagsbesucher (vgl. Kommentar v. Ralph: Spiegelbild der Gesellschaft)in dieser "Sünde der Zeit" Anstöße, hier mit Abhilfe zu beginnen, finden sich in vielen Verlautbarungen. Die Gemeinden und damit die einzelnen "Klarkommer" sind tatsächlich gefragt. Doch nicht nur die! Die anderen auch! Da geht die Frage "Mensch, wo bist Du?" eben auch an die, die Kirche für eine geldverschwendende und überflüssige Institution ansehen. Könnt Ihr den ersten Stein werfen?
"
Warum Bremen?
Ezzelino von Wedel am 22. Mai 2009, 08.17 Uhr:
Es war Henning Scherf, der den Kirchentag in Bremen haben wollte. Als Bischof Bode beim Eröffnungsgottesdienst auf der Bürgerweide erzählte, wie Scherf eines Abends bei ihm anrief und sagte: "Es ist ein Traum von mir, den Kirchentag nach Bremen zu holen", schwenkte die Fernsehkamera auf den Ex-Bürgermeister, der sich in braunem Jackett unter das Volk gemischt hatte. Auf den Großleinwänden erschien ein breit und glücklich grinsender Scherf neben seinem stolzen Enkel.
Gut, gut. Aber das kann's ja nicht gewesen sein. Gibt es genuin bremische und von Scherfs Wunschwelt unabhängige Gründe, warum dieses Mammutfest in der Hansestadt stattfinden sollte? Die gibt es. Denn Bremen hat Geschichten zu erzählen, die ganz neu die Augen für den (hoffentlich vorhandenen) Glauben öffnen.
1. Geschichte: Im Jahre 780 schickte Karl der Große Missionare nach Bremen, um die tumben und widerborstigen Sachsen zum Christentum zu bekehren. Die Missionare trugen lange, scharfe Schwerter, und kaum stießen sie auf Germanen, zückten sie ihre Waffe und sprachen die sehr klaren Worte: "Wollt ihr euch taufen lassen, Ja oder Nein?" Wer "Nein!" sagte, war sofort tot. Die meisten sagten "Ja!". Kurzum: Der Glaube, der nichts so sehr propagiert wie Gewaltlosigkeit, wurde mit Gewalt eingeführt. Und der größte Witz dabei ist: Es hat funktioniert.
2. Geschichte: Dort, wo jetzt die elegante Katharinenpassage zum gehobenen Konsum einlädt, stand in alten Zeiten das Dominikanerkloster St. Katharinen. Die Dominikaner waren für die Inquisition zuständig. Als der Bremer Bischof Gerhard II. das aufmüpfige und reiche Bauernvolk der Stedinger für immer unterwerfen wollte, suchte er einen Vorwand. Er überredete die Dominikaner, die Stedinger zu Ketzern zu erklären. Dann überfiel er die Bauern und schlachtete 5000 Mannen nieder. Das war 1234. Ein Teil der reichen Beute wurde für die gotische Einwölbung des Doms verwendet. Klingt grässlich. Aber die Schönheit der gotischen Gewölbe hat unzählige Menschen beglückt.
3. Geschichte: Die Stadtkirche Unser Lieben Frauen war ursprünglich dem Heiligen Veit gewidmet, einem der vierzehn heiligen Nothelfer, denen verschiedene Aufgabenbereiche zugewiesen waren. St.Veit half bei Epilepsie. Aber er wurde auch gern als verlässlicher Aufwecker in Anspruch genommen. Das dazugehörige Gebet: "Heiliger Sankt Veit, wecke mich zur rechten Zeit - nicht zu früh und nicht zu spät, wenn die Glocke sieben schlägt."
Aus Gewalt kann Gewaltlosigkeit werden, aus Blut Schönheit. Und der Glaube kann höchst angenehme praktische Folgen haben - zum Beispiel pünktlich geweckt zu werden. Bremer Geschichten für den Kirchentag.
An ihren Taten sollt ihr sie erkennen
Boris Hellmers
am 21. Mai 2009, 22.54 Uhr:
Schade, dass gerade Kirchentag ist. Wäre er nicht, dann würde nämlich wohl eine andere Großveranstaltung den Weg auf die Titelseiten finden. Es nehmen teil: 850 Menschen aus ganz Deutschland, aus mehreren Ländern Europas und sogar aus Übersee. Sie haben sich an der Alwin-Lonke-Schule eine eigene Stadt gebaut, mit Unterkunft, Vollverpflegung und eigener technischer Infrastruktur - sogar einen eigenen Sendemast für die Kommunikation haben sie sich hingestellt.
Das mit dem "Schade, dass gerade Kirchentag ist..." funktioniert allerdings nicht. Denn wäre gerade kein Kirchentag, dann gäbe es die Johanniter-Stadt erst gar nicht. Die 850 Helferinnen und Helfer sichern das Mega-Treffen sozial und medizinisch ab. Ihre Sanitäts-Zelte stehen überall, doch sie tun viel mehr. Sie betreiben einen Kindergarten, transportieren Behinderte und verleihen Rollstühle, laden Handys wildfremder Leute wieder auf und erledigen tausend andere Kleinigkeiten, auf die kein Normalsterblicher kommen würde, die für die Betroffenen aber wie vom Himmel geschickt erscheinen.
