Segler in Bremerhaven
Das Blog zur Sail 2010
Rolling Home
Boris Hellmers
am 30. August 2010, 2:57 Uhr:
Kaum zu glauben: In Bremerhavener Innenstadt-Cafés gibt es freie Plätze! Im Columbus-Center kann man wieder rempelfrei bummeln! Es sollen sogar schon wieder freie Parkplätze in Hafennähe gesehen worden sein... Die Sail ist vorbei, das große Aufräumen beginnt. Vielen Beteiligten sieht man beim beginnenden Rückbau des Spektakels eine gewisse Erleichterung an - sie sei ihnen gegönnt, denn die Gastgeber haben vieles geleistet.
Die Freundlichkeit aller Mitarbeiter und Servicekräfte, auch in den vielen Hochstress-Situationen, wurde von vielen Gästen gelobt. Die Preise bei der alteingesessenen Gastronomie blieben günstig, auch wenn man hier viele schnelle Euros hätte machen können. Die Reinigungsleute haben die Stadt auch bei einer Million Besuchern durchweg sauber gehalten, die Sicherheits- und Rettungskräfte haben aus dem Hintergrund heraus für Ordnung und Hilfe gesorgt.
Sie können nun alle wieder in den Alltagsbetrieb zurückkehren, genau wie die Mitarbeiter unseres Studios in Bremerhaven, die für Sie Tag und Nacht als Berichterstatter auf der Sail unterwegs waren. Das Team von Radio Bremen verabschiedet sich für diese Sail von Ihnen. Vielen Dank für Ihre Kommentare (die Sie natürlich auch weiterhin abgeben können) und Ihre freundlichen Grüße, die Sie uns auf der Sail in vielen Gesprächen persönlich übermittelt haben. Wir sehen uns auf der Sail 2015!
Als das Sail-Gefühl der ganz normale Alltag war
Boris Hellmers
am 30. August 2010, 2:22 Uhr:
Dass die Seefahrt in den letzten fünf Tagen in der Stadt dermaßen präsent war, war für Bremerhaven natürlich eine Attraktion. Und es waren nicht nur die Schiffe. Abseits der Kaimauern haben die Besatzungen für Flair gesorgt. Meist in kleinen Gruppen unterwegs, immer ganz schnieke in Uniform, etwas legerer höchstens manchmal, wenn die Besatzungen doch einmal den Weg in den Kneipen der Stadt fanden. Bremerhaven war in diesen Tagen jedenfalls eine Seestadt mit Weltanschluss.
Ich hatte an allen Tagen nach älteren Bremerhavenern gesucht, die mir aus jenen Zeiten erzählen können, als dieses Bild Alltag war. Es hat bis zum Nachmittag des letzten Sail-Tages gedauert, bis ich auf Ingrid und Gerd Schwemer traf (das Paar auf dem Foto). Eingeborene Bremerhavener sind die beiden zwar nicht. Doch als Bremer, die seit 48 Jahren in Bremerhaven zuhause sind, haben sie die maritime Blütezeit Bremerhavens miterlebt - wenn man unter "Blütezeit" das maritime Gepräge im ganzen Stadtbild versteht.
Jedenfalls gehörten die Seeleute aus aller Herren Länder damals tatsächlich zum ganz normalen Stadtbild. "Natürlich, die sahen Sie hier jeden Tag", erzählt Ingrid Schwemer, es gab höchstens quantitative Unterschiede: "Wenn man über den Heuss-Platz ging, konnte man schon sehen, was in den Häfen gerade los war", erinnert sich die Wahl-Bremerhavenerin. Dort waren nicht nur Seeleute zu treffen, sondern vor allem auch die Fahrgäste der großen Passagierschiffe. "Jeder Passagier brachte ja drei andere Leute mit", berichtet Gerd Schwemer: "Die, die ihn verabschiedet haben".
Damals, in den sechziger Jahren, gab es noch einen ausgedehnten Liniendienst nach den Vereinigten Staaten. "Der Norddeutsche Lloyd hatte hier ja alles in der Hand", erzählen die Schwemers. Vom Frachtverkehr im Neuen Hafen haben die beiden vor allem die Bananenfrachter in Erinnerung. Und natürlich der Fischereihafen: "Da war ja damals was los! Die Fischauktionen! Die vielen Flotten, die damals noch kamen..." Man könnte den beiden stundenlang zuhören. Doch man bräuchte nur wenige Minuten bis zur Erkenntnis, dass Bremerhaven früher auf eine ganz andere Weise mit der Seefahrt verbunden war als heute.
