Bremen-Blumenthal
Einbruch-Kriminalität und straffällige Jugend-Cliquen: Das sind zwei akute Probleme in Bremen-Blumenthal. Davon abgesehen wird der Stadtteil oft übertrieben negativ in den Medien dargestellt, meinen einige Einheimische. Andere sagen offen: Sie sehen schwarz für ihre Nachbarschaft und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Zu diesem zweigeteilten Ergebnis führte die Live-Diskussion von "Nordwestradio unterwegs".
Bis vor Kurzem gab es in Bremen-Blumenthal noch ein Bürger-Service-Center, sagt Ortsamtsleiter Peter Nowack (SPD). Aus seiner Sicht ist das Aus der Einrichtung ein Schlag ins Gesicht des gebeutelten Stadtteils: "Dadurch, dass es hier keinen Kundenverkehr mehr gibt, bricht dem Fotografen auf der anderen Straßenseite die Hälfte seines Umsatzes weg, den er mit biometrischen Passbildern gemacht hat." Er überlege deshalb, seinen Laden zu schließen.
Das Hotel, in dem die Live-Diskussion geführt wurde, bietet inzwischen keinen Mittagstisch mehr an. Eine direkte Auswirkung der politischen Entscheidung, ist der Ortsamtsleiter überzeugt. "Diejenigen, die die Entscheidung treffen, merken die Konsequenzen in der Regel nicht. Aber sie sind für die Leute hier in Blumenthal katastrophal", sagt Nowack. Denn es entstehe der Eindruck, dass die Stadt Bremen als verantwortliche Organisation sich aus dem "Problem-Stadtteil" Blumenthal zurückziehe.
"Die Politik hat den Stadtteil nicht vergessen", versichert Klaus Möhle, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion.
Er spricht davon, den Ortskern mit den vielen Leerständen möglichst bald zu einem sogenannten "Win"-Gebiet zu machen. Das steht für "Wohnen in Nachbarschaft" und bedeutet Geld aus europäischen Fördertöpfen. Damit würde auch ein hauptamtlicher Stadtteilmanager nach Blumenthal kommen.
Auch Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) bittet um weniger Aufregung in der Diskussion über den Zustand des Stadtteils:
"Ich bin der Auffassung, dass ich hier nicht im Palermo des Nordens angekommen bin", so Mäurer. Er habe sich die Entwicklung der vergangenen zehn Monate im Bereich Blumenthal angesehen und "festzuhalten ist, dass die Kriminalität insgesamt rückläufig ist".
Die Zuhörer der Live-Sendung aus dem "Hotel Union" in Bremen-Blumenthal machten an dieser Stelle ihrer Ungläubigkeit und ihrem Ärger lautstark Luft. Nordwestradio-Moderator Hans-Heinrich Obuch musste das Publikum bitten, den Senator ausreden zu lassen. Der fügte hinzu: "Ich habe hier die Zahlen. Zum Beispiel: Taschenraub. Da ist die Zahl von zwei auf einem Fall rückläufig."
Auch im Bereich der gefährlichen Körperverletzung habe man hier das niedrigste Ergebnis seit Jahren erreicht, versichert Mäurer. Die Zahl der Wohnungseinbrüche dagegen hat im Jahr 2012 – verglichen mit dem Jahr 2011 – stark zugenommen. Wobei sie in den vergangenen Wochen, nach einigen Festnahmen, rückläufig war, das bestätigen der Innensenator und die Polizei.
Ein großer Streitpunkt in der Live-Diskussion ist das Miteinander beziehungsweise Gegeneinander unterschiedlicher Volksgruppen. In Bezug auf die Wohnstruktur in Bremen-Blumenthal müssten Fehler aus der Vergangenheit korrigiert werden, sagt der Politologe Stefan Luft: "Es ist aus meiner Sicht der richtige Weg, diese Gruppen in der Stadt zu verteilen und nicht in einzelnen Wohnblöcken 100, 200, 300 Personen einzelner ethnischer Gruppen zusammenzuführen."
Die Stimmung im Publikum der Sendung war aufgeheizt. Kaum lief die Musik zwischen den einzelnen Gesprächsrunden, begannen die Zuhörer lebhaft zu diskutieren: "Die wollen ihre Kinder doch gar nicht in die Schule schicken", kommentierte einer der Gäste das Verhalten seiner vermeintlich "asozialen" Nachbarn. "Wir brauchen mehr Arbeitsplätze", hielt ein anderer für die einzig richtige Lösung der Probleme in Blumenthal. Von einem rechtsfreien Raum in Blumenthal könne aber keine Rede sein, erklärt der Leiter der Schutzpolizei, Rainer Zottmann.
Es gebe in der Bevölkerung schlichtweg unterschiedliche Wahrnehmungen, denn es existiere eine objektive und eine subjektive Lage im Stadtteil: "Für die objektive Lage stelle ich erstmal fest: Wir haben keine Banden, die hier marodierend durch die Gegend ziehen. Wir haben Jugend-Cliquen, die Straftaten begehen. Das haben wir aber anderswo auch, aber hier gibt es eine besondere Ausprägung", so Rainer Zottmann. Ein Teil der Verdächtigen sei der Polizei bekannt und sie versuche, "entsprechende Maßnahmen zielorientiert durchzuführen". Aber am Ende könne die Polizei das Feuer nur austreten. "Dann müssen andere dafür sorgen, dass da wieder etwas wächst", betonte Zottmann.
Dafür müsse ein neues Miteinander geprägt werden. Durch mehr Bildung und interkulturellen Austausch. "Wir haben nichts gegen Ausländer", beteuert eine Zuhörerin, schließlich sei man mit Italienern, Spaniern und Portugiesen seinerzeit auch gut klar gekommen. Um die Zukunft zu gestalten, müssten alle mit anfassen, so Ortsamtsleiter Peter Nowack, und sich gegenseitig respektieren:
"Wenn ein Zwölfjähriger Junge mit arabischem Hintergrund zu einer 75-jährigen deutschen Frau sagt, 'Was willst du doofe deutsche Schlampe hier', gibt es ein Problem. In diesem Stadtteil und in allen anderen Stadtteilen auch." Er appellierte an die Zuhörer – egal, mit welchem nationalen Hintergrund – die Grundwerte wie Respekt und Toleranz zu beherzigen. "Dann haben wir hier keine Sorgen mehr", ist er überzeugt.
Die ganze Live-Diskussion in "Nordwestradio unterwegs", [42:41]
Rechtsfreier Raum? Eine Reportage aus Bremen-Blumenthal , [2:43]
Nordwestradio unterwegs: Brennpunkt Blumenthal
Interview mit Peter Nowack, [7:32]
Der Brennpunkt Blumenthal, [7:32]
Die "Blumenthaler Erklärung" des ehemaligen Blumenthaler Pastoren Ernst Uhl [PDF, 32 Kb]
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