All diese Dienste und Dienstleistungen sind schon respektabel genug. Etwas anderes macht die Johanniter-Helfer aber zu richtigen Helden. Dass die Johanniter christliche Wurzeln haben, die bis auf den gleichnamigen uralten Orden zurückgehen, wusste ich, als ich heute Frauke Engel und Maike Müller (siehe Bild) im Medienzentrum der Johanniter besuchte. Sie erzählten voller Elan und Begeisterung von ihren Aufgaben, ihrer Einrichtung und ihren Mitstreitern. Was ich nicht wusste war, wie sehr sie für die Religion brennen. Denn noch mehr Euphorie packte sie, als sie von Kirche und Pastoren erzählten, von gelebtem Glauben und Kirchentagen, bei denen sie früher dabei waren, noch nicht im Dienst der Johanniter, als ganz normale Besucher.
Normaler Besucher zu sein, das ist für sie, eigentlich die Kernzielgruppe des Kirchentages, aber nur noch ein Traum. Sie sind den ganzen Tag auf den Beinen, immer auf Standby, sind überall nur auf der Standspur und bekommen die großen Veranstaltungen nur am Rande mit. Es kann sein, dass jederzeit ein verstauchter Fuß, ein Kreislaufzusammenbruch, quengelnde Kinder oder ein Menschenkind mit leerem Handyakku dazwischenkommt.
Die meisten ehrenamtlichen Johanniter- und anderen Helfer müssten das nicht tun. All die grünen Pfadfinder müssten nicht bei strömendem Regen und gleißender Sonne an den kargen Geländeeingängen stehen und Eintrittskarten kontrollieren. Sie könnten alle auch drinnen dabei sein. Mit Kirchentagsschal, auf einem Papphocker sitzend, singend, hörend, diskutierend, lachend, Erkenntnis sammelnd, feiernd.
Ich glaube nicht, dass diesen Menschen schon oft gesagt worden ist, wie großartig es ist, dass ihnen das Helfen wichtiger ist, dass es ihnen mehr Glück oder Freude bringt. Viel wird auf den Podien der Großveranstaltung sinniert, wird interpretiert, diskutiert, die Bibel gewälzt. Die beste Exegese kann manchmal aber ein Blick auf die Seitenbühne des Lebens sein. Dort, am Rande, vom Hauptstrom aus fast unsichtbar, manifestieren sich die biblischen Werte ganz real. Nur, dass die Samariter diesmal Johanniter heißen.
Nächtliche Rush-Hour im Dorf mit Straßenbahn
Boris Hellmers
am 21. Mai 2009, 01.28 Uhr:
Der Kirchentag hat seine ersten Wunder - Religion funktioniert! Die Wunder des ersten Abends fanden rund um die Wallanlagen und am Bahnhof statt. Dort konnte man sich aussuchen, wie man sich fühlen wollte: wie an einem Sommer-Samstagabend in Amsterdam, wie an einem sanften Urlaubstag in Prag oder wie beim nächtlichen Spazierengehen durch die Avenues von Paris. Bremen war am Mittwochabend auf eine unglaublich coole, auf eine unwiderstehlich offene Art ein Weltmittelpunkt und ein Ort sehr erträglicher Leichtigkeit des Seins.
Auch wenn eine Kirchentags-Fressmeile im Grunde eine Fressmeile bleibt: Sowohl Anbieter (vom Bund der Pfarramtssekretärinnen bis zum Krankenhaus-Besuchsdienst) als auch Angebote (Oldenburger Rosinenstuten oder essbare Orgelpfeifen, süü oder herzhaft) waren Hingucker. Auch wenn manches der Darbietungen in den grünen Tiefen der Wallanlagen Kirchens berüchtigte kulturelle Tranigkeit ganz ungeniert in die große öffentlichkeit trug: Hier war das Leben, hier wehte irgendein Geist. Wenn mein Blog-Kollege Ezzelino von Wedel schreibt, der Glaube gründe auf Ereignissen, dann muss er an solche Ereignisse gedacht haben.
Das große Maß an Freiheiten, die diese Stadt sonst gar nicht bietet, mag das noch befeuert haben. Wer sich an normalen Tagen zu einem stundenlangen Sit-In mitten auf dem Schüsselkorb versammelt, dürfte es mit der Polizei schwer haben. Wer sich provozierend neben Mozart-klimpernde Straßenmusikanten stellt und aggressiv Werder-Lieder gröhlt, wird nicht jeden Tag auf eine so freundliche, so geduldige und nachsichtige Menschenmenge stoßen. Alles so friedlich. Herrlich!
Die ganz große Kugel wird aber woanders geschoben: auf dem Bahnhofsvorplatz. Noch vor kurzem hatte die BSAG beim Flugtag einigermaßen gepatzt: Am Ende waren die genervten Nicht-Passagiere zu tausenden per pedes quer durch die Stadt marschiert. Das waren aber nur 100.000 Menschen gewesen. Nur! Wenn die Christen kommen, dann kommen sie mächtig und in großer Zahl. In den Wirren des BSAG-Netzes könnten sich die bis zu 300.000 Kirchentagsbesucher ohne Weiteres heillos verheddern.
