22. März 1934
Alfred Faust war SPD-Reichstagsabgeordneter und Chefredakteur der Bremer Volkszeitung. Am 18. April 19330wurde er von den Nationalsozialisten in sogenannte Schutzhaft genommen und ins Bremer KZ Mißler gebracht, später ins Lager Ochtumsand verlegt. Nach seiner Freilassung musste er Bremen verlassen. Er ging nach Berlin und fand eine Anstellung beim Angelsachsen-Verlag des Bremer Kaffeekaufmanns Ludwig Roselius.
Seit dem 18. April 1933 saß der Bremer SPD-Reichstagsabgeordnete und Chefredakteur der sozialdemokratischen Bremer Volkszeitung, Alfred Faust, ungeachtet seiner Immunität als Parlamentarier, in "Schutzhaft". Zunächst im Konzentrationslager Mißler im Bremer Stadtteil Findorff, dann auf dem KZ-Schiff Ochtumsand auf der Weser und schließlich im Untersuchungsgefängnis. Schutzhaft wurde damit begründet, der Inhaftierte solle vor dem Volkszorn geschützt werden.
Am 13. August 1933 veröffentlichten die "Bremer Nationalsozialistischen Zeitung" einen offenen Brief des SPD-Reichstagsabgeordneten an die Zeitung "Freie Presse" in Amsterdam. Die Auslandszeitung hatte am 5. August 1933 über Misshandlungen des SPD-Abgeordneten im KZ-Mißler berichtet und behauptet, Alfred Faust sei dabei zu Tode gekommen. Faust, der als Chefredakteuer der Volkszeitung als brillanter Schreiber, Polemiker und Kommentator galt, griff daraufhin mit Einverständndis der KZ-Leitung zur Feder um die Falschmeldung öffentlich zu widerlegen.
"Es stimmt, dass ich mich seit Ende April in Schutzhaft und im Konzentrationslager Mißler in Bremen befinde. Es stimmt, dass ich mit dem grünen Wagen eingeliefert wurde: aber den schwarzen Wagen habe ich noch nicht zu Gesicht bekommen. Im Gegenteil hoffe ich, bald in voller Gesundheit und per pedes apostolorum das Lager verlassen zu können ! Niemand wird bestreiten, dass ein Konzentrationslager kein angenehmer Aufenthalt und kein Sanatorium ist ! Niemand wird bestreiten, dass dieser Aufenthalt für jeden freiheitsliebenden Menschen, insbesondere für Geistesarbeiter, mit körperlichem Unbehagen und seelischer Bedrückung verbunden ist. Niemand wird schließlich bestreiten, dass jeder politische Gefangene sich mit ganzer Seele nach Freiheit sehnt…. Es ist aber leider auch nicht zu bestreiten, dass Artikel mit so offenkundigen Falschmeldungen und Greuellügen nicht dazu beitragen, die Lage der Gefangenen zu verbessern, geschweige denn, den ersehnten Tag der Freiheit zu beschleunigen."
Der Schleppkahn "Ochtumsand" lag an der Ochtummündung.
Der sozialdemokratische Journalist veröffentlichte am 13. Oktober 1933 ein zweites Mal einen Artikel für die Bremer Nationalsozialistische Zeitung, diesmal sogar einen ganzseitigen. Überschrift: "Afred Faust sieht das neue Deutschland". Faust war zu diesem Zeitpunkt KZ-Häftling auf dem Schiff "Ochtumsand" und hatte gemeinsam mit drei weiteren Häftlingen als stummer Beobachter einer nationalsozialistischen Fahnenweihe im Stadtteil Walle beiwohnen müssen. Mit dem ihm bereits als Autor der sozialdemokratischen Volkszeitung eigenen Spott gegenüber den Bremer Kommunisten denunzierte Faust den ehemals von KPD-Wählern dominierten Stadtteil Gröpelingen in der NS-Presse erneut als "Spartagonien" und schrieb weiter:
"Diese Fahrt hat mir mehr als alles andere bewiesen, dass die Arbeiterschaft heute hinter der NSDAP und der Regierung steht. Und da die Regierung wirklich fest im Volke verankert ist, wäre jedes Arbeiten gegen dieselbe sinnlos."
Der Historiker Jörg Wollenberg hat die Leidensgeschichte von Alfred Faust als KZ-Häftling erforscht und auch private Briefe des Häftlings an seine Ehefrau eingesehen und ausgewertet. In einem von diesen von der KZ-Leitung zensierten Briefen schrieb Faust:
"Ich bin ein richtiger Pechvogel, alles wendet sich gegen mich. Nichts zu meinem Besten: weder dass ich mich freiwillig stellte, noch mein Holland-Brief, und jetzt die Gröpelingen Fahrt, es ist zum Verzweifeln."
Nach Befragungen von ehemaligen sozialdemokratischen und kommunistischen Häftlingen des KZ Mißler erfuhr der Historiker Wollenberg von ihnen folgendes:
"Als Faust und Oskar Drees bei einer nächtlichen Prügelvernehmung im Heizungskeller erneut misshandelt wurden, organisierte Albert Oltmanns einen Hungerstreik mit anderen KPD-Genossen. Und Eduard Fregin übernahm Arbeiten, die Faust wegen seines miserablen körperlichen Zustandes nicht mehr erledigen konnte (z.B. Toilettenreinigen). So entwickelten sich im KZ Mißler erste Ansätze einer antifaschistischen Einheitsfront, die nach der Entlasung von einigen Häftlingen im antifaschistischen Widerstand nach 1935 weiterentwickelt wurde …."
