Alltag in der Pflege
Die Bilder einer Pflegerin, die eine alte Dame in einem Seniorenheim misshandelte, schreckten Angehörige und Politiker in Bremen auf. Die Frage "Wie kann das passieren" stand und steht im Raum. Der Alltag von Pflegekräften – schlecht bezahlt und wenig respektiert – ist jedoch den wenigsten von uns bekannt. Wir haben Pflegerinnen bei ihrer Arbeit begleitet.
Video: Reportage aus dem Heim
Einstellungen, Infos und Kommentare
Station 3 im Heinrich-Albertz-Haus der Awo. 35 Menschen wohnen im dritten Stock des Altenpflegeheimes, die Hälfte ist dement. Sie sind in unterschiedliche Pflegestufen eingeteilt.
"Manchmal ist richtig gute Stimmung hier, aber heute... ich weiß auch nicht", sagt eine Bewohnerin fast entschuldigend. Es sind alles Individualisten, die hier wohnen. Menschen mit einem Leben vor dem Heim und mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Manche Bewohner brauchen vor allem viel Zuwendung, andere brauchen viel praktische Unterstützung.
Die Pflegekräfte arbeiten im Schichtdienst für so wenig Geld, dass viele von ihnen noch einen Zweit-Job brauchen. Angelika Glander ist Pflegehelferin, Nadine Kedeinis ausgebildete Altenpflegerin.
Zu zweit heben sie Emmy Beer, die sich nach einem Schlaganfall nicht mehr allein bewegen kann, in einen Rollstuhl. Ihr Job sei oft anstrengend und sie vermissen manchmal den Respekt für ihre Arbeit, sagen sie. "Wenn man gefragt wird 'Was machst Du beruflich?', dann heißt es hinterher 'Um Gottes Willen, Altenpflegerin! Nur Hintern abwischen'.", sagt Angelika Glander.
"Die Leute sehen gar nicht, dass es um den Menschen geht und dass viel mehr hinter der Arbeit steckt". Das ärgert sie – und viel Kolleginnen auch.
Ihr macht der Beruf sehr viel Freude, denn es sei ja nicht nur das Waschen, was sie mache. Auch die zwischenmenschliche, soziale Komponente ist ihr wichtig: "Wir unterhalten uns viel mit den Bewohnern, die erzählen uns ihre Geschichte – ich meine: Die vertrauen uns ihr Leben an". Was fehlt in dem Job, ist nicht schwer zu beantworten: Zeit. Die Altenpflegerinnen wünschen sich, über die reine Hilfestellung hinaus mehr Zeit für Zuwendung und Austausch zu haben.
Annegret Frank ist Betreuungs-Assistentin für Demenzkranke. Hildegard Ahrens hat heute keine Lust aufzustehen, ihr Kopf tut ihr weh. Annegret Frank spricht ihr Mut zu: "Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus", sagt sie. Das ist kein Kunststück, aber es hilft. Frank ist für die 84-Jährige keine Betreuerin, sondern eine Freundin. Sie kommt, wenn sie Zeit hat – und das genügt.
Die Pflegerinnen und Betreuerinnen gehen Beziehungen mit den Heimbewohnern ein. Es ist manchmal ein schmaler Grat auf dem sie sich bewegen zwischen Nähe und Abgrenzung, zwischen Offenheit und Grenzüberschreitung.
Als die gewalttätigen Übergriffe einer Kollegin aus einem anderen Bremer Heim durch die Medien gingen, hat das auch hier Diskussionen ausgelöst. "Überall da, wo Beziehungen statt finden, hat eine Gewaltdiskussion ihren Platz", sagt Heimleiter Uwe Duprée. "Ich kann die Kollegen nur ermutigen, aus Situationen, die man meint, nicht mehr bewältigen zu können, heraus zu gehen. Das ist unsere Professionalität dabei".
Auch Betreuungs-Assistentin Annegret Frank kennt das: "Ich sage dann 'Tut mir leid, ich kann nicht, ich muss nach Hause gehen – oder ich muss Pause machen', ich nehme mich zurück und lasse andere mal was tun", sagt sie. Eine in Vollzeit tätige Pflegerin kann das natürlich nicht. Dennoch wirbt der Heimleiter um Verständnis dafür, dass manchmal in Beziehungen Aggressionen entstehen:
"In der Berichterstattung ging es um die Gewalt einer Pflegerin gegen eine Bewohnerin. Aber fragen Sie mal die Pflegekräfte, wie oft sie gebissen, gekratzt, geschlagen, geschubst werden. Das gibt es und damit umzugehen ist auch ein Teil unseres Berufes".
Eine Bewohnerin will heute partout nicht essen. Pflegedienstleiterin Sabine Röhr redet mit Engels-Zungen auf sie ein, versucht, sie zu füttern, bietet ihr das Besteck selber an – nichts hilft.
Die alte Dame spricht so undeutlich, dass nicht zu verstehen ist, warum sie nicht essen möchte oder was ihr vielleicht nicht gefällt. "Es gibt Tage, an denen ist es wirklich hektisch. Dann sind die Bewohner auch unruhig. Und wenn dann viel Arbeit ist und man schafft nicht alles, geht man manchmal mit einem schlechten Gewissen nach Hause und denkt 'Vielleicht hätte ich mehr tun können' ", erzählt sie.
Und der Druck auf die Pflegerinnen nimmt ständig zu, auch, weil sie immer mehr Papierkram erledigen müssen. Und ihr Arbeit muss sich rechnen, doch gute Pflege ist teuer. Dennoch würde Angelika Glander ihren Beruf weiter empfehlen, vor allem jüngeren Menschen, denn "mich macht es eigentlich immer glücklich", sagt sie.
Die Zukunft für die Pflegebedürftigen sieht allerdings nicht so rosig aus. Denn schon jetzt fehlen die Fachkräfte. In diesem Heim in der Vahr hat schon seit Monaten keine qualifizierte Bewerbung mehr auf dem Tisch gelegen.
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