Wer sich spät abends auf den Bahnhofsplatz begibt, erlebt aber etwas vollkommen anderes. Dass sich der öffentliche Personennnahverkehr dauerhaft am Rande des Abgrunds bewegt, erkennt auch der Laie sofort. Aus allen Himmelsrichtungen rauschen Straßenbahnen heran, an jeder Einfahrt warten einige Züge darauf, zu den Bahnsteigen vorzudringen. Dazwischen laufen Unmengen von Menschen herum. Sie quetschen sich hemmungslos zwischen stehenden oder anfahrenden Fahrzeugen durch, watscheln in aller Seelenruhe quer über Gleise und Trassen, bilden unendliche, unauflösbare Ströme. Der Begriff "Verkehrsinfarkt" schwebt über dem Bahnhofsplatz wie Gottes Sprechblase auf den Mottoplakaten des 32. Kirchentages.
Aber die BSAG hat ihren Engeln befohlen, Fahrzeuge und Menschen zu behüten auf allen ihren Wegen. Die Engel tragen quietschgelbe Signaljacken mit der Aufschrift "Wir informieren" und sind in Wirklichkeit gestandene Herren mit unendlicher Geduld und einer Sozialkompetenz, die eingeborene Bremer der BSAG niemals zusprechen würden. Dem knarzigen Kasernenton, den die Fahrer in ihren Wagen sonst gern pflegen, wenn etwas nicht nach ihren Wünschen läuft, setzen die Info-Engel Charme und volles Wissen entgegen. Mein Versuch, einen der Engel zu fragen, wie oft er denn schon nach dem Weg gefragt wurde, schlägt immer wieder fehl - in einer Minute wird er von 18 Menschen um Hilfe gebeten, die er auch 18 Mal präzise parat hat. Andere Gelbjacken sorgen mit Trillerpfeifen sanft, aber bestimmt für freie Bahn für die BSAG-Flotte, die im Sekundentakt ein- und ausfährt, in Richtung Bahnhof kaum besetzt, vom Bahnhof weg dann vollgestopft wie die Tokioter S-Bahn zur Rush-Hour.
Welchen Stress all das hinter den BSAG-Kulissen bedeutet haben wird, mag man sich lieber gar nicht vorstellen. Das Stück, das die Verkehrsbetriebe auf der sichtbaren Bühne spielten, machte aber einen hervorragenden Eindruck und verdient Applaus. Wer dieses Verkehrs-Spektakel gesehen hat, spricht den Lieblings-Aphorismus der Bremer fortan vielleicht sogar mit etwas Stolz in der Brust aus: Ja, Bremen ist ein Dorf mit Straßenbahn. Aber mit was für einer!
Kommentare zu diesem Eintrag:
# 1 -
Michaela, 21. Mai 2009, 11.47 Uhr:
"Diese einmalige Kirchentagsstimmung kenne ich von anderen Kirchentagen. Schön, daß es in Bremen genauso ist. Diese riesigen Menschenmassen ÖPNV-mäßig zu versorgen, ist eine Glanzleistung. Aber es scheint ja zu klappen!"
# 2 -
Jürgen Ehlert, Frankfurt am Main, 22. Mai 2009, 11.23 Uhr:
"Die Redakteure von Radio Bremen waren wohl noch nie in einer anderen Großstadt mit Straßenbahn.-
Denn in Bremen habe ich noch keine dörflichen Strukturen gesehen, nur am Stadtrand. Solche dörf-lichen Strukturen gibt es in allen anderen Großstädten an den Stadträndern, auch in Frankfurtam Main und Berlin. Deswegen finde ich die Bezeichnung Dorf mit Straßenbahn ziemlich unzutreffend."
# 3 -
Boris Hellmers, 22. Mai 2009, 12.52 Uhr:
"Lieber Herr Ehlert, danke für Ihren Kommentar. Ich hatte beim Schreiben vielleicht nicht so an die Leser von außerhalb gedacht. Deshalb reiche ich nach: Den Spruch, Bremen sei ein "Dorf mit Sraßenbahn", führen die Bremer weniger im Munde, um grüne Qualitäten hervorzuheben. Sie sagen ihn eher, wenn sie ihre Stadt für klein oder provinziell halten, für so etwas wie die kleinste denkbare Form der Großstadt - er ist also eher negativ oder bestenfalls relativierend gedacht."
# 4 -
Jochen, 22. Mai 2009, 21.58 Uhr:
"Vielleichtz lesen hier ja auch verantwortliche der bremer verkersbetriebe oder deren mitarbeiter. daher nuztze ich die möglich keit hier mal öffentlich für alle krichentagsbesucher danke zu sagen. für ein dorf mit straßenbahen wie die bremer selber scherzhaft ihre schöne stadt nennen ist die organisation super die fahrer sind freundlich und nehmen auf die menschen die in ihren dorf nicht mal einen bus haben und auf den schienen rumstolpern rücksicht, und auch die die keinen fahrplan lesen können bekommen von angestellten und mitmenschen freundlich hilfe und kommen am ende dort an wo sie hin wollen (in köln war die organisiaton in dieser hinsicht auch nicht besser und die haben erst ein paar jahre zuvor mit dem weltjugendtag und jährlich wiederkehrenden großereignissen für den kirchentag üben können).
vielen dank für die vielen freundlichen helfer der Bremer verkehrsbetriebe"
# 5 -
Jürgen Ehlert, 23. Mai 2009, 17.09 Uhr:
"Lieber Herr Hellmers,
es gibt in Deutschland ca. 80 Großstädte, von denen ich alle mehr oder weniger gut kenne. Bremen
ist da an 10. Stelle und damit nicht klein,
sondern groß. Städte wie Hannover, Leipzig und
Dresden sind allesamt kleiner als Bremen"
Bitte auch mal lächeln, Pastor Brahms
Ezzelino von Wedel
am 21. Mai 2009, 00.32 Uhr:
19.15 Uhr: Der Eröffnungsgottesdienst auf der Bürgerweide ist vorbei. Vor kurzem habe ich noch etwas über Kirchentag als Beinahe-Wiederkunft Christi geschrieben. Ein kühner Vergleich, wenn man diesen Eröffnungsgottesdienst miterlebt hat.
