"Am 1. Mai gab es bereits am frühen Morgen Unruhe im Lager. Etwa zehn oder zwölf Häftlinge wurden ausgewählt und später für eine Rudnfahrt durch Bremen abgeholt. Unter mehreren SA-Begleitern wurden sie aufgeteilt, um mit ihnen in kleineren Gruppen durch die Straßen zu fahren. Denn auch für Bremen war eine große faschistische Mai-Kundgebung vorbereitet und unsere Freunde sollten sich nun vom Anbruch der neuen Zeit überzeugen und auch von der jetzt selbst unter den Arbeitern herrschenden Begeisterung für die national-sozialistische Ordnung. Schorse Buckendahl war unter den Ausgewählten. Wie er später erzählte , fuhr er mit dem jungen Adjutanten von Polizei-Senator Laue, der ihm sogar erlaubte, zu Haus kurz seine Frau zu sprechen. Am Abend waren wir alle in dem größeren Tagesraum versammelt. Die Teilnehmer der Fahrt sollten uns berichten. Wir standen in größeren oder kleineren Gruppen um unsere "Kundschafter in das neue Deutschland" herum. Hitler versprach ja einen langen Frieden und eine alle Deutschen umfassende Volksgemeinschaft. Es blieb aber bei den einzelnen Äußerungen sehr zurückhaltend. Der eine hatte dies, der andere jenes gesehen, je nach den besonderen Beobachtungen. Nicht ganz geleugnet wurde, dass alles groß aufgemacht worden war. Wir erfuhren aber auch, dass die Führung der Gewerkschaften zur Teilnahme an der faschistischen Kundgebung aufgerufen hatte. Mancher versuchte, diese Tatsache noch im Glauben an eine klassenbewusste Arbeiterschaft zu verdrängen. Ich dachte daran, dass meine politischen Freunde etwa doch recht behalten sollten in ihrer These, wonach die Instanzen der Gewerkschaften ohne eine eindeutige sozialistische Zielsetzung, ohne Halt und völlig hilflos den geschichtlichen Aufgaben der Stunde gegenüber stehen würden…
… Einer der Neuen war der SPD-Genosse Herzog, der immer bereit für ein vorsichtiges Gespräch war. Wir spazierten auf dem Hof auf und ab. Der Posten am Eingang war schläfrig. Aus dem Vernehmungszimmer schaute auch niemand heraus. Ich wollte alles Gesagte in einem Satz zusammenfassen : "Die Arbeiterbewegung muss radikal von vorn anfangen."
Herzog stimmte mir entschieden zu. Alfred Faust, der sich genähert hatte, nickte… …Seine letzte Enttäuschung musste Faust aber noch überstehen. Bei der Wahl am 5. März war er in den Reichstag gewählt worden. Er hoffte, zum Sitzungsbeginn würde man ihn freilassen (17. Mai 1933/ Letzte Reichstagssitzung mit Beteiligung der SPD/Anm der Red).
Sicher dachte er daran, seine Erlebnisse im Reichstag der Öffentlichkeit bekanntzugeben. Aber es kam anders. Er hatte seinen Platz an der Tischecke in unmittelbarer Nähe der Saaltür. Plötzlich tritt ein SA-Mann herein und knallt ihm ein Dokument auf den Tisch: sein Mandat und die Einladung. Wir hörten alle die höhnische Bemerkung dazu: "Bilde Dir nur nichts ein, Du bleibst hier!" Wir alle schauten auch zu, als Faust dann erschüttert zusammenbrach. Er legte den Kopf auf den Tisch, die Hände davor und begann zu schluchzen. Dann beruhigte er sich langsam, blickte hoch und schaute verwundert und verständnislos um sich. Dieser Mann war einer der Klügsten und Gebildetsten seiner Partei gewesen…".
Den 1. Mai, Kampftag der interntionalen Arbeiterbewegung, erklärten die Nazis zum "Tag der nationalen Arbeit" und damit zum Feiertag. Die noch in Arbeit Stehenden mussten marschieren. Ich hab sie gesehen. Der Chef mit den Angestellten vorneweg: "Ein Volk – ein Reich – ein Führer". Es war die Belegschaft der Druckerei Schünemann, die, aus der Langenstraße kommend, in militärisch ausgerichteten Reihen auf den Marktplatz einbog. Schnell einen Blick auf das Schauspiel, dann ging ich rasch weiter. Am Leibnizplatz neue Kolonnen. Diesmal SA-Gestiefelte, die Sturmriemen unter dem Kinn, mit Blaskapelle und Hakenkreuz-Fahnen. Plötzlich sprangen acht oder zehn Mann heraus aus dem Zug und schlugen mit ihren Schulterriemen, an denen die schweren Karabinerhaken hingen, auf eine Gruppe Arbeiter ein. Und nur weil diese nicht mit erhobenem Arm die "Fahne der Bewegung" gegrüßt hatten! Mit über dem Kopf gereckten Armen versuchten sich die brutal Angegriffenen zu schützen und wichen zurück, soweit dies im Gedränge möglich war…."
Bremen unterm Hakenkreuz
![Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen] Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/bremen-dreissigerjahre102_v-mediateaser.jpg)
Das Jahr 1933
Am 30. Januar 2013 jährt sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten zum 80. Mal. Rückblicke, Zeitzeugen und Archivmaterial sollen dokumentieren, wie es den Nationalsozialisten gelingen konnte, an die Macht zu kommen.
Weitere Ereignisse
14. Dezember 1934: Hitler in Bremen und Bremerhaven
Alfred Faust aus "Schutzhaft" entlassen
19. Oktober 1933: Treuegelöbnis der Bremer Kaufmannschaft
5. Mai 1933: Röver wird Reichsstatthalter
1. Mai 1933: Bremen im Zeichen des Hakenkreuzes
18. April 1933: Gewerkschaftshaus besetzt
14. April 1933: Verhinderung staatsfeindlicher Betätigung in Kleingärten
31. März 1933: Konzentrationslager Mißler eingerichtet
22. März 1933: Hitler wird Ehrenbürger
6. März 1933: "Machtergreifung" der NSDAP in Bremen
30. Januar 1933: Reaktionen in Bremen
30. Januar 1933: Ernennung Hitlers zum Reichskanzler
Recherche
Für die Aufarbeitung geschichtlicher Themen können wir auf das reichhaltige Radio-Bremen-Archiv zurückgreifen. Tatkräftig unterstützt werden wir vom Arbeitskreis der Bremer Archive und vom Staatsarchiv Bremen.
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