"Das Ende kam so langsam, als der Norddeutsche Lloyd mit der Hapag aus Hamburg zusammen ging", glaubt Ingrid Schwemer. Als sich dann nach und nach die Containerschifffahrt durchsetzte, verschwand auch das sichtbare maritime Leben hinter dem technischen Fortschritt. Rund um die alten Hafenbereiche haben sich seitdem museale oder touristische Einrichtungen etabliert - Seemänner sieht man dort nicht mehr. Die einstigen Vergnügungsmeilen in Lehe sind zu ganz normalen Rotlichtvierteln heruntergekommen - früher reihte sich hier Club an Club. Das riesige Areal, auf dem einst bis zu 10.000 alliierte Amerikaner lebten, die Bremerhaven einen weiteren riesenhaften Schub gaben - es ist weitgehend verwaist.
Wenn man heute im Kern dieser immer noch stolzen Stadt steht, sieht man am Horizont vor dem Meer die riesigen Kräne der Bremerhavener Containerterminals. Wie die Seefahrt dort heute aussieht, kann man nur noch ahnen. Mit der Seefahrer-Romantik ist es nicht mehr weit her, vom Treiben auf Großseglern ganz zu schweigen. Trotz Sail: Die alte Seefahrt ist tot.
Das alles hat einen melancholischen Unterton, doch die Schwemers, meine Zeitzeugen am letzten Tag, erzählen über die Gegenwart genauso fröhlich wie über das Bremerhaven von früher. Sie haben die vielen Jahre des Wandels mitgemacht und wissen, dass dieser Wandel Bremerhaven auch immer wieder gerettet hat. Seit dem cleveren und von Gründergeist getriebenen Bürgermeister Smidt, dem Vater Bremerhavens, hatte der einstige Außenposten Bremens immer die Nase vorn. Zum zweitgrößten Hafen der Republik und einem der maßgeblichen Seehandelsstandorte Europas wird und bleibt man nicht mit Nostalgie. Dass man, vielleicht sogar aus demselben Geist, auch noch eines der größten Windjammer-Festivals stemmt, versöhnt am Ende dann doch alles.
Gerd und Ingrid Schwemer waren natürlich auf der Sail. Aber nicht, weil es dort so war wie früher, sondern weil sie den Weltgeist der Seefahrt lieben. Daran hat sich für sie seit damals nie etwas geändert.
Grün-weiß Indonesien
Boris Hellmers
am 29. August 2010, 13:28 Uhr:
Was für ein Bilderbuchabschied: Die Kri Dewaruci, eines der Star-Schiffe dieser Sail, verabschiedet sich. Die Bordkapelle spielt, die indonesische Mannschaft hängt in den Masten, die Hafenlotsen begleiten das Schiff hinaus, an der Hafenkante jubeln und winken die Sail-Touristen. Plötzlich brandet ein unglaublicher Beifall auf. Ein junger Seemann macht beim Ablegen die Geste, die hier am besten ankommt - er schwenkt mit breitem Grinsen einen Werder-Schal. So gewinnt man hier die sichersten Freunde.
Kommentar # 1,
Charlotte, 29. August 2010, 13:36 Uhr:
GEIL!
Kommentar # 2,
Sandra, 29. August 2010, 19:50 Uhr:
Recht so. Ich liiiiiiiebe Indonesien! ;-)
Auf Tiefgang mit Pauken und Trompeten
Boris Hellmers
am 29. August 2010, :06 Uhr:
Die Sail läuft nun seit vier Tagen. Man konnte diese Tage problemlos mit maritimem Inhalt füllen, ohne sich wiederholen zu müssen. Jedes Schiff birgt andere Geschichten, jede Geschichte kann anders erzählt werden, jede Sehnsucht nach alldem, was die Segler mit sich tragen, fühlt sich anders an. Wer sich nur lange genug zwischen Vollschiffen, Schonern und Barkentinen bewegt, findet eine Antwort. Jedes stolze Schiff ist eine Antwort.
Nur, mit Verlaub: Was ist die Frage?
Wer danach aber sucht, kann zwischen Mast und Schot nicht fündig werden. Er wird irgendwann bemerken, dass die Sail für die Suche nach der Frage, die hinter aller Segler-Romantik steckt, viel zu spät ansetzt. Der Weg des Menschen auf die Meere ist anthropologisch um einiges spannender als der Unterschied zwischen Palstek und Kreuzknoten. Dass man eine Frage aber nicht dem Grunde nach behandeln kann, wenn ihre Antwort schon unübersehbar und dutzendfach an der Kaimauer vertäut ist, liegt in der Natur der Sache.