Es war übrigens ein lustiges Bild, auf dem Weg zur Tribüne Block 2 an den Prominenten vorbeizugehen, die dort im warmen Sonnenlicht sitzen und superunbefangen miteinander scherzen, wohl wissend, dass alle Augen und meterlange Teleobjektive auf sie gerichtet sind. Bischöfin Käßmann ganz locker im heiteren Gespräch mit Ministerpräsident Wulff, ein paar Reihen hinter ihr der greise Hartmut von Hentig mit seinem alterslosen Internatsjungenhinterkopf, in der ersten Reihe verweht gerade der sonst so unbeirrt durchgezogene Mittelscheitel unseres sympathisch lachenden, wahlkämpfenden Außenministers Steinmeier in einer erfrischenden Windbö. Ach ja, da sitzt ja der Osnabrücker Bischof Bode und hält sein Käppi fest.
Der Eröffnungsgottesdienst beweist mal wieder, dass die wirklich guten Prediger nicht in der Kirche, sondern in der Politik sind. Gewiss, Pastor Renke Brahms, Schriftführer der bremischen evangelischen Kirche, hält eine solide, durchgearbeitete Predigt. Finanzkrise, Klimawandel, Armut, alle aktuellen Krisenherde kommen vor. Aber irgendwie kommt der Mensch Renke Brahms nicht zum Vorschein, wir erleben nur die Amtsperson.
Und dann tritt unser Bundespräsident auf, Horst Köhler. Ach, hat der einen Charme. Er lächelt, zu Beginn noch ein bisschen schüchtern, aber so offen. Renke Brahms hat nicht ein einziges Mal gelächelt. Köhler schaut uns alle väterlich wohlwollend an, und plötzlich löst sich etwas in der Riesenmenge. Er spricht nur ein paar Sätze, und schon brandet Applaus auf.
Außenminister Steinmeier muss diesmal einen seltsamen Berater konsultiert haben. Er spricht so, als sei Bremen die Stadt der reformierten Christen. Er preist Calvin an, als sei der sein besonderer Spezi. Sehr bewusst adressiert er die Menge zu Beginn als "Liebe Schwestern und Brüder im Glauben", aber schon zwei Sätze später fällt er in das floskelhafte "M'DamnuHerrn" des Wahlkampfredners zurück.
Aber den beste Auftritt legt der katholische Bischof Bode hin. Ein verschmitztes Lächeln, ein paar Locken, die unter seinem Bischofskäppchen hervorquellen. Der Mann ist lustig und witzig, er hat ein rundes Gesicht, schon die Erscheinung verbreitet Lebensfreude. Wir armen Protestanten mit unseren Hunderten kategorischen Imperativen und dem allumfassend geschärften Problembewusstsein.
Schlecht wars nicht, die Menge hat es alles mit unfassbarer Geduld entgegengenommen.
Sektierer im evangelischen Mainstream
Boris Hellmers
am 20. Mai 2009, 20.23 Uhr:
19.15 Uhr: Der Eröffnungsgottesdienst auf dem Marktplatz ist vorbei. Nun ist der 32. Deutsche Evengelische Kirchentag eröffnet, und die Bremer haben schon ihren ersten Applaus kassiert: Als Gerhard Robbers, Präsidiumsmitglied beim Kirchentag, den Bremern für "Raum und Geborgenheit" dankte, klatschten die Tausende auf dem Markt begeistert los - die Stimmung ist wonnig, auch wenn beim Gottesdienst einiges schief läuft. Die Beschallung ist mäßig, die Musiker animieren nicht wirklich zum Mitsingen, die vielen Wortflächen von der Bühne sorgen immer wieder für Unruhe an den Rändern, wo ohnehin stets Trubel ist: Dass der Marktplatz mit lauter Frommen verstopft ist, nervt viele normale Flaneure doch sehr. Sie drängeln sich grummelnd an den Gruppen mit den blaugrauen "Hier bin ich"-Schals vorbei.
Wer sich mit den Lehren der evangelischen Christen nicht anfreunden mochte, könnte es ja mal bei einem der Sektierer am Rande versuchen. Auf Bremens Straßen herrscht mehr als eine evangelische Lehrmeinung. An vielen Stellen bieten Wandermissionare ihre Weisheiten an. Sie verteilen Schriften namens "Der einzige Weg" oder "Echtes Gold", sie vermehren christliche "Informationen, die Sie haben müssen" und stehen mit riesigen "Jesus lebt"-Schildern an den Wegesrändern. Mannigfaltige Propheten oder Weissager gab es nach historischen Quellen schon zu Jesu Zeiten - vielleicht ist diese bunte Bremer Vielfalt insofern auch ganz urchristlich.
Vielen Evangelischen werden die Botschaften der religiösen Randgestalten trotzdem seltsam vorkommen. Dabei sind sie selber aus einer anderen Perspektive betrachtet vielleicht gar nicht so anders: Für Nicht-Christen mag der Kirchentag als solcher so komisch erscheinen wie die Sektierer dem evangelischen Mainstream.
