1986: Radio Bremen startet Jugendprogramm

Als erster öffentlich-rechtlicher Sender der Republik lässt Radio Bremen ein Team von 20 jungen Macherinnen und Machern ein eigenes  Programm gestalten.

Bremen Vier startet

Bild: Radio Bremen

Am 1. Dezember 1986 ging es los: Radio Bremen Vier startet sein Jugendprogramm Bremen Vier. Zuvor hatte sich die neue Welle schon seit Wochen per Endlosschleife auf den UKW-Frequenzen 101,2 und 100,8 MHz angekündigt:

Erfolgreiche Marketingstrategie: Der Bremen-Vier-Rap in Dauerschleife

Und tatsächlich: Der Bremen-Vier-Rap wurde legendär und kündigte an, was die jungen Radiohörerinnen und -hörer ab 1. Dezember erwarten sollten: "…da ist Pop, da ist Rock… Eure Tipps zu Trends und Informationen, das Neueste vom Tage könnt ihr euch holen."

Als erster öffentlich-rechtlicher Sender der Republik lässt Radio Bremen ein Team von 20 jungen Macherinnen und Machern ein eigenes  Programm gestalten! Etwas chaotisch und mit Lust an der Provokation geht es am 1. Dezember 1986 endlich auf Sendung. Dass daraus einer der erfolgreichsten Sender Deutschlands werden würde, erwartet zu diesem Zeitpunkt eigentlich niemand.

Erste Rock- und Pop-Welle in Deutschland

"Jugendkultur" im Radio fand bisher eigentlich nur auf einigen dafür eigens zugeteilten Sendeplätzen statt. Doch es hatte sich etwas verändert, stellt auch "Die Zeit" fest: "Charakteristisch für diese neue Jugend-Gesellschaft ist (…), dass sie sich von der älteren Generation weitgehend und immer früher abzuhängen sucht. Jugendliche orientieren sich an anderen jungen Leuten" (Quelle: "Die Zeit", 10. Oktober 1986).

Vorbilder aus Großbritannien und den USA

Unter der Regie von Wellenchef Wolfgang Hagen geht Bremen Vier am 1. Dezember 1986 genau um 9.05 Uhr und mit dem Song "Pop Muzik" von M an den Start. Vorbilder für das Programm gab es bisher nur in Großbritannien oder den USA, wo echte "Radio-DJs" eine lange Tradition haben, ihre Musik selbst aussuchen und die Sendungen ohne technische Unterstützung eigenhändig "fahren". Jürgen Büsselberg fährt und moderiert die erste Sendung, weitere Radio-Pioniere sind Berthold Brunsen, Axel P. Sommerfeld, Kai Tölke, Peter Spalek, Tina Gerlach, Norbert Kuntze, Marcus Rudolph und Efa Schütte. Auch Wellenchef Wolfgang Hagen moderiert als Dr. Nox eine eigene Abendsendung.

Musikalisch ist bei Bremen Vier am Anfang fast alles möglich, von bewährten Oldies über Chart-Hits aus aller Welt bis bestenfalls in Szene-Clubs zu hörenden Geheimtipps: Wham und Inxs, Pet Shop Boys und Depeche Mode, Prince und die Beastie Boys oder Einstürzende Neubauten und The The.

Kurios für so ein junges Programm ist sicherlich auch, dass es gelegentlich Nachrichten auf Plattdeutsch oder die Radio-Legenden Christian Günther und John Peel mit eigenen Shows zu hören gibt. Über Sport wird anfangs allerdings nicht berichtet, auch die Fußball-Bundesliga ist kein Thema.

Kultige Morgenshow-Moderator*innen

Schon 1989 wird Bremen Vier im Zuge einer Neuausrichtung aller Hörfunkwellen zur erfolgreichen jungen Massenwelle ausgebaut. Das Programm bekommt nun auch eine eigene Morgenshow mit dem provokanten Sendungsnamen "Slip - das erste, was du morgens anhast". Bremen Vier, das ist jetzt einer Mischung aus frecher Moderation, aktuellen Informationen, Reportagen, Aktionen, Comedy, Außen-Sendungen und den besten Songs der Playlist. Und nun auch mit Sport.