An einem unerwarteten Ort und in unerwarteter Form ging es dann aber doch ans Eigentliche. In der Großen Kirche, jenem Bauwerk, das schon zu Zeiten der Großsegler ein seemännisches Heimats- und Sehnsuchtszeichen war, ging man der Sache sinfonisch auf den Grund. Gespielt wurde, gleich zwei Mal hintereinander, Ralph Vaughan Williams' "A Sea Symphony". Vaughan Williams war Brite, damit war er patriotisch bestens vorbereitet, sich den Weltmeeren künstlerisch zu nähern: Britannia rules the waves - das haben sich die Briten mit unglaublichem Pioniergeist erarbeitet.
Diesen unbändigen Willen, sich das Meer als Entdecker Untertan zu machen, beschreibt die "Sea Symphony". Mit zwei Soli (hier waren es die Sopranistin Ingeborg Greiner und Bariton Alban Lenzen), Chor (Bachchor Bremerhaven) und Orchester (Sinfonietta Bremen) macht sich Vaughan Williams an die Suche nach dem, was den Menschen mit dem Meer verbindet. Auch wenn Walt Whitmans Texte dieser Chorsinfonie zwischen zeitgeistig überzeichnetem Schwulst und romantizistischer Metaphorik schwanken, werden die Worte in Vaughan Williams' musikdramatischem Meisterwerk doch zu einer universellen Botschaft. Sie ist über alle Tage und Jahre gültig geblieben.
Wer in der Großen Kirche dabei war, wurde mitgenommen in sprühende Gischt und ewige See, wo zwischen den Flaggen aller Nationen furchtlose Seemänner und tapfere Kapitäne ein weltweites Banner zogen ("A Song for all seas, all ships"). Wer dabei war, konnte sich allein am nächtlichen Strand ("On the beach at night, alone") unter leuchtenden Sternen die philosophische Grundfrage aller Zusammenhänge beantworten lassen, während "die uralte Mutter, das Schiff, sachte wiegend ihr heiseres Lied singt".
Wer dabei war, wurde im Scherzo ("The Waves") im wirbelnden Strom, von brodelnden und kochenden Wellen auf und nieder gerissen. Wer dabei war, konnte endlich mit den Entdeckern ("The Explorers") auf große Fahrt gehen. Und zwar die Fahrt der Seele, in metaphysischer Zusammenkunft mit Adam und Eva, die sich mit ihren Nachkommen in rastlosem Forscherdrang auf den Weg machen, die Meere zu überqueren und das Werk der Seefahrer zu vollenden. Das ist für sie die Antwort auf ein spottendes Leben.
Wer nicht dabei war, mag das alles für ausgemachten Unsinn halten.
Für die meisten der vielen Hundert, die 90 Minuten sinfonisches Hochkonzentrat gespannt verfolgten, war es tatsächlich die Formulierung der wesentlichen Frage.
Für diese Erkenntnis war das Publikum dankbar. Dirigent Kantor Werner Dittmann bekam nach der zweiten Aufführung einen selten langen Applaus. Sein Bachchor war dieser schwierigen Partie in jedem Moment technisch und dramaturgisch voll gewachsen, auch die beiden Solisten fanden einen eigenen, einen mitreißenden Ton in diesem schwierigen Genre zwischen weltlichem Oratorium und opernhaftem Kraftgestus. Über allen schließlich strahlte die Sinfonietta Bremen, die aus der sehr speziellen englischen Orchestrierung wunderbar transparente Klangschichten formte, ohne auch nur ein Bar Druck aus der "Sea Symphony" nehmen zu müssen.
Das Markttreiben zwischen Fischbrötchen und Bordstempel, zwischen Showbühne und Shoppingmeile, spielte sich direkt um die Große Kirche ab. Doch im Kirchenschiff waren wir für eineinhalb Stunden auf ganz anderen Kontinenten unterwegs. Wer nach der "Sea Symphony" wieder hinabstieg an die Kaimauern, die bis heute den Weg zu den Weltmeeren weisen, wird verstanden haben, dass dort nicht nur gebändigte Schiffe liegen, sondern so viel mehr.
Kommentar # 1,
I. und H. Gloewer aus MS, 29. August 2010, 2:49 Uhr:
Einen ganz herzlichen Dank für diese tolle Beschreibung! Genau dies haben wir erlebt! Wir waren nur durch Zufall dort (Karten geschenkt) und fühlen uns SEHR bereichert!
