Gerichtsmedizin
Den Job eines Gerichtsmediziners kennen die Zuschauer aus dem Fernsehen. Doch mit der Realität hat das wenig zu tun. Was leisten Gerichtsmediziner bei der Aufklärung von Verbrechen? Wie helfen sie bei der Feststellung der Identität toter Menschen? Radio Bremen sprach darüber mit Michael Klintschar, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Hannover.
Michael Klintschar ist seit 2010 Leiter des Instituts in Hannover.
Radio Bremen: Herr Klintschar, als Gerichtmediziner helfen Sie Ermittlern bei der Arbeit. Nach dem Fund von drei Leichen in Bremen mussten Rechtsmediziner feststellen, ob es sich um ein Verbrechen handeln könnte. Wie gehen Sie dabei vor?
Michael Klintschar: Bei Brandopfern ist das schwieriger, so etwas kommt zwar häufig vor, macht aber einen Befund schwerer. Wenn das Gewebe am Hals nicht mehr erkennbar ist, kann man etwa nicht ausschließen, dass die Person erwürgt wurde. Also ist es bei einem Brandopfer immer wichtig zu wissen, hat die Person noch gelebt. Oder war sie schon tot und der Brand diente nur der Verwischung von Spuren? Das ist ja nicht unüblich.
Instituts für Rechtsmedizin
Seit 2010 ist Michael Klintschar Leiter des Instituts für Rechtsmedizin in Hannover. Neben der Forschung kümmert sich das Institut auch um praktische Aufgaben für die Rechtspflege. Das Zuständigkeitsgebiet reicht von Osnabrück bis Lüneburg.
Radio Bremen: Wie können Sie das feststellen?
Michael Klintschar: Zuerst wird eine Röntgenuntersuchung gemacht. So können wir zum Beispiel Knochenbrüche feststellen oder schauen, ob ein Projektil zu sehen ist und die Person getötet wurde. Danach schauen wir, ob Ruß eingeatmet wurde, denn das lässt darauf schließen, dass die Person tatsächlich noch gelebt hat. Auch eine Blutuntersuchung gibt Aufschluss darüber, ob das Herz-Kreislaufsystem noch intakt war.
Radio Bremen: Was kann die Rechtsmedizin leisten, wenn unklar ist, wer der Tote ist?
Michael Klintschar: Wenn es um die Identifizierung geht, wird eine Obduktion durchgeführt. Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Klassisch versucht man zu beschreiben, welche Eigenschaften die Person hatte. Zum Beispiel kann man über die Abnutzung der Wirbelsäule feststellen, ob eine Person alt oder jung war. Auch die Zähne sind ein wichtiges Merkmal. Außerdem kann man DNA sichern und mit der von Verwandten abgleichen.
Radio Bremen: Stoßen Sie bei dieser Arbeit auch mal an Ihre Grenzen?
Michael Klintschar: Natürlich gibt es auch Geschichten, die einem nahe gehen, wenn es sich um Kinder handelt oder ein besonders brutales Verbrechen. Und natürlich, wenn man den Beruf beginnt und die erste Leiche sieht, ist das auch schockierend. Aber man arrangiert sich damit.
Radio Bremen: Warum wählt man diesen Beruf – als ausgebildeter Arzt, der ja eigentlich Leben retten soll? Jetzt haben Sie es mit Leichen zu tun.
Michael Klintschar: Ich habe ja früher auch als Arzt gearbeitet. Aber wenn man da einen Patienten hat, der schwer krank ist und dem es jeden Tag schlechter geht, das finde ich noch viel schlimmer zu ertragen. Außerdem brauchen wir die Spezialisierung der Gerichtsmediziner. Die Arbeit ist sehr wichtig, und es gibt in Deutschland nicht so viele auf diesem Gebiet.
Radio Bremen: Sie machen den Job, den wir aus dem Tatort etwa als Professor Karl-Friedrich Boerne (gespielt von Jan Josef Liefers) kennen. Ähnelt das ihrem Arbeitsalltag?
Michael Klintschar: Nein, mit dem Professor Boerne hat meine Arbeit gar nichts zu tun. Das wäre so als würde man die Schwarzwaldklinik oder Emergency Room mit der Arbeit eines Chirurgen vergleichen. Nein, das ist ein sehr verklärtes Bild.
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