Strahlung
Verursachen Handys Krebs oder ist die Strahlung völlig ungefährlich? Was weiß die Wissenschaft? Ein Überblick über die vielen Studien und Meinungen.
Ähnlich wie Mikrowellenstrahlung verursacht Mobilfunkstrahlung Wärme.
Zumindest eines ist unstrittig: Mobilfunkstrahlung verursacht Wärme. Ganz ähnlich wie die Mikrowellenstrahlung, die unser Mittagessen von gestern wieder erhitzt. Wäre die Handystrahlung so hoch wie die in der Mikrowelle, würde unser Kopf so heiß wie die Nudeln auf dem Teller. Dass das nicht gesund wäre, kann sich jeder denken. Die geltenden Grenzwerte sollen sicher stellen, dass der Körper sich durch die Strahlung nicht zu stark aufheizt. Unklar ist aber, ob daneben noch andere gesundheitsschädliche Wirkungen der Strahlung existieren, so genannte "athermische Effekte".
Hier gilt bisher die Unschädlichkeitsvermutung. Solange wir also nicht wissen, ob die Strahlung unterhalb der Grenzwerte gefährlich ist, gehen wir zunächst davon aus, dass sie harmlos ist. Tatsächlich gibt es bisher keine Beweise, dass Strahlung unterhalb der Grenzwerte krank macht - aber ein Beweis für die Ungefährlichkeit der Strahlen existiert ebenso wenig. Ungewiss ist besonders, ob die langjährige Nutzung besondere Auswirkungen hat.
Noch sind Nutzer, die seit zehn Jahren mit dem Handy telefonieren, die Ausnahme. Schließlich handelt es sich bei dem Mobilfunk um eine junge Technik. Bald aber werden die Langzeitnutzer die große Mehrheit der Bevölkerung stellen. Viele von ihnen werden schon als Kind mit dem Handy am Ohr aufgewachsen sein.
Ob die Strahlung auch gesundheitsschädliche athermische Effekte unterhalb der Grenzwerte auslöst, ist heftig umstritten. Mobilfunkkritiker vermuten: eine Beeinflussung der Gehirnstromtätigkeit, der Zellkommunikation oder der Melatoninproduktion. Daraus, so die Vermutung, könnten sich Krankheiten ergeben: Konzentrations- und Schlafprobleme, Störungen des Hormon-, Immun- und Zentralen Nervensystems, Veränderungen des Blutbildes und schließlich Krebs. Verschiedene Studien haben Hinweise auf Wirkungen dieser Art ergeben. Ein wissenschaftlicher Nachweis fehlt aber bisher.
Besonders leidenschaftlich wird über die Frage gestritten, ob Handys Krebs auslösen können. Schwedische Wissenschaftler haben bei Befragungen festgestellt: Diejenigen, die seit mehr als zehn Jahren viel und lange mit Handys telefoniert haben, sind anfälliger für Hirntumore als die Vergleichsgruppe der Wenig- und Nichtnutzer. "Studien dieser Art häufen sich", sagt der emeritierte Bremer Medizinprofessor und Mobilfunkkritiker Rainer Frentzel-Beyme. "Es ist ein klarer Trend erkennbar, dass die Mobilfunkstrahlung gefährlich sein könnte."
Andere Studien haben ähnliche Wirkungen festgestellt. Unklar ist nur, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Handelt es sich um Hinweise, die Anlass zur Sorge bereiten, wie Mobilfunkkritiker behaupten? Oder sind die Ergebnisse zu dünn, um daraus auf Gesundheitsgefahren zu schließen? Schließlich gibt es auch Studien, die keinerlei Auffälligkeiten finden konnten.
"Es wird nicht mehr grundsätzlich bestritten, dass die Strahlung Auswirkungen auf die Gehirnfunktionen hat", sagt Peter Neitzke. Der Biophysiker ist Leiter des kritischen Forschungsinstituts Ecolog. Er hält es für "plausibel", dass die Strahlung Gesundheitsschäden hervorrufen könnte. Ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung sei jedoch wissenschaftlich noch nicht eindeutig nachgewiesen, sagt Neitzke.
Uwe Kullnick zieht aus den Erkenntnissen andere Schlüsse. Der Biologe leitet den Arbeitskreis "Mobilfunktechnik und Gesundheit" beim Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), der sich selbst als "Sprachrohr" der IT- und Telekommunikationsbranche bezeichnet. "Wenn jemand mit einem starken Forschungsergebnis daher kam, dann war es bisher immer falsch", sagt Kullnick. "Wir suchen seit langem irgendeine athermische Wirkung – und wir finden nichts.“ Und dass Handys völlig ungefährlich seien, sei wissenschaftlich nicht zu beweisen, so Kullnick, denn: "Das Nichts kann man wissenschaftlich nicht beweisen."
Mobilfunkbefürworter wie Kullnick verweisen zudem auf zahlreiche Untersuchungen, die keinerlei Auffälligkeiten erkennen konnten. So haben dänische Forscher kürzlich die Daten von mehr als 420.000 Personen miteinander verglichen. Dass die Handynutzer anfälliger für Krebs wären, konnten sie nicht feststellen.
Auch Franz Adlkofer hat noch keinen Beweis gefunden. Der Münchner Forscher, dessen Studie oft von Mobilfunkkritikern zitiert wird, hat zwar bei isolierten Zellen im Labor Zell- und Erbgutschädigungen durch Handystrahlung festgestellt, sagt aber: "Wir können dieses Ergebnis nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen." Dennoch müssten Hinweise dieser Art ernster genommen werden als bisher. Adlkofer fordert deshalb, die Forschung weiter voranzutreiben.
Das größte Forschungsprojekt dieser Art hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) angeschoben. Deren Forschungsprogramm zu elektromagnetischen Feldern soll 2008 Ergebnisse bringen. Es wird zur Hälfte aus Staatsgeldern und Mitteln der Mobilfunkindustrie finanziert. "Bis wir sicher wissen, ob Langzeitwirkungen auftreten, wird es noch mindestens zehn bis 20 Jahre dauern", sagt BfS-Sprecher Florian Emrich. "Nach allem, was wir bisher wissen, besteht keine Gefahr. Aber wir können Gefahren eben auch nicht ausschließen."
Und solange diese Ungewissheit besteht, rät das Bundesamt, nicht unnötig mit dem Handy zu telefonieren. Oder einfach mal das Festnetz zu benutzen. Das hat ja früher auch funktioniert.
Strahlung
Wie gefährlich sind Mobilfunkwellen wirklich? Und was ist eigentlich Strahlung genau? In unserem Dossier bieten wir Ihnen ausführliche Hintergrundinformationen rund um das Thema "Handystrahlung".
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