Kommentar # 2,
Loretta Findeisen , 29. August 2010, 8:28 Uhr:
toller Artikel. Im letztn Absatz steht das Wort "ohne" einmal doppelt.
gruß,
Loretta
Kommentar # 3,
Boris Hellmers, 29. August 2010, 9:15 Uhr:
ups, danke für den Hinweis!
In der Helferstadt nachts um halb eins
Boris Hellmers
am 28. August 2010, 1:52 Uhr:
Bremerhaven ist dieser Tage ein Polizeistaat. Man wundert sich, wie schnell aus dem Nichts ein Polizeiwagen auftaucht, wenn eine seltsame Person die Straße entlang wankt. Die Polizei streift gruppenweise über das unübersichtliche Sail-Gelände und hilft hier freundlich, greift dort etwas bestimmter durch.
Und auch ein Poizeieinsatz, der auf den ersten Blick reichlich unnütz wirkt, ist offenbar ein Muss. Gleich vier Beamte in quietschgelben Polizeiwesten sind als Ampel-Verstärker am Auswandererhaus eingesetzt. Ihre Aufgabe ist begrenzt: Sie rufen den Passanten nur immer etwas gallig zu: "Ey! Eeyy! Hallo, is' rooooot!" Wer die unbedarften Fußgänger beobachtet, erkennt schnell, dass sie solch deutlichen Zuspruch nötig haben. Sie spazieren auf Autopilot, nur die nächste Bierbude im Blick und haben schon das eine oder andere Promillchen intus.
"Promille? Prozent!" lacht einer der Helfer in der Station 1 des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Sie ist in der Nähe der Strandhalle aufgebaut; man ist hier für etwa die Hälfte des Geländes zuständig. Die Ehrenamtlichen sind gut ausgebildet, in drei Lehrgangsstufen wurden sie zu Katastrophen-Sanitätern gemacht. Von Katastrophe ist auf dem Sail-Gelände heute, in der Nacht auf Samstag, zwar keine Spur, doch gut zu tun haben die Helfer trotzdem. Ihr kleines Feldlazarett wird für Etliche zu einem wichtigen Anlaufpunkt, für manche geht es von hier aus gleich weiter ins Krankenhaus. So wie bei der sehr bürgerlich gekleideten älteren Dame, die gerade auf einer fahrbaren Trage in einen Krankenwagen verfrachtet wird. Auch sie hatte etwas zu tief ins Glas oder den Plastikbecher geschaut - der Kreislauf.
Die Fäden der Rettungsarbeit von Rotem Kreuz, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk (THW) und Deutscher Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) laufen in einer kleinen Containerstadt in der Barkhausenstraße zusammen: Dort, wo sich rund um die Uhr zwei warnende Rundumleuchten drehen, damit kein Einsatzfahrzeug das Einsatzzentrum verpasst.
Im Rotkreuz-Container sitzen nachts Petra Becker-Tiedemann und ihre Kollegen beisammen. Bei grellem Neonlicht koordinieren sie die Arbeit der rund 100 Helfer aus verschiedenen DRK-Kreisverbänden - die anderen Hilfsorganisationen steuern von den Nachbarbüros aus noch viel mehr Einsatzkräfte. Ab zehn Uhr morgens und bis die letzten Gäste das Gelände verlassen, sind die Helfer greifbar. Wenn sie nicht gerade im Einsatz sind, laufen sie auf dem Gelände auch Streife und sind für jedermann ansprechbar. Doch zum Glück waren heute abend noch keine großen Einsätze zu koordinieren. "Wir haben es fast nur mit kleineren Dingen zu tun", erklärt Einsatzleiterin Becker-Tiedemann. Das sind zum Beispiel Stolperverletzungen (die verflixten Kabelkanäle...) oder Stürze. Andere brauchen nur mal ein Pflaster oder haben andere Fragen.
Dass es so ruhig zugeht, ist für alle erfreulich. Es verdeckt aber, dass die beteiligten Hilfsorganisation auch für weit größere Problemlagen gerüstet wären. "Wir planen diesen Einsatz seit Januar intensiv", erklärt die DRK-Einsatzleiterin. Von einem Meer an Kleinigkeiten wie dem Shuttlebus-Plan für den Helfertransport über technische Herausforderungen wie die Kommunikationstechnik bis zur Materialbeschaffung und dem Aufbau der Hlifsstationen mussten tausend Punkte geklärt werden. Sie wurden geklärt, nun können Petra Becker-Tiedemann und ihre Helfer vor ihren Funkgeräten und an der riesigen Wandkarte (siehe Bild), die kein Detail des Sail-Geländes auslässt, ruhig und routiniert im ihre Fälle kümmern. Um die Platzwunden von gestrauchelten, um den angeschlagenen Magen von alkoholisch überfüllten Jugendlichen, denen manchmal auch einfach eine Bratwurst hilft.
