Hitler wird Reichskanzler
In Bremen wurde, anders als im übrigen Nordwestdeutschland, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler ohne großen Jubel aufgenommen. Während in Berlin uniformierte NSDAP-Mitglieder mit einem Fackelzug durchs Brandenburger Tor marschierten, weigerte sich der Bremer Senat, den Nazis die Genehmigung für einen Umzug zu erteilen.
Die Verhandlungen über die Bedingungen einer Kanzlerschaft Hitlers waren am 30. Januar 1933 Aufmacher-Thema in fast allen deutschen Tageszeitungen und auch der Bremer Nachrichten.
Der 30. Januar 1933 war ein verhängnisvoller Tag in der deutschen Geschichte. Adolf Hitler, der Führer der NSDAP wurde in Berlin zum Reichskanzler ernannt. Während Hitlers Stellvertreter, Vizekanzler von Papen, darauf setzt, Hitler und seine Gefolgsleute zu zähmen, dämmert überall im Reich das Ende der Demokratie herauf. Die uniformierte SA (Sturm-Abteilung der NSDAP) wollte auch in Bremen Hitlers Kanzlerschaft bejubeln. Der NS-Kreisleiter Otto Bernhard verlangte vom Polizeipräsidenten Dr. Leopold Petri und vom Schutzpolizeichef Walter Caspari die Freigabe der Innenstadt für eine Kundgebung und einen Fackelzug. Doch der Bremer Senat lehnte dies ab.
Hindenburg rechtfertigt die Hitler-Regierung, [0:19]
Auszug aus einer Rede Hindenburgs
Die Vortags-Verhandlungen zu Hitlers Kanzlerschaft, [1:54]
Michael Herde fasst die politische Situation vor der Machtübernahme zusammen.
Im früher eigenständigen Land Oldenburg, zu dessen NSDAP-Gau auch der Bremer Kreisverband der NSDAP gehörte, regierte bereits der Nationalsozialist Carl Röver als Ministerpräsident. Dort herrschte Jubelstimmung. In Bremen hingegen gab es wenig Begeisterung. Dort war eine Bürgerschafts-Mehrheit der Nationalsozialisten unvorstellbar und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands war an der Landesregierung beteiligt. Der Bremer Historiker Herbert Schwarzwälder schreibt zur Stimmung in Bremen: "...die Vorstellungen über das, was man vom Dritten Reich zu erwarten hatte, blieben unbestimmt: Da war vom "Köpferollen", von einer Abrechnung mit den "Novemberverbrechern" ebenso die Rede wie davon, dass alles nicht "so heiß gegessen" werde, dass man angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten keine Vermehrung des Chaos gebrauchen könne."
Video: Hitlers Machtergreifung 1933
Einstellungen, Infos und Kommentare
Die Gegner waren zudem fast einhellig der Meinung, dass die NSDAP im Kampf gegen die Wirtschaftskrise unterliegen müsse, was allerdings nicht unbedingt den Verlust der politischen Macht nach sich ziehen musste. So war es doch allzu hypothetisch, wenn manche Sozialdemokraten meinten, dass auch viele Wähler der NSDAP sehr bald wieder parlamentarische Verhältnisse herbeisehnen würden."
Am Tag nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler titelte die sozialdemokratische Bremer Volkszeitung auf Seite eins über den Führer der NSDAP: "Kanzler von Barons Gnaden". Eine Fortsetzung der rechtskonservativen Politik des vorherigen, parteilosen Reichskanzlers von Schleicher und des davor amtierenden Zentrumpolitikers von Papen wurde vermutet. Bremens Kommunisten hingegen forderten am 31. Januar 1933 auf Seite 1 ihrer "Arbeiter-Zeitung" sogleich: "Generalstreik" und weiter: "Belegschaften, Stempelstellen, auf zum Kampf."
Während der Historiker Herbert Schwarzwälder seitens der Kommunisten eine Abwehrtaktik gegenüber der Berliner Hitler-Regierung durch die Bildung einer "Einheitsfront" mit großen Teilen der SPD vermutet, weist die Historikerin Inge Linke-Marszolek von der Universität Bremen detailliert auf die heillose Zerstrittenheit der Bremer Arbeiterbewegung am Anfang des Jahres 1933 hin. Große Teile der KPD hätten zuvor nicht in der NSDAP ihren Hauptfeind gesehen, sondern vielmehr in der SPD. Viele Kommunisten hätten deren Politiker gar als "Sozialfaschisten" betrachtet. Kommunistischer Wortradikalismus habe die Verständigung mit der SPD gestört. Anders als in anderen deutschen Großstädten, wie z.B. in Köln, sei eine breitere Gegenbewegung der Arbeiterparteien und ihrer Organisationen zum Nationalsozialismus deshalb in Bremen erschwert gewesen.