Kommentare zu diesem Eintrag:
# 1 -
Ralph, 21. Mai 2009, 15.12 Uhr:
"Na ja, da hat der liebe Opa, der mit dem "Wachturm" gleich neben Beate Uhse steht, eben ein paar Kumpels bekommen....solange sie einen nicht anquatschen..."
Keine Jesus-Latschen, keine Körnerfresser
Boris Hellmers am 20. Mai 2009, 15.14 Uhr:
So, nun sind sie also da. Überraschend schnell haben die Besucher die Hansestadt geflutet. Auf dem Weg in die Stadt, noch draußem im Speckgürtel, habe ich gleich mehrere unübersichtlich große Fahrradfahrer-Gruppen mit gelben Kirchentags-Schals mühsam überholen müssen. Eine davon war die "Evangelische Jugend Pfalz". Aus der Pfalz mit dem Fahrrad?
Auch die Straßenbahn war schon mittags spürbar voller als sonst, aber auch spürbar fröhlicher. Die Besuchs-Christen erweisen sich als ausgesprochen kommunikativ. Wer seine Kirchentags-Landkarte ausbreitet, kann (oder muss?) fast sicher sein, im nächsten Moment angesprochen zu werden: "Bist Du auch hier zum Kirchentag?" Auf diese Weise erfährt man als Sitznachbar während einiger ÖPNV-Fahrten unfreiwillig einiges über die Kirchentägler. Der eine gilt in seiner ansonsten offenbar atheistischen Thüringer Schulklasse als skurriler Typ, seit er beim Karaoke mal christliche Lieder zum Besten gab; eine ältere Frau wollte eigentlich mit ihrem Mann in Bremen sein. Er starb aber vor einem dreiviertel Jahr, für sie habe die Devise "Mensch, wo bist Du" seitdem einen tief traurigen Klang. Für zwei Teenager mit Alkopops in der Hand ist das alles "nur noch nervig, ich kanns nicht mehr hören": Einheimische offenbar, deren Geduld erst ab heute Abend so richtig auf die Probe gestellt werden wird. Hoffentlich tun sie dann wenigstens so, als seien sie gastfreundlich.
Die Menschenmenge, die sich nun in die Innenstadt zu ergießen beginnt, dürfte manches Klischee übrigens nicht erfüllen. Wer sich einen Spaß machen will und sich zum "Christen gucken" ins Straßencafé setzt, um sich im Stillen über frömmelnde Nonnen, unbelehrbare Öko-Fundis, die so oft kolportierten "Körnerfresser", harmlos-naive Gutmenschen oder mental Schwebende in Jesus-Latschen zu amüsieren, wird sich schnell langweilen. Die Zeiten des Kirchentages als Müsli-Antipode zur Durchschnittsgesellschaft sind lange vorbei, und in Bremen verfestigt sich das Bild: Die Kirchentagsbesucher sind erschreckend normal.
Sie kommen aus allen Altersklassen, aus sämtlichen Bildungsstufen, kleiden sich genauso modisch oder auch nicht wie alle anderen und sehen auch nicht so aus, als hätten sie mehr Willen oder Kompetenz zur Rettung von Welt und Seelenheil. Im Prinzip mischen sie sich perfekt mit dem menschlichen Grundrauschen unserer Stadt - es sind nur viel, viel mehr.
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# 1 -
Ralph, 20. Mai 2009, 16.04 Uhr:
"Wenn Euer Blog genauso heiß wird wie das Auftaktphoto (das mit dem Heiligenschein), dann kann uns auch die Regenwahrscheinlichkeit nicht schrecken ! Euch und uns viel Spaß in den nächsten Tagen. Lieben Gruß von Ralph "
Kirchentag: ein Glaubensereignis
Ezzelino von Wedel am 20. Mai 2009, 08.25 Uhr:
Es gibt da immer noch eine große Verwechslung.
Für viele Menschen bedeutet Christentum eine höhere Moral. Oder eine angestrengt versuchte Heiligkeit. Aber das ist ein Missverständnis. Der christliche Glaube gründet sich auf Ereignisse.
Ein Kind wird geboren. Ein junger Mann wird getauft. Ein junger Mann wird gekreuzigt. Er erscheint wieder, verwandelt. Und alle Ereignisse, von denen das Neue Testament berichtet, laufen auf das große, letzte Ereignis zu: der Auferstandene wird wiederkommen und alles verwandeln. Ein neuer Himmel, eine neue Erde. Die Klugen bereiten sich darauf vor. Die Törichten verschlafen den entscheidenden Augenblick. Aber egal, sie sind auch dabei. Das ist Weltgeschichte aus christlicher Perspektive.
2000 Jahre sind seid der Geburt Jesu inzwischen vergangen. Von Wiederkunft weit und breit nichts zu sehen. Aber die Hoffnung auf eine große Verwandlung steckt tief in uns allen, ob Kirchenmitglied oder nicht. Jeden Abend sitzen Millionen Menschen vor dem Fernseher und verfolgen gebannt Geschichten, in denen sich alles ins Bessere und Schönere verwandelt.
Heute fuhr ich durch die Überseestadt und sah die vielen weißen Zelte, die inzwischen aufgestellt wurden. Lange Versammlungszelte, kleine hübsche Pagodenzelte, die an mittelalterliche Turniere erinnern. Noch ganz leer und unverbraucht wirken sie. Hier ist alles in Vorbereitung. Arbeiter ziehen an Strippen, legen Kabel, hämmern herum oder trinken Kaffee. Alles ist auf den Augenblick ausgerichtet, an dem das große Ereignis beginnt.