Nachts um halb eins schaut Petra Becker-Tiedemann dann auf einen fast 17-Stunden-Tag in der Einsatzzentrale zurück. Hatte sie eigentlich auch schon Zeit für einen privaten Sail-Rundgang? "Nein", antwortet sie. Und das klingt nicht so, als ob sie lieber woanders wäre als in der kleinen Helferstadt am Rande des Schiffs-Spaktakels.
Kommentar # 1,
cleo, 28. August 2010, 21:20 Uhr:
Gut, dass es nachts dunkel ist.
Kommentar # 2,
Rodney, 30. August 2010, 10:30 Uhr:
Ein Lob an die Bremerhavener Einsatzkräfte, die alles gut im Griff hatten! Insbesondere die geordnete Leitung des Verkehrs nach der Veranstaltung. Ein Beispiel dafür, wie Super eine Großveranstaltung auch laufen kann.
Besucheranalyse: Kleine, nichtamtliche Zwischenstatistik
Boris Hellmers am 27. August 2010, 15:17 Uhr:
Heute ist der mittlere Tag der Sail. Zeit, sich etwas um die Statistik zu kümmern, schließlich sind zwei Tage inmitten des Menschenstroms Eindruck genug für ein ganz und gar nicht repräsentatives Zahlenwerk:
Meist gehörte deutsche Dialekte
50% Bremen und nördlicher
20% Ruhrpott, Rheinland, Ostwestfalen und weitere Ethnien von Rhein und Ruhr
10% Bayern und Franken
10% Schwaben und Badener
5% Hessen
5% Sachsen und Thüringer
Nicht identifizierbare Idiome wurden in diese Statistik nicht aufgenommen.
Meist gehörte Sprachen
65% Deutsch
12% Niederländisch und Flämisch
8% Osteuropäische Sprachen
10% Englisch
5% Skandinavische Sprachen
Nicht identifizierbare Sprachen wurden in diese Statistik nicht aufgenommen. Muttersprachlich sprechende Seeleute ebenfalls nicht.
Expertentreffen am Katzentisch
Boris Hellmers
am 26. August 2010, 16:05 Uhr:
Das Sail-Gelände ist weitläufig. Doch es lohnt sich, auch die hinteren Ecken zu besuchen. Dort liegt zum Beispiel das italienische Schulschiff Amerigo Vespucci, einer der schicksten und glitzerndsten Stars der Sail - Italiener eben.
Was da an der gegenüberliegenden Kaimauer liegt, ist das ziemliche Gegenteil. Dort hat die Welle, ein Dampfer, festgemacht. Keine Segelmasten, keine Takelage, keine Jungmatrosen in strammen Uniformen. Und den Weg zur Welle findet man auch nicht ohne Weiteres. Er führt weit hinter das gefühlte Ende der maritimen Amüsiermeile, hinter Baustellenzäunen entlang. Die Welle liegt am Katzentisch der Windjammerparade.
Und trotzdem finden die Besucher den Weg. "Wir haben hier um die 100 Besucher am Tag", zählt Wolfgang Fulda vor. Er ist der stellvertretende Vorsitzende des Welle-Vereins. Das klingt erstmal ziemlich wenig. 100 Besucher rauschen auf den Mainstream-Großseglern fast im Minutentakt durch. Das Erstaunliche ist dann auch nicht die Zahl der Bordgäste, sondern ihre Qualifikation. Auf die Welle kommen Experten. Das merkt man schon nach kurzer Zeit, wenn man sich das Schiff von Wolfgang Fulda zeigen lässt und sich andere dazu gesellen.
Fuldas Verein hat die Welle 1998 gekauft - sie war eigentlich schon auf dem Weg zur Verschrottung gewesen. Der Dampfer, der einst als Bereisungsschiff des Wasser- und Schifffahrtsamtes die Weser befuhr, war in üblem Zustand. Zuletzt hatte er als Restaurantschiff in Bremen gelegen, alle Auf- und Einbauten waren herausgerissen worden. Der verbleibende Schiffskörper wurde schließlich unter Denkmalschutz gesetellt. Nun hatte der Welle-Verein also einen einigermaßen maroden Rumpf. Und ein Ziel: die Welle wieder als Dampfschiff herzurichten, und zwar historisch authentisch bis ins Detail.
