Gesundheitsversorgung
Das Gesundheitswesen wird immer stärker durchorganisiert: Es gibt pauschale Behandlungszeiten und feststehende Budgets für Medikamente. Ausnahmen finden in diesen standardisierten Diagnose- und Behandlungsfenstern immer weniger Platz. Ein Beispiel: Menschen mit geistigen Behinderungen. Sie werden nicht selten auf Kinderstationen versorgt, häufig fixiert oder mit Medikamenten ruhig gestellt, weil es an Ärzten und Pflegepersonal fehlt, an medizinischer Ausbildung – und weil ein geistig behinderter Mensch eben auch teurer ist bei seiner medizinischen Behandlung, als ein ganz normaler Null-Acht-Fünfzehn-Patient.
Medizinische Versorgung behinderter Menschen, [3:46]
Jens Schellhass hat der Gesundheitsversorgung für Menschen mit geistiger Behinderung auf den Zahn gefühlt.
Julian ist 28 und geistig behindert. Seine Arme sind dünn, seine Finger zierlich. Von Geburt an wollten seine Knorpel nicht mitwachsen. Ihm fehlen die Kniescheiben, die Bandscheiben sind viel zu klein, ebenso die Rippen. Während seiner Geburt kollabierten die Lungen. Der Sauerstoffmangel schädigte sein Gehirn. Die ersten dreieinhalb Jahre seines Lebens verbrachte Julian auf der Intensivstation der Bremer Kinderklinik.
Video: Gesundheitsversorgung mangelhaft
Einstellungen, Infos und Kommentare
Seit 25 Jahren lebt Julian bei seinen Pflegeltern Cornelia Paternoster und Jochen Rahner. Vor zwei Jahren kam es zur bisher letzten von zahllosen großen Krisen – eine lebensbedrohliche Lungenentzündung. Zur Angst um Julians Gesundheitszustand kommt die ständige Überforderung durch die intensive Betreuung, die Julian benötigt, die Angst etwas falsch zu machen und die viele Arbeit.
Und dann die Kämpfe mit der Krankenkasse, wegen Pflegepersonal, Zuzahlungen für Medikamente und den Rollstuhl – alles zusätzlich zum Arbeitsalltag, in dem der Lebensunterhalt verdient werden muss. Und einen praktischen Arzt zu finden, der einen geistig behinderten Menschen medizinisch unter die Lupe nimmt, sei ohne persönliche Kontakte äußerst schwierig, so die Pflegeeltern.
Das Problem mit der mangelhaften Gesundheitsversorgung von geistig behinderten Menschen ist nicht neu. Vor zwei Jahren war es bereits Hauptthema auf dem Ärztetag, aber bislang habe es keine Fortschritte gegeben, sagt Bremens Vizepräsidentin der Ärztekammer, Heidrun Gitter. Und die Gründe seien vielfältig: zu wenig Spezialisten, zu wenig Pflegepersonal und keine Anlaufstellen für Menschen mit geistiger Behinderung, meint auch Hermann Jungnickel, stellvertretender Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Ärzte für Menschen mit Behinderung.
Deshalb fordert Jungnickel – und nicht zuletzt auch die Ärztekammer – ein ambulantes Ärztezentrum für Menschen mit geistiger Behinderung. Aber wer soll das bezahlen? Die Krankenkassen müssten natürlich einspringen und damit der Beitragszahler. Die Bremer Handelskrankenkasse und die AOK waren zu einer Stellungnahme nicht bereit, dafür aber die Kassenärztliche Vereinigung. Von hier heißt es, die geistig Behinderten brauchen eine Lobby, sprich Ärzte und Behindertenverbände die endlich Druck machen. Schließlich sei auch nur so die erste barrierefreie gynäkologische Praxis für Frauen mit körperlicher Behinderung im Bremer Zentralkrankenhaus entstanden, die am 7. Oktober 2011 eröffnet wird.
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