Bremer Villa mit Geschichte
Kaufleute, Bankiers, Nazis - und schließlich Hochzeitspaare: Wer ging im Laufe der Jahrzehnte nicht alles ein und aus in der Villa in der Hollerallee 79. Nach jahrelangem Streit ist das Standesamt Bremen-Mitte jetzt rundum renoviert worden - und erstrahlt in neuem Glanz.
Stuckfriese an der Decke, altes Eichenparkett. Seit 1949 ist in der Villa in der Hollerallee das Standesamt Bremen-Mitte untergebracht. Nach einem langen Streit um die Renovierungskosten und einen möglichen Umzug, rückten vergangenes Jahr die Handwerker an. Ab dem 1. April 2013 sollen Bremerinnen und Bremer hier wieder "Ja!" zueinander sagen dürfen. Gleichzeitig ist die Villa moderner geworden, um auch Behinderten oder Eltern mit Kinderwagen gerecht zu werden. Dazu mussten aber erst einmal der braune Büroteppich und fünf Schichten Linoleum abgetragen werden. Hinterlassenschaften einer über 100-jährigen Geschichte. Gebaut wurde die Villa um 1900 vom einem Bremer Kaufmann.
Der Entwurf stammt vom renommierten Architektenbüro von Friedrich Wellermann und Paul Frölich. Auftraggeber ist Alfred Hoffmann, ein Bremer Kaufmann.
Nach Auskunft der landeseigenen Gesellschaft Immobilien Bremen durften zur damaligen Zeit in der Hollerallee "nur Häuser der Oberschicht mit sehr hohem architektonischem Anspruch entstehen", das war durch städtebauliche Regeln abgesichert. Die Villa Hoffmann wird zwar im neubarocken Stil errichtet, aber: "Aus dem Rahmen des sonstigen Erscheinungsbildes fällt die nachträglich vorgenommene Aufstockung des Gebäudes. Der Umstand, dass dem Gebäude dadurch ein geneigtes Dach fehlt, beeinträchtigt das Erscheinungsbild des Hauses." Trotzdem wird die Villa 1979 wegen ihrer Nachbarschaft zu den anderen Villen und ihrer stilistischen Vielfalt unter Denkmalschutz gestellt.
In den 20er Jahren zieht der Bankier Johann Friedrich Schröder in die Villa Hoffmann. Von seinen Freunden wird er Johann Fortune genannt, weil er in Geschäftsdingen so erfolgreich ist. Die Weltwirtschaftskrise allerdings zerstört sein Glück. 1931 geht seine Bank pleite und er muss aus der Villa in der Hollerallee wieder ausziehen. Drei Jahre lang steht das Haus leer, bis neue Mieter gefunden werden.
Die Villa Hoffmann wird zum Hauptsitz der Kreisverwaltung der NSDAP. Hierher wendete man sich damals, um andere zu denunzieren: So geschehen im Fall eines Bremers aus dem Ostertor, der einen Nachbarn bezichtigte, bei Juden Brötchen gekauft zu haben. Miete bezahlten die Nazis übrigens nicht.
Damals weht über der Villa die Hakenkreuz-Fahne. In den Innenräumen findet sich heute keine Spur mehr von den Nazi-Symbolen, auch bei Beginn der aktuellen Renovierungsarbeiten wird nichts gefunden.
Während der Nazizeit weht über der Villa die Hakenkreuzfahne.
Nach dem Krieg zieht das Standesamt Bremen-Mitte in die Villa in der Hollerallee 79.
Innensenator Ulrich Mäurer entschuldigt sich öffentlich für den Zustand des Standesamts Bremen-Mitte. Dabei bezieht er sich sowohl auf die Personalsituation im Amt als auch den Zustand des Gebäudes. Unter anderem kann es mehrere Wochen dauern, bis Sterbeurkunden ausgestellt werden. Das bedeutet, dass sich Beerdigungen der Verstorbenen entsprechend verzögern. Als Grund nannte der Innensenator "chronischen Personalmangel".
Der Politiker verspricht daraufhin bei "buten und binnen", das Standesamt mit 2,5 Millionen Euro aus dem zweiten Konjunkturpaket der Bundesregierung sanieren zu wollen. Er habe selten eine so "traurige Behörde" gesehen, so Mäurer. Man habe es seit Jahren versäumt, in das Standesamt zu investieren. Die bisherigen Zustände seien "skandalös". Bereits Ende des Sommers 2009 sollte das Standesamt für zwei Jahre schließen, dann explodieren die Kosten.
Innensenator Ulrich Mäurer gibt bekannt, dass das Standesamt Bremen-Mitte umziehen muss. Die landeseigene Immobiliengesellschaft Immobilien Bremen veranschlagt die Renovierungskosten auf knapp 5,5 Millionen Euro. Das sind drei Millionen Euro mehr, als ursprünglich angenommen und damit zu viel für die ohnehin klamme Stadt Bremen.
Mäurer verkündet, dass das Standesamt in einen Neubau in der Überseestadt umziehen wird. Er hält eine Sanierung des Standortes in der Hollerallee nur für sinnvoll, wenn diese nicht mehr als 2,5 Millionen Euro kostet. Die alte Villa soll verkauft werden.
