Islamische Bestattungen
Jedes Jahr werden zirka 5.000 Leichname von Deutschland in die Türkei überführt. Viele Migranten wollen in Heimaterde, in der "memleket toprağı", wie es auf türkisch heißt, bestattet werden, auch wenn sie seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Der muslimische Dachverband DİTİB hat sich dieser Aufgabe angenommen. Doch in Zukunft werden zunehmend Muslime in Deutschland beerdigt werden. Viele Bundesländer wollen deshalb den Sargzwang lockern.
Bestatter Burhanettin Uysal zeigt, wie er einen Leichnam in Tücher hüllt. Der Sarg ist nur für den Transport bis zur Grabstelle bestimmt.
Eine muslimische Bestattung sollte so schnell wie möglich, im Idealfall noch am Sterbetag, vollzogen werden. Das erfordert, so sieht es der Koran, die Achtung vor den Toten. Im Islam ist ein genauer Ablauf festgelegt: von der rituellen Waschung des Leichnams über das Totengebet bis zur Beerdigung. Die Rituale stammen aus der Zeit der Verkündung des Korans etwa 600 nach Christus.
Zunächst wird der Leichnam gewaschen, eine Frau von weiblichen und ein Mann von männlichen Angehörigen. Die rituelle Waschung gehört zur Grundlage des islamischen Glaubens. Der Verstorbene wird von Kopf bis Fuß mit Schwamm, heißem Wasser und Seife gründlich gereinigt. Danach wird der Leichnam in Leinentücher gewickelt. Reingewaschen und in ein weißes Leinentuch gehüllt, so soll der Verstorbene vor Allah treten.
Das rituelle Totengebet findet im Freien statt, vor der versammelten Gemeinde des Verstorbenen. Der Leichnam wird von mindestens vier Männern getragen. Die Gemeinde folgt ihm, singt und spricht dabei das Glaubensbekenntnis. Im Islam ist es unüblich, dass Frauen den Toten auf diesem Weg begleiten.
Gräber in einem Dorf am Schwarzen Meer
Die Grabstelle wird so ausgerichtet, dass der Verstorbene auf der rechten Seite oder auf dem Rücken liegt und die Blickrichtung gen Mekka weist. Nur in Leinentücher eingehüllt, mit den Füßen zuerst, so wird der Leichnam ins Grab gelegt, dann lesen die nächsten Angehörigen aus dem Koran vor und erzählen von den guten Taten des Toten. Nach islamischem Glauben liegen die Verstorbenen bis zum Tag der Auferstehung im Grab, während ihre Seelen auf das jüngste Gericht warten.
In den Tagen nach dem Tod empfängt die Familie Kondolenzbesucher. Danach sollten keine Beileidsbekundungen mehr erfolgen. Ein Traueressen mit religiösen Lesungen sollte bis 40 Tage nach dem Tod von der Familie abgehalten werden. Die Erdbestattung ist die einzig mögliche Bestattungsform für gläubige Muslime. Die Feuerbestattung ist im Islam nicht zugelassen.
In Deutschland kollidieren die islamischen Bestattungsbräuche mit staatlichen Regeln und der christlichen Tradition. Doch das Interesse nimmt zu: In Zukunft werden immer mehr Muslime in Deutschland begraben werden. Darauf reagieren die Bundesländer. Seit Ende der 1990er Jahre entstehen islamische Gräberfelder auf deutschen Friedhöfen. Ein Problem ist hier der Sargzwang. Die Rechtslage in den Bundesländern ist unterschiedlich. Manche Länder sehen einen Sargzwang gar nicht vor, so in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen. Andere haben bereits reagiert. Sie lassen Ausnahmen vom Sargzwang aus wichtigen oder ausdrücklich religiösen Gründen zu, dazu gehören Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen. In anderen Bundesländern, wie zum Beispiel Baden-Württemberg und Hessen, gilt auch weiterhin eine unbedingte Sargpflicht.
DİTİB
Die Abkürzung für den Dachverband DİTİB leitet sich aus dem Türkischen her: Diyanet İşleri Türk İslam Birliği. Die deutsche Bezeichnung dafür lautet: Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion.
Die DİTİB ist der größte muslimische Verband in Deutschland und Dachverband aller 896 Ortsgemeinden bundesweit. Neben der Gemeindearbeit engagiert sich der Verein im sozialen Bereich. So wurde vor 20 Jahren ein Fond für Beerdigungshilfe gegründet. Für Mitglieder wird die Bestattung in der Türkei komplett organisiert. Die DİTİB unterhält über eine Tochterfirma ein internationales Bestattungsunternehmen. Ein breites Netzwerk von Bestattern kümmert sich darum, dass muslimische Landsleute in ihrer Heimat begraben werden können. Der Dachverband übernimmt alles, von den Behördengängen bis zu den Flugtickets. Auf diese Weise werden jedes Jahr mehrere tausende Leichname in die Türkei transportiert. Außerdem sorgt die Beerdigungshilfe für Pflege und Unterhalt von muslimischen Gräberfeldern. Mitglieder können eine Versicherung für zirka 50 Euro im Jahr abschließen und haben im Todesfall dann Anspruch auf Leistungen wie Sargtransport, Flugtickets für die Familie und Bestattung in der Türkei.
Die DİTİB hat ihren Hauptsitz in Köln. Ihre Bestatter arbeiten bundesweit.
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