1999 gehen mit Axel P. Sommerfeld und Jens-Uwe Krause (JUK) "Der Dicke und der Dünne" an den Start. Unterstützung erhalten sie bei ihrer Personalityshow von den Service-Kolleginnen Kerstin Deckert, Ike Pauli, Eske Pasenau oder Tina Middendorf. 2004 kommt ein neuer "Dicker", Marcus Rudolph löst Axel P. Sommerfeld ab.

"Vier beginnt" heißt die neue Morgenshow, die 2008 startet. Jens-Uwe Krause ist weiter die verlässliche Stimme am Morgen, dazu gesellen sich Tina Padberg, Roland Kanwicher und später auch Olaf Rathje. Im Februar 2020 setzt Bremen Vier mit "Die Vier am Morgen" auf ein Team, aus dem Keno Bergholz als Moderator heraussticht.

Radioshow für Kinder und Comedy

Schon 1991 legt sich Bremen Vier ein Haustier zu: "Zebra Vier" ist da! Bremens einzige Radioshow für Kinder mit dem Zebra-Tier. Immer am Sonntagvormittag gibt es spannende Infos, Aktionen und Spiele, schlaue Studiogäste und die Zebra-Vier-Kinderreporter.

Für Furore sorgt bei Bremen Vier immer die eigene Comedy.  Einen besonderen Coup landen 1991 Berthold Brunsen und Arnd Zeigler. Bremen Vier singt deutsch -"Die (Original) Deutschmacher" werden mit schräg eingedeutschten Hits zum Kult. Mit der Werder Bremen-Hymne "Lebenslang Grün-Weiß" schaffen sie es später nicht nur in die Deutschen Charts, sondern sind bis heute Weserstadion-Folklore.

Eine weitere Comedy-Legende ist "Die Nullnummer". Von 1994 bis 1997 schlüpfen Jens-Uwe Krause und Peter Mack in allerlei merkwürdige Figuren wie Gisbert Geier oder Hermine Plaschke. Die Bremen Vier-Partys mit den Deutschmachern, der Nullnummer füllen mühelos die größten Hallen und Zelte im Land Bremen und im Nordwesten Niedersachsens.

Die Zeit vergeht, Comedy bleibt wichtig im Programm von Bremen Vier. Jan Böhmermann mit "Da Original Shaggä", Winfried Hammelmann als "Depri-Man", Martin Neuhaus mit "Uta Pümpelmann-Schneider" und viele andere sind typisch für das besondere "Vier-Gefühl".

Bremen Vier hat die Stars

So, wie Bremen Vier häufig Startrampe für Moderations- und Journalismus-Talente ist, so sind im Programm auch immer zukünftige Stars zu hören. Beispielsweise der "Emmy"- und "Grimme"-Preisträger ("Berlin, Berlin") David Safier, der später ein erfolgreicher Bestseller-Autor werden soll. Oder die mehrfachen Grimme-Preisträger Jan Böhmermann und Arnd Zeigler ("Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs").  Aber auch Poetry-Slam-Ikone und Bestsellerautorin Julia Engelmann und Grimme-Preisträger Oliver Kalkofe ("Sommerfeld & Kalkofe") begeistern die Hörerinnen und Hörer von Bremen Vier.

Wie es sich für ein Musikradio gehört, sind natürlich auch schon ganz früh zukünftige Popgrößen zu hören. Mit dabei Die Toten Hosen, Die Fantastischen Vier, Fettes Brot, Deichkind, Revolverheld oder Max Giesinger. Und nicht zu vergessen Sarah Connor. Sie wird als "Sarah Gray" von Axel P. Sommerfeld, Jens-Uwe Krause und DJ Jimmy Schirmer als Live-Act für ihre Bremen Vier-Partys entdeckt.

Was alles aus der jungen Rock- und Popwelle werden würde, war zum Start 1986 nicht zu ahnen. Egal, ob Wohnzimmerkonzerte oder die vielen Stars im Studio, "Malle für Alle", der Comedy Club, Action bei den Hurricane-  und Deichbrand-Festivals oder der Breminale, die eigene  Blaskapelle, die Kohltouren und viel Spaß mit der Fangemeinde von Bremen Vier. Das alles ist einzigartig, eben "Mein Vier-Gefühl".

Autor: Axel P. Sommerfeld