Am 23. Juli 1933 hatte die Bremer Nationalsozialistische Zeitung die Reportage eines Redakteurs namens Kurt Teege veröffentlicht, der‚ als getarnter Marxist einige Tage in dem bremischen Konzentrationslager verleben konnte, um Berichte aus der Umgebung des Genossen Faust und anderer "gestürzter Säulen der Judenrepublik" zu verfassen.
Teege schrieb u.a.: "Im Konzentrationslager können sich die Häftlinge miteinander unterhalten, soviel sie wollen, sie können Bücher und Zeitungen lesen, Skat spielen u.s.w. Ich selbst habe meine freie Zeit mit Schachspielen zugebracht und kann behaupten, dass ich meine Kenntnisse auf diesem Gebiet Dank des Konzentrationslagers vervollkommnet habe. Es ist fast paradox, aber gerade das königliche Schachspiel wird von den kommunistischen Lagerinsassen sehr bevorzugt." Über die KZ-Häftlinge schreibt Teege:
"Es ist ein buntes Volk, ehemalige Bürgerschaftsmitglieder, Funktionäre, Betriebsratsvorsitzende usw. … Und über allem steht der ehemalige Regent des Hauses, in dem diese Zeilen geschrieben werden (Gebäude der Volkszeitung, Geeren 6-8/Anm. der Red.) und das heute das Verlagsgebäude der BNZ ist, Reichstagsabgeordneter a.D. und Chefredakteur a.D. Alfred Faust. Zu seinem Stab im Lager gehören der ehemalige Parteisekretär Böhm und van Heukelum. Faust hat sich genau wie seine Kollegen den Lagerverhältnissen schon sehr gut angepasst und macht mit seinem dicken Bauch mehr den Eindruck eines gutbürgerlichen Herren im Anfang der 50er Jahre als den eines ehemaligen sozialdemokratischen Führers und Redakteurs, dessen Aufgabe einzig und allein darin bestand, den Nationalsozialismus und damit den Führer des neuen Deutschland, Reichskanzler Adolf Hitler zu verleumden und mit Schmutz zu bewerfen. Den Lohn für seine Schandtaten hat Genosse Faust durch die Unterbringung im Konzentrationslager, das auch in einigen Jahren sein Aufenthalt sein wird, erhalten."
Nach seiner Entlassung aus der Schutzhaft musste Alfred Faust Bremen und den gesamten Wahlbezirk, für den er ein Reichstagsmandat gewonnen hatte, verlassen. Am Bremer Hauptbahnhof wurde er von Freunden und Verwandten nach Berlin verabschiedet. Dort bekam er eine Anstellung beim Angelsachsen-Verlag des Bremer Kaffeekaufmanns Ludwig Roselius. Das war zur selben Zeit, in der Roselius und sein Museum "Väterkunde" unter der Leitung von Hans Müller-Brauel in der Bremer Böttcherstraße spektakuläre Kongresse mit nationalsozialistischen Wissenschaftsfunktionären, Historikern, Archäologen, prominenten Antisemiten und Rasseforschern veranstaltete (1.+2. Nordisches Thing).
Roselius wollte damit die Überlegenheit der germanisch-nordischen Kultur gegenüber mediterranen Hochkulturen belegen. Vor der Machtergreifung Hitlers hatte auch Alfred Faust im Jahr 1932 während einer Radiosendung die pseudowissenschaftlichen und germanophilen Ideen des Kaffee-Kaufmanns und Hitler-Sympathisanten Roselius positiv zu erklären versucht. So verglich er u.a. gegenüber den Rundfunk-Reportern pathetisch die Bilder der Malerin Paula Becker-Modersohn im Museum der Böttcherstraße mit frühmenschlichen Höhlenmalereien.
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war Faust Mitarbeiter der Werbeabteilung des Kaffeeunternehmens Hag von Ludwig Roselius gewesen.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs bestellte ihn Bürgermeister Wilhelm Kaisen 1950 zum Leiter der Pressestelle des Bremer Rathauses.
Bremen unterm Hakenkreuz
![Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen] Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/bremen-dreissigerjahre102_v-mediateaser.jpg)
Das Jahr 1933
Am 30. Januar 2013 jährt sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten zum 80. Mal. Rückblicke, Zeitzeugen und Archivmaterial sollen dokumentieren, wie es den Nationalsozialisten gelingen konnte, an die Macht zu kommen.
Weitere Ereignisse
14. Dezember 1934: Hitler in Bremen und Bremerhaven
Alfred Faust aus "Schutzhaft" entlassen
19. Oktober 1933: Treuegelöbnis der Bremer Kaufmannschaft
5. Mai 1933: Röver wird Reichsstatthalter
1. Mai 1933: Bremen im Zeichen des Hakenkreuzes
18. April 1933: Gewerkschaftshaus besetzt
14. April 1933: Verhinderung staatsfeindlicher Betätigung in Kleingärten
31. März 1933: Konzentrationslager Mißler eingerichtet
22. März 1933: Hitler wird Ehrenbürger
6. März 1933: "Machtergreifung" der NSDAP in Bremen
30. Januar 1933: Reaktionen in Bremen
30. Januar 1933: Ernennung Hitlers zum Reichskanzler
Recherche
Für die Aufarbeitung geschichtlicher Themen können wir auf das reichhaltige Radio-Bremen-Archiv zurückgreifen. Tatkräftig unterstützt werden wir vom Arbeitskreis der Bremer Archive und vom Staatsarchiv Bremen.
Jetzt auf radiobremen.de
Titanic sticht wieder in See: Australischer Milliardär will Megadampfer nachbauen
Krise der Gesundheit Nord: SPD fordert Finanzkonzept für städtische Kliniken
Werder Bremen: Sportdirektor plant mit Arnautovic und Elia
Neuer Trainer vorgestellt: Robin Dutt: "Werder ist Euphorie pur!"