Über die Schlachte radelte ich dann in die Innenstadt. Auch hier wird geschraubt, hochgezogen und zusammengesetzt. Stück um Stück fügt sich aus vielen Einzelräumen der eine große Raum zusammen, in den das Naturereignis Kirchentag einfluten wird.
Derweil kommen Tausende andere Organisatoren allmählich an das Ende ihrer Vorbereitungen. Journalisten, Moderatoren, Verkehrsplaner, Gastronomen, Künstler, Posaunenchöre, Küster und Geistliche - alle haben sie getan, was sie konnten, um gerüstet zu sein.
Natürlich, der 32. deutsche evangelische Kirchentag ist nicht die Wiederkunft Christi. Aber er ist immerhin ein beachtliches Ereignis. Und er bringt die Gedanken wieder zurück zum Ursprung: dass der christliche Glaube sich auf Ereignisse gründet. Und dass das letzte, entscheidende Ereignis noch aussteht.
Glauben heisst eben auch warten auf etwas, das noch nicht geschehen ist. So gesehen ist auch ein Kirchentag das Echo von Zukünftigem, ein Vorhall jener Erfüllung, die wir uns unablässig erträumen.
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# 1 -
Elmar Weber, 20. Mai 2009, 11.35 Uhr:
"Wer hat denn diesen Artikel erstellt? Sie sollten bitte darauf achten den Namen des Autoren zu nennen. Gott zum Gruß"
# 2 -
Radio Bremen Online, 20. Mai 2009, 15.17 Uhr:
"Hallo Herr Weber, die Autorennamen finden Sie immer zwischen Überschrift und Textanfang. In der mittleren Spalte finden Sie außerdem kurze biografischen Infos der beiden Blogger."
Erweckungslieder mit 200.000 Watt
Boris Hellmers
am 19. Mai 2009, 16.02 Uhr:
"Du meine Seele, singe!": Aber ja, am besten mit 10.000 Watt. Oder 50.000? "Keine Ahnung, ich denke mal, so 200.000 werden es wohl sein." Der Mann hinter dem riesigen Mischpult in einem Technik-Zelt auf der Bremer Bürgerweide weiß selber nicht, wieviel Watt er da mit den riesigen Lautsprecherwänden regiert. Es sind auf jeden Fall genug, um halb Findorff und die ganze Bahnhofsvorstadt mit Erweckungsliedern zu versorgen. Mit "Du meine Seele, singe" stimmt sich eine der Posaunenchor-Bands auf ihren großen Auftritt ein.
Wieviel Detailarbeit allein ein im Ergebnis vernünftig klingendes Blechbläserensemble verursacht, kann man erleben, als Instrument für Instrument, erst die Trompeten, dann die anderen bis hinab zur Tuba, ihren Part solo durch die halbe Stadt donnern müssen - bis jedes Mikrofon eingepegelt ist. Was erst wie musikalisches Stückwerk und feine Ziselierarbeit daherschallt, vereinigt sich am Ende zum voluminösen vierstimmigen Prachtchoral.
Wenn all die Ein- und Feinheiten des Kirchentages am Ende so gut zusammenlaufen wie der Choral auf der großen Hauptbühne, muss man ums große Ganze kaum bangen. Wenn der Kirchentag dann auch noch die Heiterkeit bekommt, die die Kapelle nach dem altehrwürdigen Choral mit einem Sakro-Pop-Schlager auf die Bürgerweide schmettert, und wenn dann auch noch das Wetter stimmt - dann kann sich Bremen auf eine Reihe guter Bilder in den Medien freuen.
Die Medien machen sich gleich neben dem Hauptgelände bereit. Die Damen am Akkreditierungsschalter für Journalisten haben mit Schlangen wie samstags im Supermarkt zu kämpfen. Die ARD hat ein eigenes Lagezentrum errichtet, ein kreatives Wirrwarr aus Kabeln, Gängen und Kabinen, das nach und nach von Reportern der öffentlich-rechtlichen Anstalten bevölkert wird. Auch die Privatsender sind präsent, die regionalen Printmedien sowieso, bundesweit erscheinende Zeitungen und Magazine bringen ihre Mitarbeiter in Stellung.
Dass der Kirchentag als eines der größten und wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse der Republik große mediale Aufmerksamkeit hat, ist nicht ungewöhnlich. Dass der Bremer Kirchentag so knapp vor den Bundestagswahlen liegt und deshalb alle politischen A-Promis die öffentliche Bühne an der Weser suchen (die B- und C-Klasse ist sowieso immer dabei), erhöht den medialen Wert des Treffens noch einmal. Spannend ist, was sich am Ende mehr durchsetzt: kluge, scharfe oder plumpe Worte oder Erweckungslieder mit 200.000 Watt.
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# 1 -
Wolfgang Meyer, 19. Mai 2009, 16.45 Uhr:
"Hallo Boris,
ich freue mich auf Deine Blogs, so kann ich aus der Ferne am Geschehen teilhaben.
