1976: Vicco von Bülow alias Loriot schreibt Fernsehgeschichte

"Loriots sauberer Bildschirm" heißt die erste Sendung einer sechsteiligen Fernsehserie, die Geschichte in der deutschen Fernsehunterhaltung schreiben wird. Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow ist Autor und Moderator der Sendung und spielt in vielen Sketchen auch selbst mit. Loriot ist der deutsche Begriff für die Vogelart Pirol, das Tier im Wappen derer von Bülow.

Vicco von Bülow sitzt auf einem grünen Sofa
Bild: Radio Bremen | Do Leibgirries

Schon beim Süddeutschen Rundfunk hatte Loriot Fernsehsendungen produziert. Mehr als 20 Mal hatte er ab 1967 auf einem roten Kanapee "Cartoon" moderiert und meisterhaft Prominente wie Einstein, den Dirigenten Karajan oder den Fernsehmoderator Werner Höfer parodiert.

1974 lockt Fernsehprogrammdirektor Dieter Ertel Loriot, den er früher auch schon zum Süddeutschen Rundfunk geholt hatte, zu Radio Bremen und sorgt dafür, dass er seine Arbeit so machen kann, wie Loriot es für richtig hält. Loriot lobt diese Arbeitsbedingungen 1988 in einer Pressekonferenz: "Ich mag das – hier herrscht ein menschliches Klima, das nicht von Bürokratie überwuchert wird, hier kann ich arbeiten in schnellem, direktem Kontakt mit anderen, ohne dreifache Ausfertigung eines Papiers." Damit legt Ertel den Grundstein für eine Zusammenarbeit, deren Ergebnis vielen Menschen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Loriot lobt unbürokratische Arbeitsbedingungen

Und das, obwohl es streng genommen nur sechs Folgen zwischen 1974 und 1978 sind, die Loriot in Bremen produziert. Nachdem die Untertitel der ersten beiden Sendungen ("Sauberer Bildschirm" und "Teleskizzen") gründlich missverstanden werden, heißen die noch folgenden Sendungen schlicht Loriot III, IV, V und VI.

Making of: Der Tortenwurf

Video vom 26. August 2020
Loriot mit Torte auf dem Kopf
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Loriot ist Perfektionist. Er schreibt und spricht nicht nur die Texte selbst, sondern ist auch sein eigener Regisseur und Produzent. Viele Rollen spielt er selbst. Preußisch nennt er diesen Perfektionsfimmel, der er in seinem Beruf aber für unerlässlich hält: "Bei Komik muss jedes Detail stimmen. Bei der Tragödie kommt es nicht so genau darauf an."

Menschliche Macken und Tragödien

Das nun grüne Biedermeiersofa, von dem aus Loriot bei Radio Bremen im Maßanzug die Welt betrachtet, wird zu einem Markenzeichen intelligenter Fernsehunterhaltung. Loriot selbst zum Volksgut, obwohl sein Humor eigentlich nichts von dem hat, was man gemeinhin typisch deutsch nennt. Sein Witz ist liebevoll, nicht verletzend. Sein Humor ist niemals boshaft, er prangert nie an. In den Figuren, die Loriot sich ausdenkt, kann sich jeder und jede wiedererkennen. Zielscheibe seines Spotts sind die allzu menschlichen Schwächen, Missverständnisse, vor allem Ungeschicklichkeiten, und die Tragödien des Alltags. Tragödien, die jedem passieren können. Das sagte Loriot auch einmal zu einer Fernsehzeitschrift.

Denn die Deutschen haben eine Reihe an Macken, die bei Loriot Gestalt annehmen und dessen Figuren Kultstatus erlangen: Der Rentner Lindemann mit seinem Lottogewinn, die Herren Dr. Klöbner und Müller-Lüdenscheid und ihr Streit um eine Gummiente in der Badewanne oder der Weinvertreter mit seinem "Abgezapft und originalverkorkt von Pahlgruber & Söhne".

Scharfe Beobachtungsgabe

Seine Parodien bekannter Persönlichkeiten wirken deshalb so bestechend, weil sie auf schärfste Beobachtung, bis hinein in Sprache und subtile Gestik, basieren. Der Tierfilmer und Fernsehmoderator Prof. Grzimek fühlt sich so genau getroffen, dass er in seiner nächsten Sendung "Ein Platz für Tiere" betont, diesmal sei er es aber wirklich. Loriot hatte sich einen imaginären Hochhausschädling "Steinlaus" ausgedacht, über den er als Prof. Grzimek in der parodierten Sendung erzählte. Das bis dahin unbekannte Nagetier frisst sich durch dickste Betonschichten und bringt sogar Hochhäuser zum Einsturz. Die Steinlaus bringt es sogar als "Petrophaga lorioti" ins klinische Wörterbuch Psychrembel.

Ausgefuchste Dramaturgie

Der Perfektionist Loriot denkt sich für seine Sketche stets eine ausgefuchste Dramaturgie aus, in der jeder noch so nebensächlich erscheinende Satz, jede winzige Tat, jedes Mundwinkelzucken ins nächste Dilemma leitet und immer dem Ziel der vollendeten Absurdität zustrebt. So eskaliert etwa der Streit um den geteilten Kosakenzipfel, dieses einzigartige Dessert, langsam, aber gewaltig. Von der vereinsmeierischen Höflichkeit der Hoppenstedts und Pröhls im Restaurant, vom ersten "Du", vom noch halbwitzigen Zweifeln am richtigen Teilen über unverhohlene Aggressivität mit hilflosen Beschwichtigungsversuchen, der Rückkehr zum "Sie" – bis zum offenen, geifernden Schlagabtausch; "Jodelschnepfe", "Winselstute" und "Ratte".

