6. März 1933
Nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 hatte die NSDAP in Bremen keine parlamentarische Mehrheit. Dennoch beschloss der Senat, auf dem Rathaus die schwarz-weiß-rote Flagge zu hissen. Daraufhin traten drei sozialdemokratische Senatoren zurück.
Am 5. März 1933 fanden in Deutschland Reichstagswahlen statt. Es war die letzte Wahl, bei der mehr als eine Partei zugelassen war. Die Hitler-Diktatur zeichnete sich bereits ab. Einen demokratischen Wahlkampf hatte es nicht gegeben, stattdessen waren Übergriffe auf politische Gegner der NSDAP an der Tagesordnung. Besonders betroffen waren Miglieder der SPD und der KPD. Verschärft wurde die Situation noch durch den Reichstagsbrand vom 28. Februar 1933. Danach waren die Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit außer Kraft gesetzt worden.
In Bremen gab es am Tag nach der Reichstagswahl keine parlamentarische Mehrheit für die NSDAP. Durch ein perfides Zusammenspiel des nationalsozialistischen Reichsinnenministers Frick mit randalierenden SA-Truppen auf dem Bremer Marktplatz wurden an diesem Tag drei legal amtierende sozialdemokratische Sentoren aus dem Rathaus gedrängt: Wilhelm Kaisen, Emil Sommer und Wilhelm Kleemann.
"Die Regierung unter Hitler in Berlin hatte unter Missachtung von Gesetz und Ordnung einen Mann als Reichskommissar (Frick) eingesetzt, um die angeblich gestörte Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Der Senat sollte ihm zunächst die Polizei übertragen. Dazu war der Senat jedoch nicht legitimiert. Eine Abordnung der Bremer SA verlangte den Rücktritt des Senats, was aber nur die Bürgerschaft bewerkstelligen konnte. Also auch das ging nicht. Ferner wurde verlangt, dass die Hakenkreuzflagge auf dem Rathaus gehisst werde. Um Zeit zu gewinnen und um die Menge zu beruhigen, schlug Dr. Donandt vor, zwar nicht die Hakenkreuzflagge, aber die schwarz-weiß-rote Fahne herauszuhängen. Ich bemerkte sofort: 'Ohne mich.'"
Weil Kaisen, Sommer und Kleemann in den Zugeständnissen von Bürgermeister Martin Donandt an die NSDAP eine Richtungsänderung der Senatspolitik erkennen, traten sie zurück. Unter den braunen Randalierern auf dem Bremer Marktplatz und als Abgesandter der SA bei den pöbelhaften Verhandlungen mit dem Bremer Senat profilierte sich an diesem Tag Carl Röver, Ministerpräsident des Landes Oldenburg und Leiter des NSDAP-Gaus Weser-Ems, zu dem auch Bremen gehörte. Bremens Polizeichef Caspari hatte sich geweigert, ihn und alle Nazis vom Bremer Marktplatz zu vertreiben. Dazu sagte der Bremer Senator Theodor Spitta: "Caspari erklärte, er sei nicht sicher, dass seine Polizeitruppe, wenn sie den Befehl erhielte, mit der Schusswaffe das Eindringen der SS und SA in die Bannmeile zu verhindern, allgemein gehorchen werde. Diese Erklärung Casparis hat besonders Kaisen aufs stärkste bewegt."
Alfred Faust über die Machtergreifung, [0:48]
Noch am selben Abend entzog der NS-Reichsinnenminister Frick dem Bremer Senat per Telegramm die Polizeigewalt ganz und gar. Zwei Wochen später löste sich die Bremische Bürgerschaft auf, der Senat trat zurück und Bürgermeister wurde der Nationalsozialist Richard Markert. Dem hatte die Hitler-Regierung bereits am 6. März 1933 die Polizeigewalt anvertraut, als ihre Hakenkreuzfahne gehisst werden sollte und die sozialdemokratischen Senatoren deshalb zurücktraten.
6. März 1933: Nationalsozialisten zwingen Bremer Senat zum Rücktritt, [3:03]
Richard Markert wurde am Abend des 5. März 1933 von Innenminister Frick zum Bremer Polizeisenator ernannt.
"Auf Anordnung des Herr Reichsministers des Innern Dr. Frick habe ich die gesamte Polizeigewalt im bremischen Staatsgebiet übernommen. Es ist meine Aufgabe und mein fester Wille, alles zu tun um innerhalb meines Bezirkes den Wiederaufbau unseres schwergeprüften deutschen Vaterlandes zu gewährleisten... Gegen kommunistische Terrorakte und Überfälle wird mit aller Strenge vorgegangen und wenn nötig, rücksichtslos von der Waffe Gebrauch gemacht werden. Ich werde alle Polizeibeamten, die in Ausübung ihrer schweren Pflichten genötigt sind, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, ohne Rücksicht auf die Folgen des Schusswaffen-Gebrauchs in jeder Beziehung decken. Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit im bremischen Staatsgebiet ist unbedingte Voraussetzung für die Erfüllung der besonderen Aufgaben, die Bremen als Handelsstadt und Welthafen für unser deutsches Vaterland zu leisten hat. Ich erwarte von der gesamten Bevölkerung, dass sie mich durch Ruhe, Besonnenheit und strengste Disziplin in meiner Aufgabe unterstützt."
Bremen, den 7. März 1933
Gezeichnet Dr. Markert Polizeisenator (Kommissar des Reiches)
Hitlers Machtergreifung 1933, [9:04]
Quellen und Originaltexte [PDF, 8 Kb]
Bremen unterm Hakenkreuz
![Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen] Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/bremen-dreissigerjahre102_v-mediateaser.jpg)
Das Jahr 1933
Am 30. Januar 2013 jährt sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten zum 80. Mal. Rückblicke, Zeitzeugen und Archivmaterial sollen dokumentieren, wie es den Nationalsozialisten gelingen konnte, an die Macht zu kommen.
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Recherche
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