Gruß aus Berlin
Wolfgang"
Der evangelische Phönix
Ezzelino von Wedel am 19. Mai 2009, 09.19 Uhr:
Chapeau! Schon wieder ziehe ich den Hut vor dem Kirchentag. Seit über 30 Jahren zieht der Magnet Kirchentag die Massen an wie keine andere bundesdeutsche Großveranstaltung. Das soll ihm erst mal jemand nachmachen. Und wer noch weiter zurückblickt, entdeckt ein hollywoodreifes Drama von großen Anfängen, schmerzlichen Abstürzen und einem furiosen Comeback.
In den frühern Fünfzigern erlebte der 1949 gegründete Kirchentag atemberaubende Höhenflüge. Zur Hauptversammlung 1956 strömten 600.000 Menschen nach Frankfurt - eine Zahl, die später nie wieder erreicht wurde.
In den Sechzigern ging's dann Schritt für Schritt bergab. Der Gigant Kirchentag schrumpfte unaufhaltsam ins Zwergenhafte.
Das schlimmste Jahr war 1973. Heinz Zahrnt, theologischer Bestsellerautor und über Jahrzehnte Kirchentags-Starredner, erzählte mir später, wie er damals mit Richard von Weizsäcker am Eingang der Düsseldorfer Messehallen stand und nach Besuchern Ausschau hielt. Sie warteten eine ganze Weile, dann sichteten sie ein kleines Grüppchen. "Zahrnt", sagte Weizsäcker, "die Christen kommen." Es kamen genau 7.420 Teilnehmer.
Vier Jahre später, 1977, waren es bereits 59.000. Die Kirchentagszentrale hatte inzwischen die Zeichen der Zeit begriffen und das Konzept nachgebessert. Seit 1981 ist die Zahl der Dauerteilnehmer so gut wie nie unter 100.000 gefallen. Das Konzept stimmt immer noch. Der evangelische Phönix, aus der Asche aufgestiegen, fliegt und fliegt. Er hat schon längst vergessen, wie es sich in der Asche anfühlt.
An dieser Stelle soll derjenigen gedacht werden, die durch ihre Mitwirkung dem evangelischen Phönix zu seinem Dauerflug verhelfen. Sie gehören zu den glücklichsten Menschen der evangelischen Kirche. Nicht trotz, sondern wegen ihrer verzehrenden Arbeit. Eigentlich hätten wir allen Grund, sie zu beneiden. Denn das Großereignis Kirchentag birgt in seinem Schoß ein gewaltiges Maß an Begeisterungsfähigkeit. Es hat tiefe Spuren in der Erfahrung ganzer Generationen junger Menschen hinterlassen. Es hat Stars hervorgebracht, die davon leben und zehren, vor Tausenden Fans zu sprechen und ihren Applaus wie Basisnahrung entgegenzunehmen. Mancher dieser Stars war der Verzweiflung nahe, wenn, aus was für Gründen auch immer, der Vorhang zum letzten Auftritt gefallen war. Jeder, der am Kirchentag mitwirkt, schlürft pures Dopamin. Kein Wunder, dass Phönix fliegt und fliegt.
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# 1 -
Heike Röhn (BHV), 19. Mai 2009, 11.52 Uhr:
"Hallo Herr von Wedel, wie schön daß Sie wieder schreiben, ich war damals beim Kreuzfahrtblog eifrig am lesen, das waren sehr schöne Einblicke! Ich bin gespannt, welche Einblicke Sie vom Kirchentag mitbringen, bei dem ich leider nicht dabei sein kann. "
# 2 -
Ezzelino von Wedel, 19. Mai 2009, 13.48 Uhr:
"Hallo Frau Höhn, schön von Ihnen zu hören, danke für Ihren Kommentar!
E.v.W."
# 3 -
Susanne, 21. Mai 2009, 23.47 Uhr:
"Einmalige Kirchentagsstimmung - seit heute dürfen Hartz-IV-Emmpfänger auch mitspielen! Im Vorfeld hat sich der Kirchentag immer geweigert, diese Menschen kostenfrei zu den Veranstaltungen zu lassen - sie konnten nur ermäßigte Karten für ca. 45 Euro oder Tageskarten für 17 Euro erwerben. Ab heute gilt freier Eintritt - allerdings nur, wenn sie vorher ins Kirchentagsbüro pilgern, der einfache Arbeitslosenausweis reicht wohl nicht. Und was ist mit den Hartz-IV-Empfängern, die schon bezahlt haben??? Bekommen die ihr Geld zurück? Nichts gegen Kirchentag, ich hab gestern und heute auch schon einige Veranstaltungen besucht und finde die Stimmung auch beeindruckend - aber das Verhalten der Kirchentagsführung gegenüber Armen halte ich nicht für sehr christlich. Erst arme Menschen ausgrenzen und dann nur mit unnötig großen Hürden mitspielen lassen ist unsozial!"
Mensch kommt langsam an
Boris Hellmers
am 18. Mai 2009, 17.43 Uhr:
"Mensch, wo bist Du?" Schon in Bremen? Ja, Mensch kommt langsam an. Noch zwei Tage bis zum Kirchentag - die Uhr tickt, und wer heute durch die Stadt geht, kann schon ein gewisses Vibrieren spüren - und die ersten Kirchentagsbesucher sehen. Erkennbar sind sie an den typischen Schals oder an dem dicken blauen Programmheft-Umschlag in der Hand. Die Gäste treffen auf eine Stadt, die sich langsam auch äußerlich fit macht. Zwischen Dom und Rathaus hat sich die Bremische Evangelische Kirche mit einem riesigen Zelt-Café ausgebreitet. Der eigentlich unübersehbare gelbe FDP-Werbetruck nimmt sich daneben geradezu mickrig aus.