Wolfgang Fulda und seine Mitstreiter können auf dem Schiff spannende Geschichten erzählen: über die Begradidung der Weser im letzten Jahrhundert, über Antriebstechnik, über die sozialen Verwerfungen zwischen Mannschaft und em höheren preußischen Beamtentum an Bord, über dampfgetriebene Servolenkungen und vieles mehr. Vor allem berichten sie mit strahlenden Augen, wie ihre Welle langsam wieder wird, wieviele großzügige Sach-Sponsoren ihnen helfen und wie sie den Dampfer wieder in Dienst stellen wollen. Sie sind schon fast am Ziel.
Solche Spezialisten ziehen andere Spezialisten magisch an. Einer, der sich in die Fachsimpeleien mit schwäbischem Akzent sofort einklinkt, ist Aktiver in einem ähnlichen Dampfschiffahrtsverein am Bodensee. Ein anderer, diesmal mit breitem Bremerhavener Slang, kann nicht nur kopfnickend mitreden, sondern dem dankbar staunenden Wolfgang Fulda handfest helfen.
Der Verein steht noch vor ein paar technischen Herausforderungen. Eine besonders knifflige: Wie kommt man heute an hochdruckfeste Dampfleitungen, die vom Kessel zu den Maschinen führen? Zig Firmen hatten die Welle-Freunde schon abgegrast, ohne Erfolg. Der fachkundige Bremerhavener Besucher weiß aus dem Effeff ein Unternehmen, das die gewünschten Teile bis heute herstellt - quasi ein paar Straßen weiter.
Kommentar # 1,
Welle-Fan, 27. August 2010, 12:51 Uhr:
Die "Welle" ist das schönste Dampfschiff, das wir auf der Weser haben. Da lacht jedem Schiffbau-Experten doch das Herz. Darum sollteman diesen Verein in jeder Weise unterstützen. Der Blog-Eintrag sollte auch mal darauf hinweisen, das dies auch ein erfolgreiches Arbeitslosen-Projekt ist. Ich freue mich schon sehr, wenn diese schmucke Dampfer endlich wieder losschnauft!
Kommentar # 2,
Bodo C. Wenz, 27. August 2010, 22:02 Uhr:
Da kann ich jeden Besucher der Sail dringend empfehlen sich dieses so schöne Dampfschiff anzusehen. Es hat eine Menge Zeit und Arbeit gekostet um dieses Schiff wieder in seinem alten Zustand von 1915 zu bringen. Viel Erfolg.
Putzfimmel an der Außenbordwand
Boris Hellmers
am 25. August 2010, 21:39 Uhr:
Nach der großen Parade sind die meisten Schiffe nun zurück in sicheren Hafengefilden. Fest vertäut liegen sie am Kai, und sofort sind die Touristen da. Noch ist nicht überall "Open Ship", auf einigen Schiffen finden geschlossene Gesellschaften statt, so müssen die meisten Schiffsgucker erstmal draußen bleiben. Doch die Seeleute versuchen, ihnen trotzdem etwas zu bieten.
Auf der Gorch Fock ist zum Beispiel Schauputzen angesagt. Ein Seemann in Marine-Kluft hängt mit seinem Brett-Sitz ziemlich lässig an einem Schiffstau und putzt. Und putzt. Und putzt. Und zwar den stolzen silbernen Schriftzug "Gorch Fock". Es lässt sich nicht wirklich sagen, ob die Lettern wirklich sauberer werden - oder ob sie vorher überhaupt schmutziger waren. Man könnte aber verstehen, wenn die Reinigungs-Aktion in Wirklichkeit nur eine Showeinlage war. Ein skurriles Bild: Direkt neben dem Seemann an der Schiffswand, der nichts tut außer schrubben, stehen wohl drei Dutzend Besucher am Kai, schauen ihm ausdauernd zu, fotografieren ihn. Egal ist offenbar, was man tut. Wenn man es auf einem schmucken Großsegler tut, ist es auch eine große Nummer.
Ein paar Schiffe weiter, auf der indonesischen Kri Dewaruci, gibt es mehr zu sehen - und zwar an Bord. Hier ist das Ship schon open, mit Warteschlagen in allen Richtungen. Rauf oder runter, alle müssen in wechselnden Gruppen über die schmale Gangway. Wer drauf ist, darf sich auf der Dreimastbarkentine in Ruhe umsehen und sich an echter Seglerromantik erfreuen. Die Aufbauten aus edlem Holz, das Steuerrad gigantisch groß, an jeder Ecke Taue und anderes Zubehör, das bei diesen Schiffen nicht nur Staffage ist.
