Facebook, Google und das Individuum
Jakob Steinschaden: Phänomen Facebook, Ueberreuter, September 2010
Knapp zwei Milliarden Menschen nutzen weltweit das Internet. Hier eine Freundschaft per Mausklick, dort die Zustimmung zu was auch immer mit einem Tastendruck. Unser Alltag ist imprägniert mit virtuellen Weisen der Lebensführung. Und kaum noch jemand kennt sie nicht, die neuen Weisen der Kommunikation in sozialen Netzwerken. Die Flut an Informationen und virtuellen Möglichkeiten macht es nicht immer einfach, sich zu orientieren, geschweige denn, die Kontrolle über sich und seine Daten zu bewahren. Wie organisiert sich eine Gesellschaft unter diesen Bedingungen? Und wie verändern diese Techniken unser Verständnis von Gemeinschaft oder Demokratie?
Bei den Recherchen für die Sendung "Glauben und Wissen" ist deutlich geworden: Es gibt keine eindeutigen Antworten. Denn der Blickwinkel auf das World Wide Web ist je nach Perspektive ein anderer.
Wie kein anderes soziales Netzwerk hat es Facebook geschafft, seit seiner Gründung im Jahr 2004 mehr als 500 Millionen Menschen an sich zu binden. Schon längst hat sich das Online-Netzwerk des 26-jährigen Gründers Mark Zuckerberg zu einem "Internet im Internet" entwickelt: Pro Monat laden die Nutzer 20 Millionen Videos und drei Milliarden Fotos hoch und tauschen 14 Milliarden Informationen aus. Facebook erlaubt jede Form der Online-Kommunikation und ist mittlerweile der größte Konkurrent des Internet-Giganten Google. Beobachter prognostizieren, dass Facebook in absehbarer Zeit den E-Mail-Verkehr ablösen könnte. Doch Achtung! Einen Schutz wie bei gängigen E-Mails gibt es hier nicht. Jakob Steinschaden, Medienredakteur bei der Wiener Tageszeitung "Kurier" und Autor des Buches "Phänomen Facebook" weist darauf hin, dass es wichtig ist, die Nutzungsbedingungen vor Eintritt genau abzuwägen. Wer beispielsweise Photos bei Facebook verbreiten möchte, muss wissen, dass die Urheberrechte zwar bei ihm liegen, Facebook hat jedoch die Erlaubnis, diese Photos überall im Internet abzubilden. Ebenfalls darf Facebook alle Daten an andere Dienstleister weitergeben. Diese Daten werden beispielsweise zu Werbezwecken, Wahlprognosen oder zur Erfassung gesellschaftlicher Stimmungen genutzt.
Buchtipp: Steinschaden, Jakob: Phänomen Facebook. Wie eine Website unser Leben auf den Kopf stellt, Ueberrreuter, 207 Seiten, 19,95 Euro
Folgt man dem Tipp Jakob Steinschadens, so ist es sinnvoll, sich genau zu fragen, warum oder wofür eine Mitgliedschaft auf Facebook sinnvoll ist. Die Autorin Astrid Mayerle hat genau das getan. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die noch nicht Mitglied sind. So hat sie sich in die Welt des World Wide Web begeben und das Für und Wider einer Mitgliedschaft bei Facebook abgeklopft.
Die einen pflegen und intensivieren ihre Freundschaften in sozialen Netzwerken, die anderen nutzen das World Wide Web, um den eigenen Tod vorzubereiten. Denn hier ist es möglich: Ein Leben nach dem Tod. So können sich die Nutzer beispielsweise einen virtuellen Stern kaufen, den sie mit ihren persönlichen Erinnerungen und einem Selbstporträt nach dem Facebook-Prinzip bestücken. Stirbt der "Eigentümer", wird sein Stern für die Öffentlichkeit sichtbar. Doch auch ohne eine persönliche Ruhestätte sind wir im Internet unsterblich: Google speichert jede Suchanfrage, jedes Photo, jede E-Mail. Und bei Facebook bleibt man auch nach seinem Tod erhalten, da niemand die Berechtigung hat, die persönlichen Daten eines Nutzers zu löschen. Darüber ist es schon längst möglich, auf virtuellen Friedhöfen Angehörige zu bestatten oder Prominente wie Loki Schmidt und Christoph Schlingensief zu besuchen. Hier werden Kerzen angezündet oder Blumen gepflanzt.
