Bremen unterm Hakenkreuz
In der Nacht und am darauffolgenden Tag wurden in Städten, Dörfern und Gemeinden im gesamten Deutschen Reich die Schaufensterscheiben von Geschäften jüdischer Besitzer eingeworfen, Synagogen in Brand gesteckt und jüdische Mitbürger drangsaliert oder ermordet. Auch in Bremen starben in dieser Nacht fünf Menschen.
Am 7. November 1938 erschoss der junge polnische Jude Herschel Grynszpan den deutschen Botschaftsbeamten von Rath. Diese Tat nutzten die Nationalsozialisten, um ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu entfachen. 1938 waren die jüdischen Deutschen schon einige Jahre entrechtet und aus dem sozialen Leben ausgeschlossen. Der Rest der Bevölkerung hatte zum Zeitpunkt der Pogromnacht ganz offensichtlich schon verinnerlicht, dass Juden rechtlos sind, dass man sich an ihrem Eigentum bereichern kann und dass man sie sogar straflos ermorden darf. Das zeigt die Reichspogromnacht, auch und gerade in Bremen.
Rund 160 jüdische Männer werden quer durch die Stadt zu Fuß zum Zuchthaus Oslebshausen getrieben. Sie gingen in eine ungewisse Zukunft.
Reichspogromnacht: Opfer und Täter, [14:30]
buten-un-binnen-Beitrag vom 9. November 1988
Es war am 9. November 1938, als um Mitternacht der Befehl kam, eine "Judenaktion" zu starten. Parteiführer und Parteistellen der NSDAP Bremens saßen ohnehin zusammen. Man feierte einen Jahrestag: den Putschversuch Hitlers vom 9. November 1923 in München. Deshalb konnten die ersten Aktionen schnell organisiert werden. In Windeseile waren kleine und größere Geschäfte in der Bremer Innenstadt zerstört und geplündert. Die "Kristallnacht" bekam so ihren sprechenden Namen: von den unzähligen Glassplittern auf den Straßen.
Führende SA-Männer sorgten persönlich dafür, dass in der Synagoge im Bremer Schnoor Benzin getränkte Lappen auf die Stühle gelegt wurden. Sie brannte völlig aus, wie auch die kleine Gebetsstube in Sebaldsbrück. Auch das jüdische Altersheim blieb nicht verschont. Unter Führung eines 43-jährigen Bahnbeamten haben SA-Männer dort Türen und Fenster eingeschlagen, die alten Menschen in eisiger Kälte auf die Straße getrieben, getreten und gedemütigt.
Bildergalerie: Jüdische Gotteshäuser in Flammen
Noch in der Nacht begannen SA-Männer, auf "Judensuche" zu gehen. Eine bereits 1936 von der Reichspropaganda-Abteilung erstellte Adressenliste half dabei. Mitten in der Nacht wurden in Bremen und Bremerhaven Menschen aus ihren Betten gerissen und zu Sammelstellen getrieben. In Bremen gab es eine Sammelstelle am Alten Gymnasium. Charlotte Abraham musste das als Kind miterleben. Sie berichtet, wie sie mit ihren Eltern durch die Stadt getrieben wurde, wie Passanten sie bespuckten und beschimpften. Die NSDAP hatte die Parole ausgegeben, "sämtliche Juden zu entwaffnen, bei Widerstand über den Haufen zu schießen". An unterschiedlichen Stellen der Befehlskette haben Bremer SA-Männer und Befehlshaber der NSDAP den Befehl "falsch" verstanden und radikalisiert. So wurden in dieser Nacht fünf Menschen in Bremen ermordet.
