Strahlung
Für das Pentagon sind "nichttödliche Waffen" die Kriegsführung der Zukunft.
Sie sind überall einsetzbar. Die Polizei nutzt sie, um Demonstrationen aufzulösen. Die westlichen Armeen in Afghanistan und Irak gehen damit gegen Aufständische und Terroristen vor. Sogenannte Millimeterwellenwaffen sind klein, handlich und hinterlassen keine Spuren, nur Schmerzen. Noch ist dies keine Realität, sondern Science-Fiction.
"Soweit wir es beurteilen können, sind diese Geräte noch nirgendwo im Einsatz", sagt Jürgen Altmann, Physiker und Friedensforscher an der Universität Dortmund und Experte zum Thema Strahlenwaffen. Doch für Waffenentwickler haben sie eine große Zukunft. "Das ist eine der Schlüsseltechnologien der Zukunft", wird Jeff Hymes, Direktor des Entwicklungsprogramms des US-Verteidigungsministeriums Pentagon für nichttödliche Waffen, zitiert. Die Strahlenwaffe soll die Lücke zwischen bloßem Warnschrei und tatsächlichem Schuss ("shout and shoot") schließen. So könnte die Armee zum Beispiel Aufstände mit der neuen Waffe zerschlagen, ohne scharfe Waffen verwenden zu müssen. Aus diesem Grund wird die neue Waffentechnologie als "nicht tödlich" beworben. In den USA existieren bereit Prototypen einer solchen Waffe.
Das Gerät wird als ADS bezeichnet. Das steht für Active Denial System - aktives Verweigerungssystem. Es sieht aus wie eine große Satellitenschüssel und kann auf das Dach eines Geländewagens montiert werden. Mit einer Frequenz von 95 Gigahertz sendet es Millimeterwellen aus. Laut Angaben der US-Armee dringen diese 0,4 Millimeter in die Haut ein und lösen damit große Hitzeschmerzen aus. Der Strahl fühle sich an, als fasse man gegen eine heiße Ofentür, berichteten Testpersonen. Das Opfer laufe instinktiv davon, verspricht die US-Armee. Das ADS sei deshalb ideal, um gegen Menschenmengen vorzugehen. Und allemal besser, als mit scharfer Munition schießen zu müssen. Zurück bleibe allenfalls ein leichter Sonnenbrand, versprechen ADS-Befürworter.
Doch ganz so harmlos sind die Strahlenwaffen offenbar nicht. Wo ist die Grenze zwischen bloßem Schmerz und bleibenden Schäden? Und was passiert, wenn ein Opfer nicht in der Lage ist, aus dem Strahl der Waffe zu fliehen? Und sollte die Strahlenkanone in die falschen Hände geraten, mag man sich die Folgen gar nicht ausmalen. Eine Waffe, die unvorstellbare Schmerzen auslöst, ohne Spuren zu hinterlassen - auf solch ein Instrument haben die Folterknechte dieser Welt seit Jahrhunderten gewartet.
Auch das Pentagon vertraut der neuen Technik anscheinend noch nicht ganz. Zunächst sollte das ADS schon 2005 in den Irak geschickt werden. Nun hat die Armee die Testphase bis 2010 verlängert. "Offenbar ist die Technik noch nicht so weit", sagt Friedensforscher Altmann. "Möglicherweise ist die Waffe im Moment in den USA auch politisch nicht durchsetzbar." Der für die US-Luftwaffe zuständige Staatssekretär Michael Wynne erklärte 2006, dass nichttödliche Waffen wie das ADS zunächst in den USA eingesetzt werden sollten, bevor sie im Ausland verwendet werden: "Wenn wir diese Waffen nicht hier gegen unsere eigenen Bürger einsetzen wollen, dann sollten wir sie auch nicht in kriegerischen Konflikten verwenden", sagte der Staatssekretär. Wenn ich jemanden mit einer nichttödlichen Waffe angreife und die betroffene Person sagt, sie sei dadurch auf eine nicht beabsichtigte Weise verletzt worden, dann würde ich vermutlich in der Weltpresse verdammt werden."
Die Idee von Strahlenwaffen ist so neu nicht. Gigantische Laser, die auf Jumbojets montiert, Flugzeuge und Raketen unschädlich machen sollten, waren schon Teil des SDI-Programms von US-Präsident Ronald Reagan. Diese Strategic Defense Initiative, besser bekannt als "Star-Wars-Programm", sollte die USA im Kalten Krieg vor Atomangriffen schützen. Trotz gigantischer Forschungsinvestitionen wurde das Programm nie umgesetzt. Die Idee jedoch geistert bis heute durch die US-Politik.
Noch klingt auch der Einsatz des Active Denial Systems nach "Star Wars". Doch die Waffenforschung schreitet voran. Eine Rüstungsfirma aus dem US-Bundesstaat Arizona wirbt im Internet bereits für eine noch handlichere Strahlenwaffe mit dem harmlosen Namen "Silent Protector", stiller Beschützer. Die Waffe minimiere Kollateralschäden, sei dank handlichem Joystick leicht zu bedienen und vielseitig einsetzbar: für Strafverfolgung, Objekt- und Heimatschutz.
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