Rabiat: Jugend für’n Arsch

In Köln muss die Polizei eine Open-Air-Party mit 1.000 Teilnehmern auflösen, auf der Neckarwiese in Heidelberg schmeißt ein betrunkener 18-Jähriger einen E-Scooter durch die Scheibe eines Testzentrums, am Bremer Osterdeich feiern Hunderte Jugendliche dicht an dicht fast jede Nacht, in Karlsruhe werden Polizei und Rettungskräfte mit Flaschen beworfen, als eine illegale Versammlung aufgelöst wird – gerade wird viel von jugendlichen Exzessen, Ausbrüchen, Eskalationen berichtet. In „Rabiat: Jugend für’n Arsch“ reist Rabiat-Reporterin Alina Schulz durch den Sommer 2021 in Deutschland, in dem die Pandemie vor allem für junge Menschen noch immer nicht vorbei ist. Sie begegnet Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf Augenhöhe und taucht in ihren Alltag ein.

Junge Menschen demonstrieren auf der Straße.
Rabiat-Reproterin Alina Schulz trifft junge Menschen, die dafür demonstrieren, wieder in Gruppen mit Musikboxen in öffentlichen Parks chillen zu dürfen. Bild: Radio Bremen | Patrick Dosanjh

Klar ist: Junge Menschen haben offenbar keinen Bock mehr auf Verzicht statt Freiheit. Aber ist es richtig, sie angesichts solcher Bilder als Chaoten und als unverantwortlich zu betiteln? Als die, die dafür sorgen, dass die Pandemie kein Ende nimmt? Rabiat-Reporterin Alina Schulz findet: Wer das tut, macht es sich zu einfach. Denn was, wenn man versucht, sich in ihre Lage hineinzuversetzen? Sie als 29-Jährige mit festem Job, festem Freund und geräumiger Wohnung mit Balkon hat die Pandemie im Großen und Ganzen gut durchgestanden – und sich anfangs auch über randalierende Jugendliche aufgeregt. Doch dann stellt sie sich die Frage, was gewesen wäre, wenn sie diese Pandemie vor zehn Jahren, mit 19 getroffen hätte und vergleicht ihre Lebensrealität mit der Lebensrealität junger Menschen heute. Und dieser Vergleich ist ziemlich ernüchternd: keine Abschlussfeier, kein Backpacking in Asien, keine Erstsemester-Partys, keine Präsenz-Uni, keine neuen Menschen kennenlernen.

Eine Jugendliche in einem Krankenhausflur.
Die 14-jährige Kyra S. Hat sich während der Pandemie eine Magersucht entwickelt. Jetzt ist sie in Behandlung auf der Station für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter im Klinikum Nürnberg. Bild: Radio Bremen | Jannik Steinmeyer

Studien belegen die Verbreitung von Depression, Schlaflosigkeit, Magersucht und Selbstverletzung. Die Plätze in den Kinder-und Jugendpsychiatrien sind voll, beim Kinder-und Jugendtherapeuten müssen viele lange auf einen Therapieplatz warten. „Rabiat: Jugend für’n Arsch“ trifft die 14-jährige Kyra auf der Psychosomatischen Station für Kinder-und Jugendliche im Klinikum Nürnberg. Bei Kyra hat sich während der Pandemie eine Magersucht entwickelt. „Im Lockdown hat man auf einmal noch mehr am Handy gesessen und hat gesehen, wie die Leute auf Instagram aussehen und dachte sich: Vielleicht schaffe ich das auch in der Zeit. Aber Sport zu machen und gesund zu essen hat nicht gereicht, also habe ich einfach weniger gegessen. Durch Corona hat man viel Kontrolle verloren – und das war das einzige, wo man eben Kontrolle hatte“, sagt Kyra. „Bei den chronischen psychischen Erkrankungen hat Corona einiges angeschoben. Wir erleben aber auch viele akute Fälle wie zum Beispiel Anpassungsstörungen, wo wir sagen können: Das wurde durch die Pandemie ausgelöst. Und wir erleben viele junge Leute, denen es sehr schlecht geht“, sagt der Chefarzt der Bremer Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Dr. Marc Dupont. Bei vielen herrscht statt hemmungsloser Partylaune eher gedämpfte Stimmung und Verunsicherung darüber, wie ihr Leben weitergehen kann.

Rabiat-Reporterin Alina Schulz begleitet die 18. Geburtstagsparty von Isabell aus dem Ruhrgebiet. Statt großer Feier mit 100 Leuten darf Isabell deutlich weniger Freunde zu sich nach Hause einladen. Kleine Garagen-Party statt großer Eskalation.