Erinnerungen an Familie Abraham, [5:51]
In der Bremer Neustadt wurden zwei Angehörige des sogenannten Johann-Gossel-Sturms um vier Uhr früh von ihrem Sturmführer geweckt. Die beiden Männer, zwei junge Bäcker, müssten auf Befehl des Führers den Juden Heinrich Rosenblum erschießen, hieß es. Als die beiden zweifelten, gab man ihnen die Folgen der Befehlsverweigerung zu bedenken. Daraufhin gingen sie in die nahe gelegene Wohnung von Heinrich Rosenblum und schossen dem Arglosen in den Hinterkopf. Wieder auf der Wache angekommen, erfuhren sie, dass nach ihrem Abmarsch der offizielle Rückpfiff gekommen war. Erschießungen sollten demnach verhindert werden. Doch noch in derselben Nacht fanden weitere Morde statt. SA-Männer ermordeten auch das alte Ehepaar Goldberg aus Burgdamm, Leopold Sinasohn aus Platjenwerbe, Selma Zwienicki aus der Neustadt. In Ritterhude trieb der Bürgermeister von Lesum persönlich die große Familie ter Berg in die Hamme-Niederung, Männer, Frauen, Kinder, in der Absicht, sie dort zu erschießen. Nach einem Warnschuss ließ man sie laufen.
Unter den Augen der Bremer Öffentlichkeit trieb man am 10. November 160 jüdische Männer vom Schulhof des Alten Gymnasiums ins Gefängnis nach Oslebshausen. Frauen und Kinder hatte man zuvor frei gelassen. Am nächsten Morgen ging es ohne Wiedersehen mit der Familie, ohne Habseligkeiten mit der Straßenbahn zum Bremer Hauptbahnhof, von dort aus mit dem Sonderzug ins KZ Sachsenhausen. Die Bremer SA "sicherte" unterdessen das Raubgut aus den geplünderten Geschäften – in Listen erfasste man Wertgegenstände, Gold- und Silbersachen.
Bildergalerie: Der Zug der jüdischen Männer durch Bremen
Enteignung von Bremer Juden, [3:55]
buten-un-binnen-Beitrag vom 31. Januar 2002
Stadtrundgang durch Bremen , [4:49]
Ein buten-un-binnen-Beitrag vom 8. Juni 1993.
Rabbie Wiener auf Spurensuche , [3:06]
buten-un-binnen-Beitrag vom 9. November 2005
Geräusche und Bilder der Nacht: Zeitzeugen erinnern sich, [3:17]
Beitrag vom 9. November 2001
Interview mit Karl Katz, [5:17]
Beitrag vom 9. November 1958
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
United States Holocaust Memorial Museum
Seite mit Zeitzeugen-Videos (auf englisch)
Bremer NS-Zeitungen berichten über die Pogromnacht, [4:01]
Rundschau-Beitrag von 1978
Geräusche und Bilder der Nacht: Zeitzeugen erinnern sich, [3:17]
Beitrag vom 9. November 2001
Gedenkfeier 1998 für die Opfer der Pogromnacht in Bremen, [2:49]
Beitrag vom 9. November 1998
Bremen unterm Hakenkreuz
![Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen] Hakenkreuzflaggen am Bremer Hauptbahnhof [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/bremen-dreissigerjahre102_v-mediateaser.jpg)
Das Jahr 1933
Am 30. Januar 2013 jährt sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten zum 80. Mal. Rückblicke, Zeitzeugen und Archivmaterial sollen dokumentieren, wie es den Nationalsozialisten gelingen konnte, an die Macht zu kommen.
Weitere Ereignisse
14. Dezember 1934: Hitler in Bremen und Bremerhaven
Alfred Faust aus "Schutzhaft" entlassen
19. Oktober 1933: Treuegelöbnis der Bremer Kaufmannschaft
5. Mai 1933: Röver wird Reichsstatthalter
1. Mai 1933: Bremen im Zeichen des Hakenkreuzes
18. April 1933: Gewerkschaftshaus besetzt
14. April 1933: Verhinderung staatsfeindlicher Betätigung in Kleingärten
31. März 1933: Konzentrationslager Mißler eingerichtet
22. März 1933: Hitler wird Ehrenbürger
6. März 1933: "Machtergreifung" der NSDAP in Bremen
30. Januar 1933: Reaktionen in Bremen
Recherche
Für die Aufarbeitung geschichtlicher Themen können wir auf das reichhaltige Radio-Bremen-Archiv zurückgreifen. Tatkräftig unterstützt werden wir vom Arbeitskreis der Bremer Archive und vom Staatsarchiv Bremen.
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