Die Hauptattraktion auf der Dewaruci sind aber die schnieken indonesischen Seeleute in Khaki. Einige von ihnen sind wie zufällig an den besonders fotogenen Stellen auf Deck platziert. Wenn knipsende Touristen sie mit aufs Bild bitten, wird ihre Aufgabe klar: Sie sind Foto-Indonesier. In Profi-Manier nehmen sie die anderen Foto-Motive bei der Hand, ziehen sie an die schönste Stelle und schalten ihr gewinnendstes Lächeln ein.
Viele der Foto-Indonesier sind wohl hundert-, wenn nicht tausendfach auf den Kameraspeichern gelandet - und das nur bei der Sail. Rechnet man solche Zahlen auf alle Schiffsparaden der Welt hoch, kann man sich schnell ausrechnen, dass das Schiffs-Posing sogar ein ziemlich wirkungsvolles Mittel der Außenpolitik ist. Mit soviel Ausgelassenheit und guter Laune wie hier kann sich ein Land in keiner Anzeigenkampagne und mit keinem diplomatischen Apparat präsentieren.
Das große Schieben
Boris Hellmers
am 25. August 2010, 14:52 Uhr:
Tag 1 der Sail - es geht los! Fast alle Schiffe sind da, und auch immer mehr Besucher landen an. Im letzten Blogeintrag stand, den Besuchern schwebten wohl ein paar sonnige Tage vor. Ich korrigiere: Die Besucher waren auf alle Wetter vorbereitet. Bei steifer Brise professionell wetterfest eingepackt, strömen sie mit Fernrohren, Kameras und Einbeinhocker an den Deich. Das ist der traditionelle Logenplatz, wenn es ums Schiffe gucken geht.
Doch die Menschen brauchen Geduld. Ziemlich lange passiert gar nichts, nur die Weserfähre tuckert wie immer hin und her. Den meisten Besuchern macht das Warten nichts aus. Die einen breiten sich mit Wolldecke und Regenfolie familienweise auf dem Deich aus, die anderen fachsimpeln über die kleinen Funktionsschiffe, die ab und zu kreuzen. Wer besonderes Glück hat, steht neben einem Fachmann wie Gernot. Er steht, stilecht mit Elbsegler, am Zaun der Deichpromenade und erklärt einer Gästegruppe mit großen Gesten die maritime Welt. Das Verwirrende: Er tut das in breitestem Berlinerisch, doch er spricht von Schiffstypen, die auf der Spree ganz sicher noch nie gesichtet wurden. Seinen Zuhörern macht das nichts aus. Sie schwäbeln. Ob sie tatsächlich alles nördlich des Mains für norddeutsch und automatisch seekompetent halten?
Sie fragen Gernot jedenfalls nicht, woher er sein Wissen hat. Mit verrät er es: Er ist in Brandenburg geboren, ging dann aber nach Rostock und fuhr zur See. Zuerst als Maschinist auf ziemlich großen Pötten, dann als Steward. Nun ist er im Ruhestand und Gast auf vielen Schiffsveranstaltungen. Mit Segelschiffen, gibt er zu, hat er als Seemann keine Erfahrung. "Aber natürlich sind sie ein Traum für jeden von uns". Als die ersten Segler endlich kreuzen, erklärt er nichts mehr. Er will gucken.
Zu sehen sind echte Prachtexemplare, leider nicht alle unter vollen Segeln. Beraunt wird die russische Krusenstern, der riesige Viermaster, vor dem die deutsche Alexander von Humboldt aussieht wie ein grünes Freizeitschiff. Für Staunen sorgen immer wieder Matrosen, die auf den Quermasten der Segler, den Rahen, sitzen: In drei Etagen übereinander, aus der Ferne wie Krähen auf der Stromleitung. Bei immer noch ziemlich heftigem Wind macht das selbst viele Zuschauer kribbelig.
Viel zu schauen gibt es auch weiter unten. Die unscheinbaren Schlepper führen auf dem Wasser Regie. Dass sie das eine oder andere Großschiff mit Stahlseilen ziehen, ist ein bekanntes Bild. Wie sie andere Riesensegler aber an die Seite nehmen und sie seitwärts schieben, das Ganze einigermaßen schnell und in Schräglage, ist ein Spektakel für sich. An Bord auch dieser Schiffe müssen angstfreie Profis sitzen - vom Deich aus sieht das große Schieben oft halsbrecherisch knapp aus. Doch das ist bloß Landratten-Panik. Gernot, den Ex-Steward aus Brandenburg, kann das nicht schocken. "Das ist für die Schipper Tagesgeschäft", murmelt er hinter seinem Feldstecher.