Baufachleute sowie der Ehrenbürger und Bauunternehmer Klaus Hübotter kritisieren das Gutachten der Immobilien Bremen als überzogen. Hübotter schätzt, dass sich die Villa auch für 2,5 Millionen Euro sanieren lasse. Der bisher einzige Träger der Bremer Auszeichnung für Baukultur hat bereits mehrere historische Bauten vor dem Abriss gerettet und saniert, darunter die Villa Ichon, den Speicher XI, den alten Sendesaal von Radio Bremen und das Bamberger-Haus, in dem heute die Volkshochschule untergebracht ist.
Vor der Innendeputation sagt Senator Mäurer, er vertraue der Kostenberechnung von Immobilien Bremen und einem renommierten Architektenbüro. Diese veranschlagen knapp 5,5 Millionen Euro für die Renovierung. Laut Mäurer sei die Kostenberechnung in mehrmonatiger detaillierter Arbeit bis hin zur Untersuchung des Kanalsystems unter der alten Villa erstellt worden. Das allein habe 300.000 Euro gekostet. Es komme ihm schon eigenartig vor, wenn jetzt Bauunternehmer "durch Handauflegen" feststellen wollen, dass die Sanierung für etwas über zwei Millionen Euro zu machen sei. Sollte sich bei einer Prüfung tatsächlich herausstellen, dass die Sanierung für etwas über zwei Millionen Euro möglich sei, wäre das ein Skandal, so Mäurer. Außerdem sei dann klar, dass das alte Standesamt saniert werde, denn das sei stets das Ziel gewesen. Sein Ressort habe erst vor der "horrenden Kostenberechnung kapituliert" und deshlb einen Umzug in die Überseestadt erwogen.
Die Debatte um das Standesamt in der Hollerallee wird emotional. Die Bremerinnen und Bremer wollen sich auch weiterhin in dem alten geschichtsträchtigen Gebäude das Ja-Wort geben und nicht in einem neuen Glas-Stahl-Beton-Bau in der Überseestadt. Bianca Beckmann schreibt im Radio-Bremen-Gästebuch: "Der würdige Rahmen in der wunderschönen Immobilie kann durch eine beliebige Mainstream-Architektur am unattraktiven Ende von Bremen mit Blick auf die schmuddeligen Lagerhallen von Kellogs
niemals ersetzt werden."
Das haben Sie zum Umzug des Standesamtes geschrieben.
Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) und Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) werden von der heftigen Diskussion überrascht und lassen von ihren ursprünglichen Plänen ab.
Der geplante Umzug des zentralen Bremer Standesamtes von der Hollerallee in die Überseestadt ist vom Tisch. Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) kündigt an, dass der Auftrag für die Sanierungsmaßnahmen neu ausgeschrieben wird.
Das neue Konzept für die Renovierung der Villa , wird vorgestellt. Die ursprünglichen Kosten von knapp 5,5 Millionen Euro werden auf knapp 3,5 Millionen gedrückt. Das geht vor allem deshalb, weil etwa darauf verzichtet wird, im Trauzimmer eine Klimaanlage einzubauen und die Standards gesenkt werden. Im Keller bekommt das Archiv kein Rollregal-Lager, deshalb muss auch das Fundament der Villa nicht nachträglich verstärkt werden. Auch bleibt der Grundriss des Dachgeschosses gleich. Ursprünglich sollten die Büros dort von Grund auf geändert werden, um Arbeitsabläufe zu verbessern. Weil damit kein Neubau entsteht, müssen auch nicht die neuen Energierichtlinien eingehalten werden.
Bald soll es wieder bergauf gehen mit der Villa.
Die Sanierungsarbeiten am Standesamt Bremen-Mitte beginnen. Die alte Villa soll einen behindertengerechten Fahrstuhl bekommen, die Fassade soll ausgebessert und der Keller vor Feuchtigkeit geschützt werden. Die geplanten Kosten: rund 3,5 Millionen Euro.
Bis zur geplanten Neueröffnung am 1. April 2013 ist das Standesamt Mitte im alten Postamt 5 am Hauptbahnhof untergebracht.
Anfang September sind die Sanierungsarbeiten an der Hollerallee schon gut vorangekommen. Seit einem halben Jahr wird renoviert, jetzt ist Halbzeit. Die aufwändige Fassadensanierung steht kurz vor dem Abschluss, während der Innenraum des Gebäudes noch komplett erneuert wird. Neben der nötigen Restauration, werden die Räume des Standesamtes in einem neuen Farbkonzept erstrahlen. So geben sich Paare im Trauzimmer in Zukunft vor roten Wänden das Ja-Wort.
Einen großen Teil der veranschlagten 3,4 Millionen Euro Renovierungskosten verschlingen der Einbau eines Fahrstuhls und einer Feuertreppe in das Haus sowie die Erneuerung der Technik und die Kosten für den Denkmalschutz.
Überraschungen beim Standesamt, [3:01]
Bildergalerier: Das neue alte Standesamt in Bremen
Wiedereröffnung am 15. April 2013
Das Standesamt Bremen-Mitte hat am 15. April 2013 seinen Betrieb offiziell wieder am Bremer Bürgerpark aufgenommen. Viele Behördenvertreter waren gekommen, als Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) den Schlüssel fürs neue Standesamt überreichte. Termin gehalten – so etwas können nicht viele Behörden von ihren Bauvorhaben behaupten. Und schön ist es geworden, schön bunt. Hier lässt sich ab jetzt gut gelaunt heiraten.
Video: Standesamt wieder eröffnet
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