Von der Hand in den Mund
Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) und Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) wollen der angeschlagenen Jacobs University in Bremen-Nord (JUB) auch weiterhin helfen. Das teilten sie am 23. Oktober 2012 nach gemeinsamen Gesprächen mit Vertretern der privaten Uni mit. Bis 2018 stellen sie der Bildungseinrichtung jährlich rund drei Millionen Euro in Aussicht aber nur, wenn die Uni im Gegenzug die Forderungen der Politik erfüllt. Warum die JUB nicht schon längst ohne Subventionen auskommt, zeigt ein Blick in die Finanzen.
Video: Bremen will Jacobs University unterstützen
Einstellungen, Infos und Kommentare
Nun scheint sich zu bewahrheiten, was Kritiker der Uni schon vor deren Gründung befürchtet haben: Dass das Konzept einer rein privat finanzierten Universität zwar in Ländern wie den Vereinigten Staaten funktioniert, in Deutschland aber nicht. Denn einerseits haben die diversen Uni-Leitungen immer wieder betont, nach der Anschubfinanzierung durch den Senat von immerhin stattlichen 110 Millionen Euro nunmehr ganz und gar ohne öffentliche Mittel auskommen zu können. Doch tatsächlich soll der Senat nun nicht zum ersten Mal einspringen, weil das Geld nicht reicht.
Im Jahr 2003 hat Bremen der JUB bereits eine Bürgschaft von 50 Millionen Euro für einen Kredit gewährt, der bis heute noch nicht zurückgezahlt ist. Im schlimmsten Fall muss Bremen dafür bezahlen. Zudem gab Bremen von 2007 bis 2011 je fünf Millionen Euro jährlich an die Privat-Uni. Dieser staatliche Zuschuss in Höhe von insgesamt 25 Millionen Euro war eine Bedingung dafür, dass die Jacobs-Stiftung Ende 2006 eine 200-Millionen-Euro-Spende zusicherte.
Auch im Jahr 2006 war die Uni in größere finanzielle Turbulenzen geraten. Dasselbe wiederholt sich jetzt. Damals hatte der neue Uni-Präsident Joachim Treusch noch Optimismus verbreitet. In einem Interview mit der Wochenzeitschrift "Die Zeit" hatte er über seine vor ihm liegende Amtszeit behauptet: "Die fünf Jahre sind der proof of existence (Anmerkung Radio Bremen: Beweis, dass es klappt...), und ich bin sehr optimistisch, dass es in fünf Jahren keine Diskussion mehr darüber geben wird, ob die IUB weiterbesteht oder nicht. … Zehn Jahre nach der Gründung müssen wir eine positive Antwort gefunden haben."
Gut zehn Jahre sind nun seit der Gründung der Uni vergangen, und derselbe Joachim Treusch ist nun auf Betteltour beim Senat. Dabei hatten die politisch Verantwortlichen den Versprechungen, dass die die private Finanzierung der Uni zu erreichen sei, gerne geglaubt. "Die Senatsvertreter haben die IUB-Mitglieder des Begleitausschusses (Anmerkung Radio Bremen: ein gemeinsames Gremium aus Senat und Uni) darauf hingewiesen, dass das Land Bremen seinen Beitrag zum Aufbau der IUB voll und ganz geleistet hat." - so heißt es in einem Bericht des Wissenschaftssenators an die Fachabgeordneten aus dem Juni 2006. Die Wirklichkeit 2012 sieht allerdings ganz anders aus.
Uni-Leitung und Senat verweigern zur aktuellen Lage der Uni zwar jegliches Gespräch. Doch ein Geheimnis können die Finanzen der JUB sowieso nicht lange bleiben. Jedes Jahr muss die gemeinnützige Jacobs University gGmbH ihren Jahresabschluss im Bundesanzeiger veröffentlichen. Den können alle Bürger einsehen:
Jahresabschluss zum Geschäftsjahr 2010 der Jacobs University Bremen gGmbH [PDF, 161 Kb]
Die Zahlen für das Geschäftsjahr 2011 liegen noch nicht vor. Die zuletzt veröffentlichten offiziellen Zahlen stammen aus dem Jahr 2010.
Die Finanzen der Uni stehen auf fünf Säulen:
Mit dem Anlagekapital von 53 Millionen Euro hat die Uni im Jahr 2010 Zinsen in Höhe von zwei Millionen Euro erlöst. Zur Gründung der Uni war allerdings geplant, dass der Kapitalstock innerhalb weniger Jahre auf 250 Millionen Euro anschwellen sollte und mindestens die Hälfte der laufenden Uni-Kosten über die Kapitalerlöse gedeckt werden können. Davon ist die JUB, wie man sieht, weit entfernt. Ende 2007 stand der Kapitalstock noch bei knapp 76 Millionen Euro. 2008 lag er nur noch bei 53 Millionen. Um die 23 Millionen Euro flossen in das laufende Geschäft. Für die Zukunft der Uni ist das eine schwere Bürde. Je geringer der Kapitalstock, desto geringer die zu erwartenden Zinsen, desto geringer der Anteil an der Finanzierung der laufenden Kosten der Zukunft. Dies ist umso dramatischer, als dass die Jacobs-Stiftung im Jahr 2006 eine gewaltige Spende von 200 Millionen Euro an die Uni beschlossen hat. Der Löwenanteil der bisher geflossenen Mittel ist allerdings nicht dem Kapitalstock zugeführt worden, sondern wurde im Tagesgeschäft benötigt und verbraucht.