Wahrscheinlich ist es sein Ordnungs- und Symmetrie-Fimmel, der ihn wohl zu einem seiner besten Sketche inspiriert: Ein wartender Vertreter, der eigentlich bloß einen Bilderrahmen an der Wohnzimmerwand geraderücken will, setzt damit eine irrwitzige Kettenreaktion in Gang, an deren Ende der Raum vollständig zertrümmert daliegt. "Das Bild hängt schief" wird zu einem oft zitierten Satz in Deutschland.

Brilliante Partnerin

Ab Loriot III ist Evelyn Hamann seine Partnerin in vielen Sketchen. Sie ist Schauspielerin am Bremer Theater und bis auf kleinere Auftritte bisher fernsehunbekannt. "Das Tolle an dieser Frau", schwärmt Loriot in einem Zeitungsinterview, "ist ihr unglaublich wandlungsfähiges Gesicht. Wenn es die Rolle vorschreibt, ist sie im Handumdrehen ein kesses Jeansmädchen von 22, gleich darauf kann sie aussehen wie eine von Enttäuschungen gezeichnete Jungfer um 40. Und plötzlich ist sie wieder eine verliebte, aber schüchterne junge Frau." Zu seinen Parodien braucht Loriot eben eine Partnerin, die es versteht, komisch zu sein, und trotzdem todernst bleiben kann. Evelyn Hamann wird eine brilliante Partnerin. Die Fernsehzuschauer*innen hängen an ihren gequälten Lippen und leiden mit ihr mit, wenn sie beispielsweise als Fernsehansagerin in die Krimistory der "Zwei Cousinen" einführt. Hier das Ende: "Gwyneth Molesworth fährt nach North Cothelstone Hall, aber nicht über Maddle…Middle Addlethorpe, thondern über North Thurston, Thrumpton Castle, Middle Fritham und Nether Addlethorpe. Dort trfft thie Priscilla Molesworth, die mit Lord Moleswoth-Houghton noch nachth von Naddle…Thaddle Nather…Thoddle Nether….Noddle…"

Loriot gelingt, was kaum einem anderen Humoristen vergönnt ist: Seine Sketche brennen sich ins Gedächtnis ganzer Generationen. Tatsächlich gibt es kaum einen Menschen, dem bei der Nennung des Namens Loriot nicht mindestens ein Zitat einfiele, sei es ein gesprochenes, ein gezeichnetes oder gefilmtes: "Das Bild hängt schief", "Die Ente bleibt draußen!", "Ein Klavier, ein Klavier!" oder "Da hab ich was fürs Leben", nämlich das von Loriot erfundene Jodeldiplom. Einige seiner Formulierungen gehen sogar in die Alltagssprache ein: "Männer und Frauen passen nicht zusammen". Oder: "Sagen sie jetzt nichts."

Das Aus nach der sechsten Folge

Nach der sechsten Sendung dann das plötzliche Aus für die Sendereihe: Loriot geht mit Evelyn Hamann und dem Redakteur zum Ausgang von Radio Bremen. Auf die Frage, wie weit Loriot denn mit dem Texten für eine siebte Folge sei, entgegnet er spontan und knapp: "Nein, es gibt keine siebte, es ist zu Ende." Evelyn Hamann und der Redakteur seien vor Schreck ganz grün im Gesicht geworden, berichtet Loriot später in einem Zeitschrifteninterview.

In Sondersendungen zu seinem 60. und 70. Geburtstag blickt Loriot zurück, mischt neue Sketche mit alten, bewährten. Dazu gibt es jeweils eine frisch ausgetüftelte Rahmenhandlung. Zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr feiert er sich quasi selbst. Denn für das einstündige Geburtstagsprogramm lässt er sich als Rahmenhandlung die Geburtstagsfeier in einem feinen Hotel im Kreise fiktiver Freunde einfallen, bei der es natürlich zu Loriot-typischen Peinlichkeiten kommt. Er schreibt und inszeniert neue Sketche selbst, die die alten berühmten Szenen ergänzen. Zum 80. Geburtstag lässt er sich 2003 zum letzten Mal rumkriegen zu einer Geburtstagssendung im Fernsehen.

Mops auf dem Loriot-Sofa vor dem Funkhaus Radio Bremen
Loriot-Sofa mit Mops vor dem Funkhaus von Radio Bremen Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Loriot-Sofa in Bronze

Bis zu seinem Tod bleibt Loriot Radio Bremen freundschaftlich verbunden. Nachdem er 2011 stirbt, lässt der Sender das berühmt gewordene grüne Biedermeiersofa, das im Foyer von Radio Bremen steht, in Bronze gießen. Es steht vor dem Funkhaus und wird für viele Loriot-Fans schnell zu einem beliebten Anziehungspunkt und Foto-Objekt. Zumal auf dem Sofa ein bronzener Mops sitzt, Loriots Lieblingshunderasse. Nicht nur Loriot selbst, auch sein Satz "Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos" wird vielen Menschen noch sehr lange in Erinnerung bleiben.