Ehrung im Rathaus
Ludwig Baumann, Jahrgang 1921, war zum Tode verurteilter Deserteur, überlebte KZ und Strafbataillon, und erlebte dann die tiefe Verachtung für Deserteure im Nachkriegsdeutschland. Dann fand er den Weg zur Friedensbewegung und wurde zum bundesweit bekannten und geachteten Kämpfer für die Rehabilitierung von Deserteuren und sogenannten Kriegsverrätern. Schließlich mit Erfolg.
Portrait: Ludwig Baumann, [3:47]
Peter Meier-Hüsing hat sich mit Ludwig Baumann getroffen.
Ludwig Baumann neben dem Denkmal "Dem unbekannten Deserteur" im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus inm Bremen-Vegesack.
21 Jahre alt war der Marine-Gefreite Baumann als er im Frühjahr 1942 dem Kriegsirrsinn entgehen wollte und zusammen mit einem Freund aus der französischen Hafenstadt Bordeaux desertierte. Doch sie wurden verhaftet, interniert, gefoltert und schließlich wegen Fahnenflucht im Feld zum Tode verurteilt. Später erfuhr er, daß man ihn zu einer Zuchtshausstrafe begnadigt hatte. Ludwig Baumann überlebte das Moorlager Esterwegen, das Wehrmachtsgefängnis Torgau und schließlich im Strafbataillon 500 die Ostfront – eigentlich ein Todeskommando.
Traumatisiert und gebrochen kehrt er 1945 in den Frieden, nach Deutschland zurück. Das Land zerstört, die Diktatur beendet, die Menschen schwanken zwischen Aufbruch und Orientierungslosigkeit, keine Zeit für die Frage nach eigener Verantwortung für die Katastrophe. Da sind Deserteure wie Ludwig Baumann schnell "Verräter" und "Feiglinge". Baumann landet im Suff und bleibt dort viele Jahre. Erst der Tod seiner Frau bei der Geburt ihres sechsten Kindes bringt ihn zurück ins Leben. Und er findet seine Aufgabe: Kampf für den Frieden, Kampf für Aufhebung der NS-Unrechtsurteile.
Doch der Weg zur Rehabilitierung von Deserteuren und sog Kriegsverrätern ist lang, der politische Widerstand groß. 1998 hob der Bundestag alle Urteile der NS-Militärjustiz auf. 2002 folgte dann die Rehabilitierung von Deserteuren und erst 2009 als letztem Schritt auch die der sog Kriegsverräter. Das waren etwa Menschen, die Juden versteckt oder Kriegsgefangenen geholfen hatten. Ludwig Baumann saß auf der Tribüne des Bundestages und verspürte Genugtuung – 64 Jahre nach Kriegsende. Auch an anderer Stelle engagierte sich Ludwig Baumann für den Frieden, für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Mitte der 90er Jahre führte er etwa Gruppen durch die damals vieldiskutierte Wehrmachtsausstellung.
Heute lebt Ludwig Baumann in einer 3-Zimmer-Wohnung in Bremen-Vegesack. "Noch komme ich gut alleine hier klar", sagt er schmunzelnd. In der Küche hängen Kindergemälde an der Wand. Vier Urenkel hat er, der Familienzusammenhalt ist geblieben. Noch immer besucht er Schulklassen, spricht als Zeitzeuge über Frieden und Gewaltfreiheit. Er wird es sich nicht nehmen lassen, auch heute im Bremer Rathaus trotz aller Ehrungen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zu kritisieren. Wir Deutschen sind mit unserer Vergangenheit zu gewaltfreiem Handeln verpflichtet, sagt er in seiner leisen, eindringlichen Art. Unerschütterlich.
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