Schimpansen im Zirkus
Der Circus Belly gastiert in Bremen. Mit dabei: der Schimpanse Robby. Tierschützer sprechen von "tierquälerischen Bedingungen". Das Bremer Veterinäramt soll Robby rausholen und in eine Affen-Auffangstation in die Niederlande bringen. Julia Riedel erläutert im Gespräch mit Radio Bremen das Sozialleben der Schimpansen.
Julia Riedel arbeitet bei der Wild Chimpanzee Foundation, einer gemeinnützigen Organisation, deren Ziel es ist, die freilebenden Schimpansen zu retten, sowie deren Lebensraum, den tropischen Regenwald. Riedel ist Diplom-Biologin und schreibt ihre Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Sie studiert seit 2003 die freilebenden Schimpansen des Taï Nationalparkes in der Elfenbeinküste.
Radio Bremen: Vor welchen Herausforderungen steht ein Schimpanse, wenn er nach 35 Jahren in einem Zirkus ausgegliedert wird und fremden Artgenossen begegnet?
Julia Riedel: Niemand redet gern über Euthanasie, also das Einschläfern. Es ist aber möglich, dass dies die einzige Lösung ist, damit dieser Schimpanse endlich Ruhe findet. Es kann aber auch möglich sein, dass er vergesellschaftungsfähig ist. Es ist schon gelungen, einige Labor-Schimpansen nach jahrelanger Einzelhaltung zu vergesellschaften. Doch es gibt auch Schimpansen, die in Einzelhaltung leben, weil sie sich nicht vergesellschaften lassen. Schimpansen können sehr aggressiv sein, sich verstümmeln und sogar gegenseitig töten.
Video: Streit um Robby
Einstellungen, Infos und Kommentare
Radio Bremen: Sind Schimpansen grundsätzlich eher Einzelgänger oder eher soziale Wesen?
Julia Riedel: Schimpansen sind ausgesprochen soziale Wesen. Von ihrer Geburt an haben sie für einen Zeitraum von über acht Jahren eine unheimlich starke Mutter-Kind Bindung. Die ersten drei Jahre ist der Kontakt so eng, dass man beide nicht voneinander getrennt sehen wird. Die Mutter trägt das Neugeborene zuerst am Bauch und später auf dem Rücken, Schimpansen laufen bis zu 15 Kilometer durchschnittlich am Tag. Das können die Kleinen noch nicht. Deshalb werden sie von der Mutter getragen. Erst wenn nach etwa fünf Jahren das Geschwisterchen kommt, muss das ältere Kind selbst laufen und sich selbst um die Nahrungssuche kümmern. (…) Mit einem Alter von acht Jahren werden die Schimpansen immer selbständiger und sind oft auch mal nicht mit ihrer Mutter unterwegs, sondern mit Tieren aus ihrer Gruppe.
Radio Bremen: Wie groß ist so eine Gruppe?
Julia Riedel: Eine Schimpansengruppe hat durchschnittlich 50 Mitglieder. Es gibt mehrere erwachsene Männchen und Weibchen darin, aber auch heranwachsende Schimpansen und Kinder. Diese Schimpansengruppe geht gemeinsam auf Nahrungssuche, beschützt ihr Territorium gegenüber Nachbargruppen und schläft gemeinsam in Nestgruppen hoch in den Bäumen. (…) Die Mitglieder pflegen ihre sozialen Kontakte, indem sie sich lausen und eine Fellpflege betreiben, die auch unheimlich wichtige soziale Funktionen hat: Sie zeigen so Zuwendung und Unterstützung. Die Mitglieder einer Gruppe pflanzen sich fort und investieren unheimlich viel in die Aufzucht ihrer Jungtiere. Die Kinder lernen viel auf soziale Art und Weise, hauptsächlich von ihrer Mutter, aber auch von den anderen Gruppenmitgliedern. (…) Das Zusammenleben in einer Schimpansengruppe zeichnet sich durch komplexe Interaktionen aus. Wie sozial Schimpansen sind, zeigt sich auch in ihrer Trauer um tote Gruppenmitglieder, wie sie immer wieder den Ort aufsuchen, wo der Tote liegt, immer wieder den Körper berühren. Schimpansenmütter tragen ihren toten Nachwuchs oft tagelang mit sich herum, bis sie den Körper irgendwann ablegen.
Radio Bremen: Können Menschen dieses soziale Umfeld ersetzen – etwa wie bei einem Hund, wenn der Halter zum Rudelführer wird?
Julia Riedel: Nein, Menschen können dieses soziale Umfeld nicht ersetzen. Schimpansen können in menschlicher Haltung überleben, aber niemals kann die Gefangenschaft die Komplexität ihres sozialen Gruppenlebens ersetzen. Deshalb sieht man in Gefangenschaft Verhaltensweisen, die man bei wilden Schimpansen noch nicht beobachtet hat. Dazu gehört das Essen von Kot, das Erbrechen von Nahrung und der erneute Verzehr des Erbrochenen, das Wiegen, das Haare ausreißen. Die frühzeitige Trennung von der Mutter führt zu massiven Störungen der Schimpansen, sodass sie dadurch nicht mehr in der Lage sind, sich später in einer arttypischen Weise zu verhalten und mit anderen Schimpansen normale soziale Bindungen einzugehen. Die Schimpansen werden einzig zum Zwecke der menschlichen Unterhaltung ihren Artgenossen entrissen und erleiden dadurch psychische Störungen.
Radio Bremen: Ist die Haltung von Schimpansen im Zirkus noch zeitgemäß?
Julia Riedel: Nein, die Haltung von Schimpansen im Zirkus muss verboten werden. Um die Schimpansen so abzurichten, dass sie für den Zirkus und die Vergnügungsshows eingesetzt werden können, müssen die Babys frühzeitig von ihren Müttern getrennt werden, dies ist nicht natürlich und führt zu nie wieder gutzumachenden Verhaltensschäden. Schimpansen sind sehr soziale, hochintelligente Tiere, verfügen über verschiedene Kulturen und gebrauchen Werkzeuge, ebenso wie der Mensch. Es ist unüberlegt, inakzeptabel und verantwortungslos, Schimpansen und auch andere Wildtiere noch immer für kommerzielle Zwecke zu missbrauchen. Außerdem wird durch den Einsatz im Zirkus ein vollkommen falsches Bild von Schimpansen und Wildtieren generell erzeugt, da ihre natürlichen Bedürfnisse keinerlei Berücksichtigung erfahren. Ein Zirkus trägt in keiner Weise dazu bei, über die Bedrohung der Wildtiere in ihrem natürlichen Lebensraum aufzuklären und über ihre natürlichen Verhaltensweisen zu informieren. Im Gegenteil, sie behindern Schutzbemühungen, da die häufige Präsenz von Schimpansen in Fernsehsendungen und Werbespots zur Folge hat, dass die Öffentlichkeit die Gefährdung von Schimpansen stark unterschätzt.
Radio Bremen: Wie intensiv kann eine Mensch-Schimpansen-Bindung sein?
Julia Riedel: Die Bindung zwischen einem Menschen und einem handaufgezogenen Schimpansen kann niemals so stark sein, wie zwischen einer Schimpansenmutter und ihrem Kind. Eine Schimpansenmutter in den ersten drei Jahren 24 Stunden mit ihrem Kind zusammen und gibt es nicht weg. Das Kind schläft jede Nacht an sie gekuschelt im Nest der Mutter. Handaufgezogene Schimpansenkinder werden meist nachts zum Schlafen woanders hingelegt und auch nicht 24 Stunden lang von einer Person betreut, sondern von vielen verschiedenen Menschen.
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