Aus den Studiengebühren bekommt die Uni nur rund sieben Millionen Euro. Genauso viel wie im Vorjahr. Seit langer Zeit will die JUB diese Einnahmen steigern. Das geht aber nur, wenn mehr Studenten die vollen Studiengebühren in Höhe von 18.000 Euro zahlen. Das ist bislang nicht hinreichend geschehen. Die Hälfte der Einnahmen aus Studiengebühren von 14 Millionen Euro muss also für Stipendien ausgegeben werden. Mit anderen Worten: Die Erlösquote liegt bei 50 Prozent. Als im November 2006 die Jacobs Foundation die Unterstützung der Uni mit insgesamt 200 Millionen Euro angekündigt hat, war eine der Forderungen der Stiftung, dass 2010 die Erlösquote bei mindestens 60 Prozent liegen soll. Auch dieses Ziel hat die Uni weit verfehlt.
2010 bekam die JUB 9,7 Millionen Euro Spenden. Darin enthalten ist allerdings ein Baukostenzuschuss des Senats von fünf Millionen Euro. Damit reduziert sich das privat erlöste Spendenaufkommen auf 4,7 Millionen Euro.
In der Beschaffung von Forschungsmitteln war die JUB im Jahr 2010 sehr erfolgreich. Das Volumen konnte von 62 Millionen auf 72 Millionen gesteigert werden.
Die Jacobs Foundation hat auch im Jahr 2010 verabredungsgemäß 15 Millionen Euro an die Uni überwiesen. Zu wenig, um den Kapitalstock zu erhöhen und damit in die Zukunft zu investieren -sogar schon zu wenig, um das laufende Defizit der Uni zu decken. Deshalb hat die Stiftung ihre Zuwendungen um "eine zusätzliche liquiditätssichernde Zahlung von insgesamt zehn Millionen Euro" erhöht. Mit anderen Worten: Wenn die Jacobs-Stiftung nicht mit einer zusätzlichen Zahlung eingesprungen wäre, wäre die Uni zahlungsunfähig gewesen. Bereits 2009 hatte die Stiftung ihre Zahlungen sogar auf 30 Millionen Euro verdoppelt.
Die regulären Einnahmen reichen allerdings bei Weitem nicht aus, die laufenden Kosten der Uni zu decken. Zwar hat die Uni ihr jährliches Defizit um vier Millionen Euro verringern können, doch unterm Strich bleibt trotzdem ein stattliches Minus von 20,4 Millionen Euro. In den fünf Jahren von 2006 bis 2010 sind Verluste von insgesamt 105 Millionen Euro angefallen.
Der Umgang der Uni mit dieser bedrohlichen Finanzlage liest sich wie alle Äußerungen der verschiedenen Uni-Leitungen seit der Gründung: Die Einnahmen sollen verbessert werden. Die Uni will mehr Forschungsmittel einwerben, bei den Studiengebühren die Vollzahlerquote erhöhen, mehr Studenten an die Uni holen und weitere nachhaltige Spenden beschaffen. Von "Einsparpotenzial" ist eher unkonkret die Rede. Bemerkenswert ist, dass die Uni trotz ihrer prekären finanziellen Lage im Jahr 2010 den Personalstamm deutlich aufgestockt hat. Drei zusätzliche Professoren und 27 zusätzliche wissenschaftliche Mitarbeiter wurden eingestellt.
Auch nach beinahe zehn Jahren Bemühungen hat es die Uni nicht geschafft, die laufenden Kosten durch die laufenden Einnahmen zu decken. Das Defizit ist erheblich. Selbst inklusive der Spenden durch die Jacobs-Stiftung hat es die Uni nicht geschafft, einen Kapitalstock aufzubauen, der nennenswerte Erträge zur Deckung der laufenden Kosten abwirft. Die Großspende der Jacobs-Stiftung wird dagegen dringend für die Finanzierung des laufenden Uni-Betriebs gebraucht. Man könnte auch folgendes Bild bemühen: Die Uni verhält sich wie ein Bauer, der das Saatgut verfüttert.
Diskussion um weitere Finanzhilfen
Pro und Kontra der Parteien
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Interview mit Hochschulexpertin Claudia Frank
Soll Bremen die Jacobs University unterstützen?
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