Nach den Enthüllungen zahlreicher Geheimdokumente des us-amerikanischen Außenministeriums durch die Internetplattform WikiLeaks Ende 2010 hat sich das Verständnis von Demokratie und Journalismus in Gesellschaft und Politik verändert. Neue Gesetze werden diskutiert, wie zum Beispiel in der Europäischen Union zur Vorratsdatenspeicherung oder in den USA zur Nationalen Sicherheit, um so genannten Datenmissbrauch zu verhindern. Doch einfach ist das nicht. Denn wie sollen Menschen daran gehindert werden, Unterlagen oder Daten aus Unternehmen oder Regierungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Die Idee, Netzprovider dazu zu verpflichten, die Wege innerhalb des World Wide Web genau nachvollziehen zu können, ist kein Garant für absolute Sicherheit. Und widerspricht eine absolute Kontrolle des Internets nicht dem Grundgedanken von Demokratie? Lars Reppesgaard, Internetexperte, Medienjournalist und Autor ("Das Google-Imperium") sieht in der Internetplattform Wikileaks ein deutliches Zeichen demokratischer Auseinandersetzung. Er meint, man solle hinterfragen, warum bestimmte Informationen von Unternehmen und Regierungen der Gesellschaft vorenthalten werden. Welche Informationen sollten tatsächlich geheim sein? Und macht es einen großen Unterschied, ob Journalisten Informationen konkret zugespielt bekommen oder im Internet finden?
Ist der Mensch dem World Wide Web hilflos ausgeliefert? Immerhin ist Google die Suchmaschine Nummer eins und weiß viel über seine Nutzer: Über ihre Mails, ihre Krankheiten oder über ihr Sexleben. Es liegt deshalb nahe, Google als "Supermacht" zu bezeichnen. Doch für den Medienwissenschaftler Theo Röhle greift diese Zuschreibung zu kurz.Mit Rückgriff auf die Machttheorie des französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984) beschreibt er ein wechselseitiges Machtverhältnis zwischen Nutzer und System. Denn wer sind die Akteure, die Google für dich nutzen? Die Computer-Freaks oder die Werbetreibenden? Beide halten das System aufrecht. Denn Google gibt Nutzerdaten an Werbetreibende weiter, die dadurch ganz speziell auf die Bedürfnisse ihrer potentiellen Kunden eingehen können. Der Nutzer dagegen hat die Möglichkeit, sich der Datenströme bewusst zu werden und diese durch spezielle Software zu unterbinden.
Jaron Lanier programmierte bereits 1983 eines der ersten Computerspiele. Er gilt als Begründer der Technologie der "virtuellen Realität". Doch inzwischen ist der Autodidakt skeptisch geworden. Durch neue Anwendungen – zum Beispiel durch Facebook – sieht er die Individualität des Einzelnen gefährdet. Denn "wer einen Strom standardisierter Daten über die Gefühlswelt einer Gruppe von Freunden erhält, muss lernen, in den Begriffen dieses Stroms zu denken, damit er überhaupt als lesenswert erscheint", schreibt Janier in seinem neuen Buch "Gadget". Darüber hinaus ist ihm zufolge der ursprünglich wirtschaftliche Gewinn des Computers ausgeblieben: Weder sei es gelungen, durch das Internet genügend Jobs zu schaffen, noch habe sich die Kreativität von Musikern und Journalisten mit Hilfe des World Wide Web gesteigert. Ganz im Gegenteil. Denn wie selbstverständlich stünden kreative Inhalte kostenlos zur Verfügung. Dabei jedoch käme wenig "Neues" zustande. Denn die die Inhalte des Internets speisten sich zu einem großen Teil aus den "alten Medien", die wieder aufbereitet werden: Musik, Filme, Bücher oder journalistische Erzeugnisse. Laniers Worte klingen zunächst wie eine aufrichtige Sorge um den Gebrauchswert der Kreativität. Doch im Laufe der Lektüre wird deutlich, dass es ihm vielmehr um den Tauschwert der Kreativität geht, mit Inhalten vor allem Geld zu verdienen und um die Rolle der USA als Wirtschaftsmacht.
Buchtipp: Jaron Lanier: Gadget. Warum uns die Zukunft noch braucht, Suhrkamp, 247 Seiten, 19,90 Euro
Die geisteswissenschaftliche Forschung und die Textproduktion haben sich durch das Internet maßgeblich verändert. Während man einst zum Brockhaus oder einem anderen Lexikon gegriffen hat, um Wissen zu bekommen, zückt man nun das IPod oder startet den Computer. Doch ist durch das Internet das wissenschaftliche Arbeiten wirklich anders geworden?
Wissenschaft und Internet (ein Beitrag von Thomas Kleinspehn), [15:47]
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