Küstenschiffer
Viele Jahre war das kleine Küstenmotorschiff "Ria" der Lebensinhalt der Familie Jacobs. Nach 45 Jahren Seefahrt trat der 67-Jährige Schifffahrtskapitän Heinz-Georg Jacobs und Familie die letzte Fahrt mit ihrer Ria an. Die älteste Schifferfamilie an der Weser geht in den Ruhestand.
Ria und Heinz-Georg Jacobs waren die ältesten Kümo-Schiffer an der Weser. Nach 40 Jahren an Bord geben sie auf.
Zum letzten Mal verließen die Ria und ihre Eigner, Familie Jacobs, den Heimathafen in Elsfleth. Futtermittel musste von Husum nach Dörten im Emsland transportiert werden. Eine Standardtour, die Familie Jacobs schon viele Male gefahren ist.
45 Jahre war Schiffskapitän Heinz-Georg in der Ost- und Nordsee unterwegs gewesen. 340 Tage im Jahr hat er auf seinem Küstenmotorschiff (Kümo) verbracht. Es war sein zweites Zuhause. Aber auch der Rest der Familie, Ehefrau Ria, ein Sohn und eine Tochter, haben viel Zeit an Bord verbracht. Wann immer es ging haben sie Heinz-Georg begleitet.
"Es war eine schöne Zeit, ein tolles Leben und ich würde alles noch mal so machen", lächelt Heinz-Georg und versinkt in Erinnerungen.
Die mit 51 Jahren ins Alter gekommene Ria war sein drittes Schiff. Benannt wurde sie nach seiner Ehefrau.
Die Jacobs sind die ältesten Schiffer an der Weser gewesen, die noch mit ihrem eigenen Kümo gefahren sind. Die meisten anderen haben längst aufgegeben. Es wurde immer schwieriger für die kleinen Küstenmotorschiffe Aufträge zu bekommen. Für die Auftraggeber lohnt es sich heute mehr in großen Mengen transportieren zu lassen. Der Trend sind große Schiffe. Die restliche Arbeit wird den Kümos von den neuen Lang-LKWs, den "Biglinern", weggenommen.
Video: Rias Abschiedstour
Einstellungen, Infos und Kommentare
"In den 70er Jahren gab es noch etwa 600 Küstenmotorschiffe mit einer Tragfähigkeit von 150 bis 700 Tonnen, heute kann man die Anzahl dieser Kümos an zwei Händen abzählen. Nur die großen Schiffe zählen heute. Die Kümos sterben aus", berichtete der alte Hafenmeister von Elsfleth traurig.
Auch die Ria mit einer Tragfähigkeit von 500 Tonnen und ihre Besitzer haben die immer schlechter werdende Auftragslage zu spüren bekommen. Die Restfuhren deckten gerade mal ihre Kosten. Weiter zu machen hätte sich nicht rentiert. Deswegen hatten die Jacobs entschieden aufzuhören und die Ria zum Sommer hin schweren Herzens zu verkaufen. "Wir wussten, dass sich unser Leben ändern wird. Ab jetzt habe ich kein Kommando mehr und muss mich zu Hause meiner Frau unterordnen", grinst Heinz-Georg, während Ehefrau Ria ihn lachend in die Seite stubst: "Mal schauen wie die Zukunft aussieht. Wir müssen unser Leben einfach anders gestalten." Sie hatte von Anfang an akzeptiert, dass die Schifffahrt Heinz-Georgs große Liebe und zweite Frau war: "Gott sei Dank war ich immer damit einverstanden", lächelt sie. Ria hat ihren Mann unterstützt wo sie konnte." Kümo-Frauen sind Sekretärinnen, Steuerberaterin und Equipment-Managerin in einem", erklärt sie.
Nach der letzten Tour der Ria nach Dörpen fuhr Heinz-Georg ein letztes Mal in den heimatlichen Hafen ein. Schweren Herzens ging er von Bord.
Der Tag des Abschieds liegt jetzt schon eine Weile zurück. Mittlerweile haben sich die Jacobs in ihr neues Leben eingewöhnen können und genießen ihren Ruhestand. Sie leben in ihrem gemütlichen Haus in Kirchhammelwarden. Dort kann Heinz-Georg von seinem Wohnzimmer aus die Schiffe auf der Weser vorbeifahren sehen. Ein bisschen Wehmut kommt da schon immer mal wieder auf.
Das alte Kümo Ria kann mit seinen 500 Tonnen Ladegröße in der Liga der großen Pötte nicht mehr mithalten.
Nach dem Verkauf der Ria hat er sich einem Bauprojekt gewidmet: Einer Aussichtsplattform an der Weser. "Der Abschied war schwer, aber ich suche mir jetzt neue Abenteuer", erklärt Heinz-Georg. Seit neuestem fährt er auch viel Fahrrad. Was aus der Ria wird möchte er nicht wissen. Auch besuchen will er sie nicht mehr. Es würde nur die Wunden wieder aufreißen. Gewünscht hatte er sich, dass sein altes Kümo ein Museumsschiff wird. Doch das hat leider nicht geklappt. Die Ria wurde an Shallow Shipping verkauft, ein Zwischenhändler. Es liegt jetzt in Harlingen und wartet dort darauf weiter verkauft zu werden. Wahrscheinlich wird ihr Weg nach Afrika oder in die Karibik führen. Dort werden alte Kümos wie die Ria immer noch gebraucht.
Heinz-Georg hat mit diesem Thema abgeschlossen und möchte sich der Gestaltung seiner Zukunft widmen. Im Herbst wollen Ehefrau Ria und er alle ihre Freunde mit dem Auto besuchen. Jetzt ist endlich mal Zeit dafür da. Und dann, in Zukunft, baut sich Heinz-Georg vielleicht doch selber ein Schiff, mit dem er dann und wann ein paar Ausflüge auf der Weser macht.
Küstenmotorschiffe (Kümos)
Die Geschichte der Kümos und ihre Funktion
Rias Abschiedstour
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