Am Ende der Parade löst sich die Menschenmenge am Deich, und nun beginnt die Sail auch in der Stadt selbst. In den Restaurants sind bald keine Plätze mehr zu finden, vor Fischbuden bilden sich dreispurige Menschenschlangen, die vielen Spezialbuden mit maritimem Nippes sind eng umringt. Bremerhaven ist endlich wieder Sail-Stadt statt Seestadt, Schifftown statt Fischtown. Das werden tolle Tage!
Kommentar # 1,
Wolfmatthias, 25. August 2010, 16:47 Uhr:
Schöner Blog, sehr nett zu lesen. Weiter so. Aber die Gorch Fock ist weiß. Grün ist die Alex. Schiffsfreunde sind kleinlich, was die Details angeht :-)
Kommentar # 2,
Boris, 25. August 2010, 21:40 Uhr:
Danke, ist korrigiert :-D
Kommentar # 3,
docscherer, 25. August 2010, 21:58 Uhr:
Smutje Hellmers schreibt:"Zu sehen sind echte Prachtexemplare, leider nicht alle unter vollen Segeln". Das war auch besser so! Unter Vollzeug bei achterlichem Wind 5-6, da landeste auch bei Vollbremsung in Vegesack - statt in Bremerhaven
Kommentar # 4,
Kuddel, 25. August 2010, 22:53 Uhr:
Einbeinhocker, oder wie wir hier sagen: Botte-cul
;)
Der Sturm vor dem Sturm
Boris Hellmers
am 25. August 2010, :29 Uhr:
Ab morgen gilt es: Alles, was Segel hat, hat seine Heimat für fünf Tage in Bremerhaven. Und alles, was vier Räder hat und sich für Segelschiffe interessiert, auch. Wer sich am Vorabend der Windjammer-Sause auf den Weg an die Küste macht, bekommt schon auf der Autobahn einen Geschmack darauf, was kommen wird. Unterwegs sind: Eine Familie aus Passau mit Jan-Cux-Aufkleber am Heck, die Zollkapelle Aachen mit ihrem Tourbus, eine dänische Seniorengruppe im Kleinbus mit einer Jolle im Schlepptau, natürlich Holländer (mit und ohne Wohnwagen) und viele andere Nord-Reisende aus aller Herren Landkreise.
Wahrscheinlich schweben ihnen allen ein paar sonnige Tage mit Meerblick vor, doch erstmal fahren sie einem schwarzen Loch entgegen. Je näher man Bremerhaven am Abend kommt, umso nasser, düsterer und windiger wird es - der Wetterdienst wird später Windstärken sieben bis acht melden. Für Menschen wie die drei Süddeutschen in kurzen Hosen und hochgeschobenen Sonnenbrillen, die sich am großen Weser-Fenster der "Havenplaza" die Nasen platt drücken, ist das das falsche Wetter.
Und für mich auch. Was für ein Anfängerfehler: Ans Meer fahren und kein Regenzeug dabei haben. Dabei gäbe es schon manches zu sehen, wenn man den Fuß vor die Tür setzen würde. Die ersten Schiffe sind längst da. Ihre Masten-Meere zwischen Regenschwaden und untergehender Abendsonne zu sehen, dazu ganz der ganz echte Soundtrack von "The Perfect Storm" - das ist schon ziemlich pittoresk.
Dieses Bild bestaunen aber nur wenige. Die Touristen, die schon da sind, haben sich wohl in ihre Zimmer verkrochen. Die City ist leer, an den Schiffen gibt es nur ein kleines Besucher-Grundrauschen. Auch die meisten Besatzungen bleiben lieber an Bord und lassen sich dort vom Abendsturm schaukeln.
Diese maritime Betulichkeit, diese Selbstverständlichkeit, mit der die Riesensegler an ihren Plätzen liegen und der markanten Bremerhavener Skyline eine ganz neue Farbe geben, sollte man sich merken. Denn ab Morgen wird dann alles anders. Der Wind wird schwächer wehen, vielleicht scheint auch die Sonne, die Passauer, die Dänen, die Zollkapelle und alle anderen werden die Hafenkanten und Schiffe bevölkern. Eine Million Besucher sollen es dieses Jahr werden - das wird der Sturm nach dem Sturm.
Kommentar # 1,
Lotta, 25. August 2010, 7:06 Uhr:
Gegen Regen schützt ein aus Papier gefaltet Boot. Wenn Du gut bist, ein Windjammer, der zeigt immer gleich auch die Windrichtung an:-).