Auf dem Ansgarikirchhof dominiert nicht mehr nacktes Pflaster. Dort sind neuerdings kleine Gärten zu sehen. Ein Gartenbaubetrieb zeigt hier, was er kann - unter dem treffenden Titel "Himmel und Hölle". Im Schaufenster der Behinderteneinrichtung "Martinshof" gegenüber die Liebfrauenkirche grüßt ein großes Schild die ersten Kirchentagsbesucher.
Und die, eben mit Schal und Programmheft, nehmen all das genau unter die Lupe. Nicht wenige haben sich sich anscheinend eine Woche Urlaub in Bremen gegönnt. Das sind wahrscheinlich die, die schon Kirchentagserfahrung haben. Denn wer einmal dabei war, der weiß: Um eine Stadt kennen zu lernen, kommt man lieber etwas früher. Denn der Kirchentag selbst ist das denkbar schlechteste Ereignis, um eine Stadt in Ruhe zu erkunden. Städte mit Kirchentag sind Städte in einem Ausnahmezustand der freundlichen Art.
Wer etwa bei den Christentreffen in Hamburg oder Hannover dabei war, hat schnell gemerkt, dass weder jahrzehntelange Gastgebererfahrung bei Mega-Messen (Hannover) noch die schiere Größe (Hamburg) davor schützen, als Gastgeber-Ort mit dem Kirchentag touristische Grenzerfahrungen zu machen. Dass es dabei bisher niemals zu negativen Massenerscheinungen kam, beruhigt natürlich wiederum.
Trotzdem darf man sicher sein, dass die meisten Bremer noch gar nicht wissen, was da auf sie zukommt. Bis zu 300.000 Menschen am Mittwoch abend, dann je rund 100.000 an den Folgetagen: Auch wenn Bremen seit Jahren weiß, was ab dem 20. Mai 2009 in seiner guten Stube und drumherum passieren wird, werden die freundlichen Menschenmassen bei den Ureinwohnern noch für Staunen und Überraschungen sorgen. "Mensch" wird dann tagelang überall sein, in jedem Winkel und auf jedem Quadratmeter im Herzen der Freien Hansestadt Bremen.
Fragen sind besser als Antworten
Ezzelino von Wedel
am 17. Mai 2009, 22.59 Uhr:
Chapeau! Ich ziehe meinen Hut vor dem Kirchentag. Obwohl er doch noch gar nicht begonnen hat. Aber das Bremer Kirchentagsmotto hat mich sofort aus der Tiefebene meiner habituellen Niedrigblutdruckstimmung emporgehoben. Es ist nämlich das erste Mal in der langen Geschichte des Kirchentags, dass den Teilnehmern eine Frage gestellt wird.
Bislang wurde uns immer eine Losung entgegengehalten, die entweder zu zermürbenden Anstrengungen aufrief: "Nehmet einander an" (1993), unrealistische Dekrete verhängte: "Wir sind doch Brüder" (1951), oder Milch-und-Honig-Stimmung verbreitete: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum" (2001). Wenn in diesem Jahr die Frage erklingt: "Mensch, wo bist du?", dann tritt plötzlich etwas ganz und gar Untypisches in Erscheinung.
Es ist nämlich die Besonderheit der Theologie, dass sie vor jeder Frage schon immer die Antwort weiß. Das ist alles andere als bekömmlich. Das Urübel der meisten Predigten, die Langeweile, hat hier ihren Ursprung. Fast immer sind gute Fragen produktiver als noch so gute Antworten. Darum noch einmal: Bravo!, liebes Vorbereitungsteam und vielen Dank für den Mut, den muskulösen Indikativ bisheriger Losungen endlich einmal aufzugeben.
Gestern, beim Fahrradfahren in der Bremer Innenstadt, fiel mir merkwürdigerweise die Kirchentagslosung ein. Gerade hatte mir ein anderer Radler mit Musikstöpseln im Ohr und grausam an mir vorbeiblickend die Vorfahrt genommen. Ich kochte. Und da hörte ich in mir diese Frage: Mensch, wo bist du? "In der Wut!", brach es aus mir heraus.
Da dachte ich: Was für eine interessante Frage, dieses "Wo bist Du?" In welchen inneren Regionen halte ich mich auf? In welcher seelischen und geistigen Klimazone habe ich mich niedergelassen?
Da wusste ich auch, was ich mir vom Kirchentag erhoffe: für vier Tage in eine sonnige und leuchtend klare Gemütsprovinz versetzt zu werden. So dass ich dann auf die Frage "Wo bist du?" antworten kann: "In der Freude!" Da mögen sie mir scharenweise in die Speichen laufen und die Vorfahrt rauben - plötzlich bin ich unverwundbar, alles Schwere verliert sein Gewicht, die Schritte federn.
Jedenfalls werde ich mir das für den Kirchentag als Übung vornehmen. Eine kurze Seelengymnastik morgens und abends: "Wo bist du?" Eine produktive Frage. Und das Beste daran: Die Antwort ist offen.
Kirchentags-Blog startet am Montag
Boris Hellmers am 15. Mai 2009, 12.18 Uhr:
Bitte noch etwas Geduld: Das Blog zum Kirchentag läuft eine Woche, vom Montag, 18. Mai, bis Montag, 25. Mai.