Abgründe
Das Böse fasziniert die Menschen seit jeher meist mehr als das Gute. Künstler, Literaten, Philosophen, Hirnforscher oder Theologen – sie alle beschäftigen sich seit langem mit den Abgründen des Menschen, suchen nach Ausdrucksformen oder Erklärungen. Denn das Böse scheint überall zu lauern. Politiker machen bei ihren Feinden die "Achsen des Bösen und der Schurken" aus. In den dunklen Ecken der Großstädte verbreitet die Furcht vor dem Bösen Angst und Schrecken. Die täglichen Krimis in den Vorabend- und Abend-Programmen des Fernsehens schüren diese Vorstellungen noch und ziehen viele Menschen in ihren Bann. Doch was ist eigentlich "Das Böse"? Wie ist es zu erklären? Und gibt es das Böse tatsächlich als fassbare Größe?
Das Böse im World Wide Web (von Grit Thümmel), [3:29]
Gewalttätiges Verhalten hat vielfältige Ursachen. Vor allem jedoch sind drei Faktoren maßgeblich: Eine bestimmte genetische Veranlagung, negative Bindungserfahrungen im Säuglingsalter und negative Erfahrungen wie beispielsweise körperliche Misshandlungen oder sexueller Missbrauch im Kindesalter. Eine genetische Disposition ist demzufolge niemals allein für ein gewalttätiges Verhalten verantwortlich, sagt der Hirnforscher Gerhard Roth. Umwelt und Sozialisation spielen eine entscheidende Rolle.
Der Hirnforscher Gerhard Roth über die Entstehung des Bösen, [5:19]
"Es gibt Menschen, die haben keine Bremse im Kopf", sagt Tatort-Schauspieler und Gefängnisarzt Joe Bausch. Täglich behandelt er Gefängnisinsassen und hat dabei festgestellt, dass viele Menschen, die anderen Gewalt antun, auch den eigenen Körper großen Risiken aussetzen. Andere wiederum, die an einer narzistischen Störung leiden, sind einerseits hochsensibel für sich selbst, andererseits jedoch töten sie Menschen ohne mit der Wimper zu zucken. Um mit Gewalttätern angemessen umgehen zu können, seien deshalb im Gefängnis feine Diagnosen und Therapien unbedingt notwendig, so Joe Bausch im Gespräch mit Thorsten Jantschek.
Thorsten Jantschek zu Besuch beim Gefängnisarzt Joe Bausch, [12:49]
Die Literatur spiegelt die Veränderung in der Defintion des Bösen, so der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt
Mit der Entstehung des Christentums wurde das Böse als Erbschuld des Menschen definiert. Ob Teufel, Hölle oder die Vertreibung aus dem Paradies: Für das Böse gab es klare Ausdrucksformen, um es in Kunst und Literatur sichtbar zu machen. Doch mit der Epoche der Aufklärung begann der Abschied von der Personifizierung des Bösen: Es wurde versucht, das Böse mit Hilfe der Vernunft zu erklären. So entstand eine Psychologie des Bösen. Doch mit Aufkommen des Nationalsozialismus änderte sich auch dieses Erklärungsmodell. Im Gespräch erklärt der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt Hintergründe.
Thorsten Jantschek im Gespräch mit Peter-André Alt, [17:48]
Buchtipp:
Alt, Peter André: Die Ästhetik des Bösen, C. H. Beck 2011, 710 Seiten, 35 Euro
In die Hölle kommen nach christlichem und islamischem Glauben die Menschen nach dem Tod, wenn sie zu Lebzeiten Schlechtes getan haben. An diesem feurigen Ort verbrennen die Menschen nicht, sondern sind der schmerzlichen Tortur für immer ausgesetzt. Genauere Hintergründe erklärt Christoph Auffarth, Religionswissenschaftler an der Universität Bremen:
Das Böse ist eigentlich ein seltenes Phänomen, behauptet der englische Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Terry Eagleton in seinem aktuellen Buch "Das Böse". Es sei eine Art Defekt, eine Unfähigkeit richtig zu leben. Zudem sei es das Gegenteil von Tugend oder Güte. Doch um das Böse tatsächlich verstehen zu können, müsse man sich darauf einlassen, nach dessen Wurzeln forschen. "Das Böse" ist ein fulminantes Plädoyer, aber nicht ganz frei von Widersprüchen, meint Rezensent Thomas Kleinspehn.
Buchtipp: "Das Böse" von Terry Eagleton (von Thomas Kleinspehn), [21:56]
Buchtipp: "Das Böse" von Terry Eagleton (Manuskript) [PDF, 75 Kb]
Siegmund Freud attestierte dem Menschen einen natürlich innewohnenden Aggressionstrieb und Albert Einstein sah es als naturgemäß an, dass Menschen Kriege führen. Doch Joachim Bauer, Universitätsprofessor für Medizin an der Universität Freiburg, widerspricht: Aggression aus purer Lust gebe es bei psychisch gesunden Menschen nicht. Vielmehr seien es soziale Ausgrenzung und Schmerzerfahrung, die einen Menschen gewalttätig werden ließen. In seinem aktuellen Buch "Schmerzgrenze" begründet er seine Thesen mit einer Fülle empirischen Materials, vor allem aus der neurobiologischen Forschung.
Buchtipp: "Schmerzgrenze " von Joachim Bauer (von Torsten Tullius), [3:36]
Buchtipp: "Schmerzgrenze" von Joachim Bauer (Manuskript) [PDF, 21 Kb]
Im Pariser Salon des Barons d'Holbach trafen sich im 18. Jahrhundert regelmäßig die Philosophen Denis Diderot, David Hume, Laurence Sterne, Jean-Jacques Rousseau und viele andere Denker der Aufklärung. Sie stritten um eine zeitgemäße Philosophie, die die Religion hinter sich lässt und allein auf die Kraft des Verstandes setzt. Viele ihrer christlichen Zeitgenossen hätten sie damals am liebsten auf dem Scheiterhaufen gesehen. Denn die Philosophen vertraten die Meinung, dass es keinen Sinn machen würde, das Leben auf das Jenseits auszurichten.
Thorsten Jantschek im Gespräch mit Philipp Blom, [18:02]
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