Plattdeutschkurs
Gesine Kellermann befragt Ulf-Thomas Lesle, Geschäftsführer des Bremer Instituts für Niederdeutsche Sprache und Experte für niederdeutsches Theater der 30er Jahre.
Zum Anhören: Plattsnackers - Lektion 16: Plattdeutsche Besonderheiten (I), [4:41]
Interview von Gesine Kellermann mit Ulf-Thomas Lesle.
Kellermann: Ulf, Du arbeitst in dat nedderdüütsch Institut in'n Snoor un hest up Platt studeert. Kannst Du us maal verklaren, woans dat mit dit Verschuben is?
Lesle: Meenst Du dat mit de Utlänners?
Kellermann: Nee, dat mit de Bookstaven. Daar warrt doch jümmer seggt, daar is wat verschaben worrn vun Platt na Hooch oder ümgekehrt.
Schülerin: Ach, die Lautverschiebung.
Lehrer: Genau um diese wird es gehen. Wir hatten ja schon "ie" nach "ee", "ei" nach "ie"
Schülerin: Zwei Bier – twee Beer und mein Wein – mien Wien.
Kellermann: Kannst du denn vertellen, wat hebbt se wohen schaben?
Lesle: Ick weet nich recht, kann een seggen, wat hebbt Se wohen schaben. Beter is villicht to seggen: dat hett sick wohen schaben. Dat hett wat to doon mit de tweete hochdüütsche Lautverschiebung. Dat is all 'n lange Tiet her, weer in dat sößte bit achte Johrhunnert. Un daar is so vun Süden her, hett sick de Spraak verännert.
Kellermann: Keem dat denn vun de Römers oder weern dat Düütschen?
Lesle: Nee, dat weern de Düütschen. Man dat geev dat jo domaals noch nich so recht.
Kellermann: Gifft dat denn daar Bispille vör, wat sick wohen verschaben hett?
Lesle: Jo: p, t un k. De sünd denn to "Reibelauten" worrn. Nedderdüütsch "teihn" to neuhochdeutsch "zehn". Nedderdüütsch "eten" to neuhochdeutsch "essen".
Kellermann: Un, kann een dat nipp un nau utmaken, wo sitt dat nu, twüschen "s" un "t" un "t" un "d"?
Lesle: Jo, dat is ne teemlich faste Grenz. Dat is de "Benrather Linie". Dat is de "maken - machen- Isoglosse" 1).
Dat is de Lien "Benrath - Wuppertal - Olpe - Waldeck - Kassel - Eisleben - Merseburg". Un disse Grenz gifft dat ok hüüt noch. Dat is de Grenz mank Hochdüütsch un Plattdüütsch. Dat gifft een'n Perfesser, vun den ick weet, de is maal mit'n Fahrrad daar langs föhrt un hett up de een Siet un de anner Siet de Lüüd befraagt.
Kellermann: Un dat weer denn ok vun Dörp to Dörp anners?
Lesle: Dat weer ok vun Dörp to Dörp anners. Up de een Siet, in'n Norden, daar snackt se nedderdüütsch, un up de anner Siet, in'n Süden, hochdüütsch.
Lehrer: Bevor alles zu schnell vorüber ist und neue Linien auftauchen, wiederholen Sie doch noch einmal: Apfel - Appel; Pferd - Peerd, Schiff - Schipp, machen - maken, ich - ick, fassen - faten, Katze - Katt , Tochter - Dochter
Schülerin: Wiederholung der plattdeutschen Worte.
Ha, över ditten Witt mutt ick laken.
Lehrer: Wie meinen?
Schülerin: Ich habe die Regeln jetzt angewendet: Über diesen Witz muss ich lachen - över ditten Witt mutt ick laken.
Lehrer: Tja, und alles ist falsch. Denn genau wie in allen anderen Lektionen gilt auch hier: Bi wat is wat. Ausnahmen bestätigen die Regel - und die werden Sie wieder in Listen finden.
Kellermann: Disse Grenz, vun de Du snackt hest, is de denn nu in dat plattdüütsche Land överall gliek?
Lesle: Nee, dat gifft jo veele Mundarten in't Nedderdüütsche. Dat hett to doon daarmit, dat vun't Middeloller an Plattdüütsch jo ok verschaben worrn is vun't Hochdüütsche. Un dat is stark "binnendifferenziert". Wat heet dat? De Lüüd snackt allöverall anners Platt. Dat ännert sich vun Dörp to Dörp.
Schülerin: Ach ja, wie bei unserem Gerold Janssen. Der sagte auch vieles ganz anders.
Lehrer: De seggt as all Ostfreesen „Schkaul“ un „kweem“. Un us Manfred Richter, de dee allens up sleswig-holsteensche Art: „banni“ un „ick bün west“.
Schülerin: Und der Hamburger, der sich nicht in einem Brötchen versteckt?
Lehrer: Der sagt „scheun“ und „ick gleuv“.
Schülerin: Un wo schöön, dat ick bloots een Soort lehren mutt.
Kellermann: Aber wenn dat jümmer anners is, is denn richtig Platt nienich richtig Platt?
Lesle: Dat meent de Lüüd, de Platt snackt. De seggt vun ehren Nahber in 'n anner
Dörp: "Nee, de snackt nich richtig Platt." Man dat is nich so. Dat kann'n nich seggen. Dat gifft nich bloots een Platt, dat gifft veele Platt.
Kellermann: Gifft dat denn överhaupt 'n verkehrt Platt?
Lesle: Verkehrt Platt? Jo, dat kunn'n schon seggen. Verkehrt Platt is villicht dat, wenn daar toveel Hochdüütsch mank is. Denn kunn'n seggen: "Jo, dat is nich so richtig Platt." Aber ick denk, dat Plattsnacken is nu maal vun Dörp to Dörp unnerscheden.
Kellermann: Un denn schall dat ok so blieven.
Lesle: Dat schall ok so blieven, jo.
1) Isoglosse: Linie auf Sprachkarten, die Gebiete gleichen Wortgebrauch begrenzt
16: Vokabeln und Übungen
Lektion 16: Plattdeutsche Besonderheiten (I)
Redewendungen
Dialekte der verschiedenen Regionen
Übungen
Lösungen
Der Plattdeutschkurs
Lektion 14: Liebe und danach (I)
Lektion 15: Liebe und danach (II)
Lektion 16: Plattdeutsche Besonderheiten (I)
Lektion 17: Plattdeutsche Besonderheiten (II)
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