22. Dezember 2011, 20:45 Uhr
Starke Zunahme bei Rücken-OPs
Jeder vierte Deutsche hat Rückenschmerzen. Immer häufiger trifft es auch Menschen unter 30 Jahren. Zu wenig Bewegung, zu viel Essen - das hinterlässt Spuren. Kritische Mediziner sagen, dass zu schnell operiert wird. Einer von ihnen ist Hubertus Kayser. Nach Meinung des Bremer Schmerztherapeuten sind 80 Prozent der OPs unnötig. Den Anstieg bei den Zahlen der Rückenoperationen nennt er "gigantisch".
Radio Bremen: Wenn der Rücken schmerzt, Beine und Arme taub werden, ist die Diagnose oft Bandscheibenvorfall. Orthopäden empfehlen dann gerne eine Operation. Verschwindet der Schmerz danach auch und damit das Problem?
Ein Patient, der über einen akuten Rückenschmerz klagt ohne Sensibilitätsstörungen oder Ausfälle der Muskulatur, sollte zunächst abwarten, ein Schmerzmittel einnehmen und wenn möglich bald wieder seinen Alltagsaktivitäten nachgehen. Geht der Schmerz nach wenigen Tagen nicht weg, sollte er einen Arzt aufsuchen.
Radio Bremen: Wie viel Prozent der Rücken-Operationen insgesamt sind ihrer Meinung nach überflüssig?
In unserer Praxis führen wir im Auftrag von Krankenkassen Zweitmeinungsverfahren durch. Dabei haben wir herausgefunden, wie auch internationale Studien zeigen, dass 80 Prozent dieser Patienten nicht operiert werden müssten.
Radio Bremen: Warum kommen Patienten trotzdem so oft unters Messer?
In den letzten Jahren unterliegen die Kliniken einem immer größer werdenden Wettbewerb und Kostendruck. Wurde zunächst vor allem durch Stellenabbau an der Ausgabenseite gespart, ist dieses inzwischen ausgereizt. Es wird jetzt immer mehr an der Einnahmeseite gearbeitet. So werden Chefärzte von ihren Verwaltungen angehalten, bestimmte Vorgaben wie zum Beispiel OP-Zahlen zu erreichen. So sind in den letzten Jahren die Versteifungsoperationen um 220 Prozent angestiegen, die Anzahl der Bandscheiben-OPs um 43 Prozent. Diese Anstiege sind durch einen erhöhte Krankheitshäufigkeit nicht zu erklären.
Krankenkassen überprüfen leider nicht über den Medizinischen Dienst die Operationsindikationen. Damit könnte aber eine mögliche Über- oder Fehlversorgung vermieden werden.
Sicher ist der Druck von Patientenseite bei hohem Leidensdruck vorhanden. Allerdings könnte man die Patienten zu mehr Eigenverantwortung motivieren. Es würde beispielsweise helfen, den Patienten zu sagen, dass Bewegung bei Rückenschmerzen nicht schadet. Rückenschmerzen haben eine hohe Selbstheilungstendenz, selbst wenn sie im Röntgenbild oder im MRT festgestellt werden.
Radio Bremen: Es gibt sicher auch Situationen, in denen man um eine Rücken-OP nicht herum kommt. Wann ist das der Fall?
Patienten mit einem sogenannten Cauda-Syndrom (Harn- und Stuhlinkontinenz durch Quetschung von Nervenwurzeln) oder mit Lähmungen im Bereich der Arme oder Beine sollten schnellst möglich einer OP als Notfall zugeführt werden.
Rückenschmerzen sind wie auch andere psychosomatische Symptome und Burn-Out-Sndrome in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Denn auch junge Menschen sind den immensen Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft immer mehr ausgesetzt. Rückenschmerzen können deshalb Ausdruck seelischer Erschöpfung sein. Man hat wortwörtlich "schwer zu tragen“.
Sie sollten auf jedne Fall vorsichtig sein, sich Zweitmeinungen über das Internet einzuholen. Die sind äußerst zweifelhaft. Wer für eine Zweitmeinung zu uns kommt, wird intensiv betreut. Patienten werden jeweils mindestens eine Stunde von einem ärztlichen Schmerztherapeuten, einer Schmerzpsychotherapeutin und einem Physiotherapeuten untersucht und befragt. Dieses Team setzt sich anschließend zusammen und überlegt eine sinnvole Therapie.
Psychosoziale Belastungsfaktoren wie zum Beispiel Unzufriedenheit am Arbeitsplatz sind die weitaus größte Ursache für das Auftreten von chronischen Rückenschmerzen. Das "Problem wegoperieren" ist wenig hilfreich, denn damit wird nicht die Gesamsituation des Patienten erfasst. Schmerzen überdauern deshalb oft oder kehren schnell wieder.
Schmerztherapeut Hubertus Kayser
Rückenschmerzen häufig falsch behandelt , [4:11]
Ein Beitrag von buten un binnen-Reporter Volker Ide
Zu viele Rückenoperationen, [3:19]
Ein Beitrag von Bremen-Eins-Reporterin Katrin Martens
Raucher haben ein höheres Risiko für Rückenschmerzen
10 Fakten zu Rückenschmerzen
Volkskrankheit Rückenleiden
Die gebeugte Gesellschaft
Rücken-Operationen häufig überflüssig
Versteifung einer Bandscheibe nicht immer notwendig
Bremer Integrierte Rückentherapie
Berufsverband der Schmerztherapeuten
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