Zwei Personen laufen auf eine Hochhaussiedlung zu.
Der 16-jährige Guiseppe H. zeigt Rabiat-Reporterin Alina Schulz die Orte, an denen er die Pandemie in der Kölner Brennpunkt-Siedlung "Am Kölnberg" verbracht hat. Bild: Radio Bremen | Florian Linke

Und sie spricht mit Studierenden darüber, wie es ist, die prägenden ersten Semester fast ausschließlich allein in einem 13-Quadratmeter-Zimmer im Studentenwohnheim zu verbringen. „Es ist schon sehr frustrierend. Klar, einige Dinge kann man nachholen, wenn die Situation sich entspannt, aber einige Erfahrungen eben nicht. Und ich glaube, dass das auch bleiben wird. Manche Erfahrungen sind einfach verloren und ich glaube, das ist eine Sache, die lange mit uns bleiben wird. Dass wir nicht mehr wissen, wie wir mit ´ner großen Gruppe umgehen sollen oder dass wir nicht wissen, wie das ist, in ´nem vollen Hörsaal zu sitzen. Die vergangenen anderthalb Jahre waren echt die schlimmste Zeit in meinem Leben“, resümiert die 19-jährige Jura-Studentin Despina aus Heidelberg.

Auch die 16-jährige Schülerin Mima aus Köln erlebt, wie wichtig gerade jetzt die Jugendarbeit für viele junge Menschen ist. In einem Rap-Workshop im Jugendzentrum bringt Mima ihre Gefühle und Erfahrungen über die Pandemie-Zeit in einem eigenen Song zum Ausdruck. „Viel zu lange eingesperrt, diese Zeit war schwer, ich fühlte deinen Schmerz. Nachrichtensender berichten den ganzen Tag, das RKI hat die neuen Zahlen angesagt. Vielleicht fehlte es dir auch an Phantasie, um gestärkt rauszukommen, aus dieser Pandemie“, heißt es in einer Strophe in Mimas Song.

Eine Reporterin sitzt mit Laptop-Computer auf einer Bank an einer Straße.
Rabiat-Reporterin Alina Schulz hatte für "Rabiat: Jugend für'n Arsch" mit mehr als 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen Kontakt. Bild: Radio Bremen | Julian Kiesche

Alina Schulz trifft junge Menschen, die dafür demonstrieren, wieder in Gruppen mit Musikboxen in öffentlichen Parks chillen zu dürfen und spricht mit Schülerinnen und Schülern darüber, wie es ihnen gerade psychisch geht, warum sie sich von der Politik im Stich gelassen fühlen und warum viele sich so fühlen, als sei die wichtige Zeit des Erwachsenwerdens, ihre Jugend in der Pandemie „für´n Arsch.“

Stabliste:

Buch/RegieAlina Schulz
KameraFlorian Linke, Tarik Bourhaleb
TonDavid Haarhaus, Jannik Steinmeyer
SchnittDanny Breuke
ProduktionsleitungLeonardo Re, Michael Kappler
ProducerManuel Möglich, Christian Tipke
RedaktionMichaela Herold (Radio Bremen)
LeitungThomas von Bötticher (Radio Bremen)

„Rabiat: Jugend für’n Arsch“ ist eine Produktion der Sendefähig GmbH (Manuel Möglich, Dennis Leiffels und Christian Tipke) im Auftrag von Radio Bremen für Das Erste 2021.

„Rabiat“

Das junge Reportageformat von Radio Bremen, in dem Journalistinnen und Journalisten mit Haltung kontroverse Themen der Zeit und der Gesellschaft beleuchten, ist die Erweiterung des „Y-Kollektivs“ ins Fernsehen. Das „Y-Kollektiv“ ist eine Gruppe junger Journalistinnen und Journalisten, dass sich eine große Fangemeinde aufgebaut hat - mit aktuell 940.000 Abonnenten und 240 Millionen Aufrufen insgesamt allein bei YouTube. Und seit einigen Monaten sind die Reporterinnen und Reporter mit ihren Reportagen auch in der ARD-Audiothek vertreten. Redaktionell betreut wird das funk-Format „Y-Kollektiv“ vom Programmbereich Pop & Digital bei Radio Bremen, der sich auf die Entwicklung junger, crossmedialer Angebote für die ARD konzentriert.

Vor und nach den Fernseh-Reportagen wird auf den Kanälen des „Y-Kollektivs“ (YouTube, Instagram, Facebook, Twitter) diskutiert. In den Social-Media-Kanälen führen die Autorinnen und Autoren persönliche Debatten, berichten transparent über ihre Arbeit und Recherche. Den Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer im Fernsehen stellen sie sich in Q&As oder in den Kommentarspalten.