Die Bremer Landesregierung lehnte einen Fackelumzug der Sturmabteilung der NSDAP durch die Bremer Innenstadt ab.
Bannmeile
Als Bannmeile bezeichnet man allgemeine Schutzzonen um die Sitzungsorte der Gesetzgebungsorgane (Landtage, Bundestag, Bundesrat), in der Tätigkeiten bzw. Versammlungen verboten und nur in Ausnahmefällen zugelassen sind. Beabsichtigt wird der Schutz dieser Verfassungsorgane vor dem unmittelbaren Druck der Bevölkerung.
Die Bremer Nationalsozialisten wollten Hitlers Machtergreifung und Kanzlerschaft nach Berliner Vorbild mit einem Fackelzug feiern. Dort waren am Abend des 30. Januar etwa 15.000 uniformierte NSDAP-Mitglieder und Stahlhelmbündler mit Trommeln und zur Melodie "Deutschland, Deutschland, über alles..." durchs Brandenburger Tor gezogen. Die Bremer Landesregierung lehnte einen Antrag der örtlichen NSDAP auf Genehmigung einer Fackel-Demonstration durch die Bremer Innenstadt und zum Bremer Marktplatz jedoch ab und berief sich auf ihre Bannmeilenverfügung. Daraufhin wollte die Bremer NSDAP nur noch zu einem Ehrenmal in den Wallanlagen ziehen und es versammelten sich am 1. Februar 1933 etwa 4.000 ihrer Anhänger am Ansgaritor.
Zwei Tage später beantragten die Fraktionen der NSDAP und der DNVP in der Bremischen Bürgerschaft, das Parlament solle sich auflösen und sich am Tag der nächsten Reichstagswahl, dem 5. März, ebenfalls neu wählen lassen. Die Bremische Bürgerschaft lehnte den Antrag der Rechtsparteien ab. Aus verfassungsrechtlichen Gründen wagte es Hitlers Reichsregierung noch nicht, die Landtage einfach aufzulösen.
Carl von Ossietzky zur Machtergreifung, [2:59]
Rosalinda von Ossietzky-Palm liest Texte von Karl von Ossietzky aus der "Weltbühne".
In Bremen kein Jubel über Hitler
Titelblatt der Bremer Nachrichten vom 30. Januar 1933 [PDF, 775 Kb]
Machtergreifung 1933: Reaktionen in Bremen, [7:39]
Beitrag vom 28. Januar 1983
Denkort Bunker Valentin in Farge
Die Bahrsplate: Schreckliches Idyll
Bremen unterm Hakenkreuz
![Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen] Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/bremen-dreissigerjahre102_v-mediateaser.jpg)
Das Jahr 1933
Am 30. Januar 2013 jährt sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten zum 80. Mal. Rückblicke, Zeitzeugen und Archivmaterial sollen dokumentieren, wie es den Nationalsozialisten gelingen konnte, an die Macht zu kommen.
Weitere Ereignisse
14. Dezember 1934: Hitler in Bremen und Bremerhaven
Alfred Faust aus "Schutzhaft" entlassen
19. Oktober 1933: Treuegelöbnis der Bremer Kaufmannschaft
5. Mai 1933: Röver wird Reichsstatthalter
1. Mai 1933: Bremen im Zeichen des Hakenkreuzes
18. April 1933: Gewerkschaftshaus besetzt
14. April 1933: Verhinderung staatsfeindlicher Betätigung in Kleingärten
31. März 1933: Konzentrationslager Mißler eingerichtet
22. März 1933: Hitler wird Ehrenbürger
6. März 1933: "Machtergreifung" der NSDAP in Bremen
30. Januar 1933: Reaktionen in Bremen
30. Januar 1933: Ernennung Hitlers zum Reichskanzler
Recherche
Für die Aufarbeitung geschichtlicher Themen können wir auf das reichhaltige Radio-Bremen-Archiv zurückgreifen. Tatkräftig unterstützt werden wir vom Arbeitskreis der Bremer Archive und vom Staatsarchiv Bremen.
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